21. Juli 2006 Wenn ein Mann anfängt, sich lächerlich zu benehmen, weiß man, er meint es ernst. Martin Walser meint es sehr ernst in seinem neuen Roman Angstblüte. Ernst meint es auch sein Held Karl von Kahn, der sich aus verblendeter Verliebtheit zum Gefühlsidioten macht.
Angstblüte ist das Protokoll einer tragischen Entgleisung, die Bestandsaufnahme einer verratenen Freundschaft, die Verneigung vor einer Ehe, eine Liebeserklärung an die Börse und das bisweilen ironische, bisweilen bedrückende Spiegelbild einer im Nerv getroffenen Gesellschaft, deren Hauptwährung die Täuschung ist. Es ist eine Abrechnung mit dem Alter ebenso wie das hemmungslos romantische Manifest einer aussichtslosen Liebe.
Aufbegehren gegen Alter, Krankheit und Tod
In diesem Lebensroman, seinem achtzehnten, bündelt Martin Walser noch einmal seine Urthemen und fügt ihnen eine neue, akute Dimension hinzu: Panik. Der Einsatz hat sich nicht nur in literarischer Hinsicht erhöht. Alles ist hier gesteigert: Der Wert der Bindungen, des Geldes und des Sex. Einzig das Selbstwertgefühl des Helden, der eine Enttäuschung nach der anderen erfährt, bleibt konstant niedrig.
Die Angstblüte bezeichnet den letzten rasanten Fruchttrieb eines Baumes, bevor er abstirbt, ein Aufbegehren gegen Alter, Krankheit, Tod. Der Titel ist gut gewählt. Angstblüte jedoch ein Alterswerk zu nennen, hieße, die Vitalität und den Furor, die Martin Walsers bessere Bücher seit jeher auszeichnen, mit einer Milde und Abgeklärtheit zu betrachten, die sie weder fordern noch verdient haben - und auch selbst nicht an den Tag legen. Angesichts der Ausschläge des neunundsiebzigjährigen Schriftstellers müßten sich viele jüngere deutsche Autoren fragen, ob sie im Vergleich dazu nicht scheintot sind.
Bergauf beschleunigen, lautet sein Mantra
Im Kosmos der Walserschen Hauptfiguren gehört Karl von Kahn einer neuen Schicht an. Bergauf beschleunigen, lautet sein Mantra, und in der Tat hat es der souveräne, gepflegte Herr Anfang Siebzig als Vermögensverwalter in der Kunst der Geldvermehrung, von ihm als Ersatzreligion gepriesen, weit gebracht. Das Zurschaustellen von Reichtum findet er indes banal: Das Absahnen, Gewinnmitnehmen samt Geldausgeben ist die triviale Dimension... Wer aber Geld spart und verzinst, erlebt den ersten Schauer der Vermehrung. Der Zins ist die Vergeistigung des Geldes.
Die subtilen Insignien seines Erfolgs reichen von der feinen Innenstadtlage seines Münchner Büros über seine zärtlich geliebte, kluge Frau Helen, Ehetherapeutin, vegetarische Küchenfee und Opernhasserin, bis hin zu noblen Restaurants, wo Herr von Kahn in beflissener Steigerung der Tatsachen mit Herr Baron angeredet wird und immer einen Tisch bekommt. Er hat eine Geliebte, die er seit Jahren auf der Wartebank verhungern läßt, und eine schwierige Tochter, die mit dem falschen Mann in Ostdeutschland Hühner züchtet und ebenfalls keine große Rolle in seinem Leben spielt.
Karl von Kahns Bruder Erewein begeht Selbstmord
Die erste Erschütterung erfährt Karl von Kahn, als sein älterer Bruder Erewein, der in bescheideneren Verhältnissen lebt, aber, wie sich zeigt, von einer ähnlichen Lebensgier befallen ist, sich aufgrund einer Amour fou und im Blick auf die - in letzter wilhelminischer Sekunde begründete und insofern recht kurze - adelige Familiengeschichte umbringt. Im Prinzipienportfolio seines Bruders kommt Ehre nicht vor.
Nicht, daß Karl von Kahn skrupellos wäre, im Gegenteil. Ihm geht es um eine eigene Auffassung von Reinheit: reine Lügen und reine Verbrechen will er darbringen auf dem Altar der reinen Liebe. Hals über Kopf ist er der jungen Schauspielerin Joni Jetter verfallen, die in einem Film mit dem sprechenden Titel Das Othello-Projekt die Hauptrolle spielen soll - nachdem Karl von Kahn die Finanzierung sichergestellt hat.
Schließlich wird er von allen verlassen
Ausgerechnet er, der stets unabhängig sein wollte, erlebt, daß alle materielle und geistig erarbeitete Unabhängigkeit wertlos wird, wenn ein anderer Macht über einen gewinnt. Unabhängigkeit war ein Wort, das ihm im Vergleich zur Freiheit unmißbrauchbar vorkam. Das war sein Fall. Keiner hat Macht über dich. Und jetzt? Stornier's. Weigere dich. Laß dich von diesem Wort nicht tyrannisieren. Wenn die Sprache gegen das Leben spricht, soll sie schweigen. Basta. Du bist abhängig wie noch nie. Sei hinaus über das, was dich nicht faßt.
Wie sich zeigt, ist das eine ganze Menge. Karl von Kahn wird zu einem Zerrbild seiner selbst. Aus , über deren Peinlichkeit er nicht einmal mehr Bestürzung empfinden kann. Gerade noch so glücklich wie reflektiert in seiner Zweitehe mit Helen geborgen, bis er in der Vernarrtheit zu Joni Lust und Liebe heillos verwechselt, früher maßlos befreundet mit dem Antiquitätenkönig Lambert, bis der ihn mithilfe seiner Frau Gundi, der Teuflischgöttlichen, zu einem Geschäft zwingt, ist er schließlich von allen verlassen: Von Helen, von Lambert, von Erewein und von Joni sowieso. Der Roman endet mit einem Brief, in dem Karl von Kahn zu sich selbst auf größtmögliche Distanz geht - und aus der Unfähigkeit, überhaupt noch von sich zu sprechen, ich zu sagen, letzte Funken einer Traumweltdeutung schlägt.
Ein Feuerwerk verglühender Episoden und Exkurse
Nun wäre Walser kein Schriftsteller von Wucht und flirrendem Format, wenn er nicht mit den Erwartungen der Leser spielte. Jeglicher Versuch, in einzelnen Figuren Porträts oder in der Hinterlist eines Freundes Abrechnungen mit Akteuren des Literaturbetriebs zu sehen, darf indes glücklich scheitern: Diesmal ist Walsers Personal mehr als die Summe seiner Affekte.
Auch wäre Angstblüte kein Walsersches Hauptwerk, wenn es die eigenen Schwächen nicht selbstbewußt ignorieren würde. Streckenweise ähnelt das Buch eher einem Feuerwerk verglühender Episoden und Exkurse als einem Roman, der den Spannungsbogen über fast fünfhundert Seiten durchweg zu halten vermöchte. Auch gibt es einige der gewohnt deftigen Sexszenen, die Henry Miller weniger angeberisch geraten wären, die aber zum verblümten Karl von Kahn, der auch erotisch völlig außer sich ist und darum meint, endlich ganz bei sich zu sein, wiederum passen.
Die Relativitätstheorie der Moral
Erbarmungslos macht Walser den Leser zum Zeugen der peinigendsten Ängste seines Protagonisten: Ob sie Karls linkes Bein entdeckt hatte? Das war zehn Jahre älter als er. Die Innenseite sah aus wie eine verwaschene weißblaue Bayernflagge. Ein Gorgonzolagelände. Er hoffte, es sei ihm gelungen, dieses Adernelend vor Joni zu verbergen. Mit ähnlicher Beklemmung liest man, wie Karl von Kahn eines Nachts seiner Angebeteten alle fünf Minuten verzweifelt hinterhertelefoniert. Gerade weil der hilflos Eifersüchtige selbst diese Demütigungen als solche nicht begreift, gehören diese Szenen zu den stärksten, rührendsten des Buches.
Störrisch bleibt Walser dabei, jedem sein Päckchen deutscher Vergangenheit aufzubrummen, wenngleich bei ihm allein die, die dabeiwaren, auch darüber urteilen dürfen: Es kommt darauf an, zu denen zu gehören, die bestimmen, was gut und was böse ist. Die Relativitätstheorie der Moral muß erst noch geschrieben werden. Nicht nur zwischen den Zeilen steht sie aber auch in diesem Werk: Er muß zugeben, daß es ein Traum war. Daß diesem Traum nichts entspricht in der Welt, in der er lebt. Nichts als eine weltfüllende Armut. Die schmerzt.
Streben nach einer Solistenposition
Man sollte Walsers neuen Helden nicht unterschätzen, weil er reich ist. Wohlstand wird in kulturellen Kreisen - Karl von Kahn würde sagen von der Kulturfraktion - gern als Ergebnis geistiger Armut abgetan: Es gibt offenbar Berufe, die denen, die sie ausüben, gar nicht erlauben, daß sie sie ausüben, um Geld zu verdienen. Daß Walser sich aus dem Milieu der wackeren Lehrer, Handelsvertreter, Werber, Journalisten und anderer abhängiger Angestellter verabschiedet hat, führt zu einer Ehrlichkeit in ökonomischer Hinsicht, die weniger radikal ist, als sie zunächst wirken mag.
Nicht Gier, sondern das Streben nach Unabhängigkeit, eben einer Solistenposition bestimmt Karl von Kahns Handeln ebenso wie Martin Walsers Schreiben. Erst dann nämlich ist man niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig: Sich zu rechtfertigen, sagte Karl von Kahn, ist genauso töricht, wie andere zur Rechtfertigung zu nötigen. Hier blitzt sie wieder auf, die moralische Relativitätstheorie des Martin Walser.
Freundschaft ist von allen Einbildungen die schönste.
Zum Schluß hin, als die Blätter der Angstblüte fallen, steigert sich der Roman nochmal. Nach dem abgebrannten Fegefeuer der Leidenschaften wird die pathetisch beschworene Einsamkeit zum letzten großen Thema dieses gewagten Romans. Alleinsein, das ist gelernt. Du brauchst keinen und keine mehr. Das fühlt sich an wie Glück.
Diese Einsamkeit fühlt sich an wie Heimat; hier wird alles bewahrt, was je wahrhaftig empfunden oder erträumt wurde. Kenntnis tut keiner Beziehung gut. Freundschaft ist von allen Einbildungen die schönste. Erlischt sie, darf's dich frieren. Martin Walser hat einen brennend aktuellen Roman geschrieben.
Buchtitel: Martin Walser: Angstblüte. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 477S., geb., 22,90 €.
Text: F.A.Z., 22.07.2006, Nr. 168 / Seite 44
Bildmaterial: dpa