Adana

Homer hat endlich ein Zuhause - in der Türkei

Von Raoul Schrott

Was aus den Studien zu Kilikien hervorstach, war die Topographie: Denn darin war all das beschrieben, was an Homers anschaulichen Landschaftsbildern nicht in die Troas passte. Fehlt es dort etwa an den saftigen Graswiesen für die troianischen Rossbändiger, war Kilikien schon seit Salomos Zeiten für seine Pferdezucht berühmt. Viel Wasser benötigen auch die von Homer geschilderten Gerstenfelder; in diesem feuchten Schwemmland wurde Gerste dem weniger ertragreichen Weizen vorgezogen - der im Epos darum nur als Pferdefutter dient.

Die darin erwähnten Entwässerungskanäle sowie Deiche und Dämme als Schutz vor Überschwemmungen wären in der trockenen Troas ebenfalls sinnlos; dort wachsen bloß Olivenbäume gut, die in der feuchten Erde Kilikiens wiederum schwer gedeihen - weshalb Homer Olivenöl als Luxusgut darstellt.

Homer - Kein Seher, sondern ein Schreiber

Homer - Kein Seher, sondern ein Schreiber

Homers Heimat heißt Kilikien

Ob krummhörnige und breitstirnige Zeburinder, breite Schilfgürtel, sumpfige Auen voller Pappeln, ob terrassierte Felder und mehrmalige Ernten pro Jahr, große Niederschlagsmengen im Winter, häufig auftretende Nebel oder die Schlammfluten großer Ströme - auch davon kann nicht in der Troas, wohl aber im kilikischen Tiefland die Rede sein. Und nur dort, nirgendwo sonst in Kleinasien, gibt es jenen von Homer beschriebenen Bergkamm, der eine Ebene so entzweiteilt, dass sich an ihm die vom Winterregen angeschwollenen Flüsse stauen könnten.

Bei den Göttern der Ilias ergab sich ein ähnliches Bild. Sie wiesen für das multikulturelle Kilikien - das Mitte des neunten Jahrhunderts unter assyrische Herrschaft geriet - typische Synkretismen auf, in denen alte hethitische, luwische und hurritische Traditionen mit denen der Phönizier und Griechen verschmolzen. So konnte der einheimische Erntegott Kuruni zum sichelschwingenden Kronos werden und Zeus zu seinem Sohn, der von dortigen Gottheiten die Blitze in seiner Hand sowie sein Pferdegespann erhielt.

Die im benachbarten Zypern verehrte Hathor wiederum verlieh Zeus' Gattin Hera ihre Kuhaugen und die Lockenfrisur; seine Tochter Athene übernahm Funktion wie Namen von der phönizischen Anat, deren enge Beziehung zu ihrem Bruder Baal sich in jener zu Ares widerspiegelt, dessen Namen sich seinerseits vom hethitischen Kriegsgott Jarri und dem akkadischen Erra ableitet.

Für Kilikien typische Namen

Dasselbe gilt für die iliadischen Heroen. Das von Homer beschriebene Grab Sarpedons wurde in der Antike nur an einem einzigen Ort verehrt: unweit der Mündung des Kalykadnos. Diesen alten Grenzfluß des Rauhen Kilikien überschreitet auch Bellerophontes, den es von der peloponnesischen Argolis hierher verschlagen hat; seine Kämpfe scheinen dabei die historische Ausbreitung der Griechen bis in unsere Region und weiter zu mythisieren. Seine erste Heldentat besteht etwa darin, die Chimäre zu töten. Wo dieses Monster sein Unwesen trieb, wissen wir dank Hesiod: in den Bergen nördlich des Kalykadnos.

In den Karsthöhlen rund um die alte Stadt Arimmatta - dem „Land von Arima“, wie es unser Epos nennt - situiert Homer deshalb den Mythos des Typhoeus, der das Untier gezeugt hatte. Danach zieht Bellerophontes gegen die Solymier (ein Bergvolk in der Umgegend von Soloi) sowie die Amazonen ins Feld (die in Kilikien mit den Kimmeriern identifiziert wurden), um dann in der alesischen Ebene rund um das heutige Karatepe umherzuirren und schließlich bis zu den Aitolern jenseits des Amanusgebirges nach Nordsyrien zu gelangen, wo die Griechen in Al Mina einen Handelsstützpunkt besaßen.

Dazu kommen viele für Kilikien typische Namen. Die Ableitungen von Priamos und Paris („Parija-muwas“ bzw. „Parija-zitis“) sind so nur dort - und nicht in der Troas - belegbar. Priamos' Gattin Hekabe, seine Ratgeber Uka-legon und Hiketaon, Nestors Beutesklavin Hekamede oder der Heerführer Akamas gehen ebenfalls auf einen kilikischen Sippennamen (“H-aka-b“) zurück; das belegen in Tarsos gefundene Tontäfelchen aus dem siebten Jahrhundert, die auch die Namen „Ida“ und „Kaazi“ angeben, welche in Priamos' Herold Idaios und Priamos' Tochter Kassandra stecken.

Assyrische Reliefs

Direkter von dort übernommen wurden die Namen von Assarakos und Oileus, der Heerführer Bias und Koon sowie viele Namen auf Ai-, die auf den akkadischen Gott Ea zurückgehen: Wo die Gräzistik etwa die Bedeutung des Namens Aias für undurchsichtig hält, ist ein Eias in einer Inschrift der alten Handelsstadt Adanija bezeugt. All dies sind bereits Hinweise darauf, inwieweit Homer den überlieferten Figurenvorrat des troianischen Stoffes erweitert hat, um dem Publikum Identifikationsmöglichkeiten mit seiner Lebenswirklichkeit zu bieten.

Sind viele Verwandtschaften und Bezüge, etwa auch die Mode der Ilias, dem kulturellen Einfluss der assyrischen Besatzungsmacht zuzuschreiben, so haben aber auch deren Feldzüge gegen die Einheimischen ihre Spuren in den Bewaffnungen niedergeschlagen, die das Epos präsentiert. Die Turmschilde darin stammen nicht etwa aus einer mykenischen Rüstkammer - damit schützten sich die Assyrer vielmehr bei der Belagerung der kilikischen Städte vor Pfeilbeschuss.

Hebt Homer die Länge der zweischneidigen Schwerter hervor, dann, weil dieser assyrische Typus den gebogenen Kurzschwertern der Kiliker überlegen war. Im Museum von Adana kann man auch jene Beinschienen betrachten, die sich Griechen wie Troianer in der Ilias anziehen - sie wurden wohl von den Reitervölkern übernommen, die man als „Amazonen“ subsumierte. Und wo assyrische Reliefs zeigen, dass die Kiliker ihre Pfeile in den von Homer erwähnten „rundverschlossenen Köchern“ trugen, haben sie auf ihren eigenen Reliefs jene mit Büschen besetzte und mit Kämmen bewehrte Helme auf, die er ebenfalls detailliert beschreibt.

Novitäten: Einlege- und Bronzegusstechnik

Selbst die fünfzigtausend Krieger beider Seiten entsprechen zu Homers Zeit üblichen Truppenstärken. Dieser Heeresgröße wegen besaßen die Assyrer weder Rüstungen noch Waffen aus Eisen, das damals teurer als Gold war: Im Gegensatz dazu rostete Bronze nicht, wurde weniger heiß, war leichter zu tragen und konnte vor allem in Massen produziert werden. Will er mit Achilleus' und Agamemnons Panzern jedoch Prunkstücke der Waffenschmiedekunst präsentieren, greift er zwei andere Novitäten seiner Zeit auf: die Einlegetechnik mit Zinn und Niello sowie die durch den assyrischen Großkönig Sanherib eingeführte monumentale Bronzegusstechnik.

All dies sind wieder nur einige Punkte von vielen, die den zeitgenössischen Rahmen demonstrieren, in dem Homer den Erzählteppich des alten überlieferten Troiastoffes neu webt. Doch wie war dieser ursprünglich nach Kilikien gelangt? Über die Nachbarregion Zypern und die dort erzählten kyprischen Geschichten - wobei dies ein Argument ist, das die gängige Lehrmeinung einer alten poetischen Überlieferungstradition zu retten vermag. Denn anders als in der Ilias lassen sich in diesen Kypria sehr wohl Verweise auf die alten Kämpfe zwischen Griechen und Hethitern im Umfeld von Troia ausmachen - für die zugleich schon Bezüge auf Kilikien gegeben sind.

An der kilikischen Grenze kommt es zur ersten Schlacht

Da ist einmal Atarsias, der Furchtlose, hinter dessen Namen sich Agamemnons Vater Atreus verstecken mag: Er macht um 1370 mit dem Herrscher von Piggaya (der Nordostküste Zyperns) die Gegend unsicher. So wie sich in den Kypria ein zypriotischer König dem griechischen Heer anschließt, so beteiligt sich der Herrscher von Piggaya mit Atarsias an einer Rebellion gegen das hethitische Reich, die auch auf Troia übergriff.

Als eine von Atarsias' Basen wird dabei eine „Stadt der Achaier“ in Kilikien erwähnt: Denn dort beginnt der hethitische Großkönig seinen Feldzug. Erst danach kann er Atarsias und dessen Bundesgenossen aus dem Westen seines Reichs vertreiben, wobei ihm deren Frauen in die Hände fallen. Da Atarsias jedoch noch einmal allein zurückkehrt - offensichtlich einer privaten Vendetta wegen -, mag dies einen möglichen Ursprung des Helenamotivs darstellen.

Atarsias wird unschädlich gemacht, doch fünfzig Jahre später betritt ein nächster Rebell die politische Bühne: der mit den Achaiern liierte Herrscher Uchaziti („Ucha-Mann“). Da man seinen Namen in der hethitischen Keilschrift „Ucha-lu“ schrieb, ist es verführerisch, in ihm jenen Achi-lleus zu sehen, der bereits in den Kypria eine prominente Rolle spielt. Die weiteren Ereignisse erhärten diese Möglichkeit. Denn Uchaziti - der auch in Kilikien ein Lehen besitzt - paktiert erneut mit dem Flussland Seha gegen die Hethiter.

Der Großkönig reagiert erneut: Zur ersten Schlacht kommt es jedoch an der kilikischen Grenze - wobei ein Himmelsorakel des Wettergottes dem Hethiterkönig den Sieg verheißt. Und wirklich: Widerstandslos marschiert er bis nach Ephesos, worauf Uchaziti übers Meer zu den Inseln flieht. Der Konflikt zwischen den Hethitern und Uchazitis griechischen Alliierten wird darauf bereinigt - was sich daran zeigt, dass man für den siegreichen, inzwischen aber erkrankten Hethiterkönig das Standbild eines achaischen Gottes holt, um ihn gesundzubeten.

Homer setzt das Wissen bei seinem Publikum voraus

Diese Episodik findet in den Kypria ihren Widerhall. Dort wird erzählt, dass die eroberungslustigen Griechen Troia zunächst nicht finden und stattdessen Teuthrania belagern, das im Gebiet von Seha liegt. Da sie dabei eine Niederlage durch den Stadtherrscher Telephos erleiden, tritt Achilleus den Rückzug an und segelt zur Insel Skyros. Der zuvor von ihm verwundete Telephos reist ihm jedoch nach: Ein Orakel hat ihm verheißen, dass seine Wunde nur durch Achilleus geheilt werden kann. Als Dank dafür lotst er die Griechen dann vor das richtige Troia, dessen König Kyknos heißt - die hethitischen Annalen verzeichen um 1350 einen troianischen Herrscher namens Kukunni.

Priamos regierte in dieser Geschichte also noch gar nicht über Troia; und seine Gattin Hekabe, sein Sohn Hektor samt Andromache oder die Aianten fehlen ebenfalls - selbst Alexandros wird nicht unter dem Beinamen Paris erwähnt. Das ist umso erstaunlicher, als die Kypria gleichsam Teil I der Troia-Sage bilden. Die Gründe für diesen Krieg, die Entführung Helenas durch Alexandros als Auslöser der Feindseligkeiten oder das Aufstellen des griechischen Heeres - auf all diese und viele andere grundlegende Episoden spielt die Ilias jeweils nur auf kürzestmögliche Weise an. Homer setzt das Wissen darüber bei seinem Publikum voraus - und das kann er wohl auch deshalb, weil Zypern mit Kilikien schon in der Bronzezeit einen kulturell wie wirtschaftlich engverbundenen Kernraum bildete. Was da erzählte wurde, kursierte auch dort - das verrät auch eine erhaltene Nachricht, der zufolge ein Schwiegersohn Homers, der Zypriote Stasinos, als Verfasser der Kypria galt.

Kein Seher, sondern ein Schreiber

Die Prominenz der Poesie in Kilikien bezeugen mehrere Siegel des siebten Jahrhunderts aus Tarsos, die leierspielende Sänger zeigen. Homer jedoch unterscheidet sich von diesen Alleinunterhaltern: wenn er deren Geschichten aufgreift, um ihnen in seiner Ilias ein anderes Gepräge zu verleihen. Er greift sich vier Tage der Schlacht im neunten troianischen Kriegsjahr heraus - wobei es ihm vorrangig nicht ums Erzählen per se geht: Dazu ist seine durch den Streit um eine Beutesklavin sowie den daraus resultierenden Ehrverlust und Groll des Achilleus motivierte Fabel zu simpel.

Nein, was die Eigenart seines Epos ausmacht, sind die Einschübe - griechische Sagen und Genealogien, assyrische Vertrags- und Rechtspraktiken, Gebete, Opferrituale, die unterschiedlichsten Realien sowie an die tausend namentlich genannte Personen und Orte -, die es zu einer Enzyklopädie seiner Zeit werden lassen.

Schon dieser Anspruch zeigt Homer als einen auch um Dokumentation bemühten Protohistoriker und Protogeographen. Er erweist sich damit als Vertreter jenes elitären Berufsstands, der solch unterschiedliche Textgattungen abzufassen hatte: als Schreiber, der seiner Arbeit in dem Verwaltungsapparat nachging, den die Assyrer in Kilikien etabliert hatten. Deren Beamte hatten nicht nur den Schriftverkehr mit der Hauptstadt zu bewältigen, sondern waren auch als Übersetzer und Ausrufer tätig - was unter anderem die Prominenz von Homers Herolden erklären würde.

Mehrsprachigkeit ist hier der Schlüssel. Im benachbarten Karkemish ist zu dieser Zeit ein Schreiber bekannt, der zwölf Sprachen beherrschte und es bis zum Prinzenerzieher gebracht hatte. In Kilikien war es ähnlich: Das Assyrische war Machtsprache, das Phönizische Verkehrs- und Handelssprache, das Luwische Volkssprache - während das Griechische bloß eine Minderheitensprache darstellte. Diese Konstellation vermag mehrere sprachliche Eigentümlichkeiten der Ilias zu erklären.

Ein barbarisch anmutender Dialekt

Dass die Ilias im ionischen Dialekt verfasst wurde, ist wohl der ab dem achten Jahrhundert vermehrt nachweisbaren Präsenz ionischer Händler und Siedler zuzuschreiben, die in Kilikien auf die griechische Vorgeschichte trafen. Das gibt auch zahlreichen, nur bei Homer vorkommenden Vokabeln einen Hintergrund: In Soloi etwa sprachen die Griechen einen für athenische Ohren barbarisch anmutenden Dialekt, den sie nach dieser alten Hafenstadt Soloikismos nannten. Dass darin auch die Sprache der Einheimischen durchklang, scheint selbstverständlich - weshalb man für das berühmt-berüchtigte w, das in manche Hexameter eingefügt werden muss, um sie korrekt skandierbar zu machen, nicht unbedingt ein mykenisches Erbe anzunehmen braucht.

Der Einfluss des Luwischen wird bereits im Namen der griechischen Siedler hörbar: Wo sie sich selbst als Iaones bezeichneten, wurden sie von den Kilikern Ia-w-ana genannt. Das multikulturelle Umfeld spiegelt sich überdies in den zwei verschiedenen Namen wider, mit denen das Epos Götter wie Menschen, Tiere oder Orte des Öfteren belegt. Nicht zuletzt bietet es den Kontext für die Niederschrift der Ilias in einem Alphabet, das aus adaptierten phönizischen Buchstaben bestand: Die Phönizier dominierten hier ja den Handel - was eine direkte Übernahme ihrer Schrift vor Ort weit plausibler macht als irgendwo am Rand der zivilisierten Welt wie im äußersten Westen Kleinasiens oder dem damaligen Griechenland.

Die Griechen im Vielvölkerreich Kilikien

Nicht nur die Fruchtbarkeit und der Metallreichtum, sondern auch die Nähe der Region zum Osten hatten die Griechen nach Kilikien gelockt. Was schon für die Bronzezeit argumentierbar ist - wo Adanija auf eine danaische Gründung zurückzugehen scheint -, zeigt sich zu Homers Zeit mit aller Deutlichkeit. Einmal mit der assyrischen Hochkultur in Berührung gekommen, übernahmen die Griechen von ihnen nicht nur Tempel-, Palast- und Hausarchitekturen, sondern auch das Modell der Polis als ein Vorbild ihres Staatswesens: all das also, was die Ilias in den Vordergrund rückt, weil es neu ist.

Das betrifft nicht nur Politisches, sondern auch Poetisches. Denn selbst das, was an der Ilias typisch griechisch zu sein scheint - von der Götteranrufung zu Beginn des Epos über seine formelhafte Diktion mit ihren Gleichnissen, der stereotypen Erzählweise, wo jeder Handlung eine Beratung, ein Befehl oder eine Ankündigung vorausgeht, dem Götterapparat, der alles menschliche Handeln zynisch konterkariert, bis hin zu den Vorstellungen, wie Himmel, Erde und Unterwelt beschaffen sind -, findet sich bereits in den Epen des Zweistromlandes. Wo es dort längst standardisiert war, erhält es nun dank der Adaptation in eine andere Kultur neue Frische.

Mit jeder Annäherung an eine fremde Kultur geht das Bestreben um Eigenständigkeit einher. Waren die Griechen in Kilikien eine Minderheit, so rivalisierten sie doch gleichzeitig mit der reichen Kaste der Späthethiter - und beide mit den assyrischen Oberherren. Wie die kriegerischen Auseinandersetzungen zeigen, beanspruchten die Griechen jedoch zusehends mehr Platz.

Ihre Identität in Kilikien zu unterstreichen und den mündlichen Überlieferungen das Prestige der Schrift zu verleihen waren wohl die wichtigsten Motive für die Abfassung eines solchen literarischen Monuments wie der Ilias. Einerseits versucht sie das auch für Kilikien tonangebende Nationalepos des Ostens durch genau doppelt so viele Gesänge zu übertrumpfen, andererseits zeigt sie sich dennoch vom Gilgamesh großflächig abhängig: Achilleus' Freundschaft mit Patroklos gestaltet zwar jene zwischen Gilgamesh und Enkidu neu aus, bleibt der Vorlage jedoch trotzdem bis in Details verhaftet - um nur eine von gut dreißig Übernahmen anzuführen.

Die gegenseitigen Beziehungen waren so alt wie eng

Assimilation und Adaption kennzeichnen aber auch Homers Umgang mit diversen anderen Quellen - wie die vielen Parallelen zum Alten Testament demonstrieren (wo sich der Kampf zwischen David und Goliath als eine bis in die Bewaffnung erkennbare Doublette des Kampfes zwischen Nestor und Ereuthalion darstellt). Diese Überschneidungen verwundern nicht, wenn man weiß, dass auch das Alte Testament Zeugnis einer solchen Akkulturation ist. Es übernimmt etwa zeitgleich assyrisches Kulturgut: Die Sintflutgeschichte wandert vom Gilgamesh in die Genesis; die Geschichte des assyrischen Großkönigs Sargon geht in der Moseslegende auf, und assyrische Staatsverträge geben das Modell für den Bund mit Jahwe ab - konzipiert von judäischen Schreibern als Berufskollegen Homers.

All dies kommt nicht von ungefähr: Kilikien wie die Levante waren zu dieser Zeit bemüht, sich vom assyrischen Reich zu emanzipieren, und ihre gegenseitigen Beziehungen waren so alt wie eng. Die Anwesenheit der Phönizier in Kilikien hatte sich etwa durch ihre „Tarshishflotte“ etabliert, die die Seeroute zwischen Tarsos und Tyros bediente. Nachdem die Assyrer jedoch auf den Libanon und seine berühmten Zedern ein Monopol beanspruchten, wichen die Phönizier in das Amanusgebirge aus, wo sie zu Homers Zeit intensiv mit Holzfällen und Schiffsbau zu Gange waren. Dies stellt den realen Hintergrund für die vielen Gleichnisse unseres Epos dar, in denen detailliert davon die Rede ist.

Die Griechen besitzen zu dieser Zeit Stützpunkte überall entlang des östlichen Mittelmeerbogens: In der Philisterstadt Ashdod hatte ein Ionier die Macht an sich gerissen; im benachbarten Ekron regierte der auch in der Ilias genannte Pandion; und die Regionen um den Kalykdanos und das Rauhe Kilikien gelten selbst in der Bibel als ebenso ionisch wie Teile Zyperns oder die Stadt Tarsos. In Erscheinung treten die Ionier jedoch vor allem als eine Art antiker Wikinger: Die assyrischen Quellen führen sie uns als Kaperfahrer vor.

Unruhepotential in den Vassallenstaaten

Das ist auch das Bild, das Homer von seinen Griechen zeichnet. Anders als der organisierte Heeresverband der Troer ist ihr Heer ein undisziplinierter Haufen von marodierenden Freibeutern zur See und Raubrittern zu Lande. Ihre Kampfbereitschaft muss immerzu angestachelt werden, damit sie nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit Fersengeld geben, und ihr Ehrbegriff ergibt sich erst über die Größe ihres Beuteanteils (die homerischen „Ehrgeschenke“): Städte werden geplündert, Gefangene als Sklaven verkauft und Frauen verschleppt. Es ist jenes für die Ionier typische Söldnerwesen, bei dem man sein Prestige - fern jeder staatspolitischen Legitimierung - erst im Kampf erringt und bei dem, wie das Epos immer wieder betont, der Verlust der schnellen und großen Rudersegler die schlimmste denkbare Katastrophe darstellt.

Feste Allianzen gehen die Griechen erst zu Beginn des siebten Jahrhunderts ein, als das Unruhepotential in den Vassallenstaaten des riesigen assyrischen Reiches zunimmt und sich mit den Phrygern, Kimmeriern und Aithiopiern neue Bündnisparter gegen die assyrische Besatzungsmacht anbieten; sie schließen sich den jeweiligen Aufrührern dort in der Erwartung an, sich in Kilikien und der Levante festzusetzen. So kommt es zu drei großen Rebellionen, die zwar jedesmal von den Assyrern brutal niedergeschlagen werden, aber dennoch zu einer größeren griechischen Präsenz führen. Dies stellt nun den eigentlichen Zeithorizont unseres Epos dar: Es erzählt von diesen Kämpfen.

Homer bleibt überraschend parteilos

Da das freie Erfinden von Geschichten zu Homers Zeit jedoch noch nicht üblich war und man alles Zeitgenössische am Mythos abhandelte, greift er auf die zwei großen Erzähltraditionen der Troiasage und des Gilgamesh zurück. Erstere bot ihm einen Anknüpfungspunkt für die in Kilikien etablierte späthethitischen Fürstendynastien; Letzterer ein auch für die assyrischen Machthaber verbindliches Paradigma.

Und so wie bereits in den Kypria den de facto jedesmal geschlagenen Griechen der Mantel der hethitischen Sieger umgehängt wurde, vertauscht Homer auch in der Ilias die Rollen: Wo seine Troer für die späthethitischen Kiliker stehen können, verleiht er seinen Griechen - allen voraus Achilleus - stellenweise Züge, die deutlich auf Hybris und Grausamkeit der Assyrer verweisen. Doch bleibt Homer dabei überraschend parteilos: Die verweichlichten Troer erwecken letztlich genauso viel Sympathien wie die Griechen, und überdies stehen auf beiden Seiten Krieger mit griechischen Namen - was die damaligen Loyalitätskonflikte wiedergeben mag.

Homer in der assyrischen Schreibstube

Diese Spannungen lassen sich auch auf die Person Homers übertragen. Das in seinem Epos assimilierte Kulturgut weist ihn als Griechen aus, der sich von der Dominanz einer fremden Kultur ebenso fasziniert zeigt, wie er sie zugleich mit der eigenen Tradition zu vereinen sucht - was wir heute durchaus auch von türkischen Migrantenfamilien der zweiten oder dritten Generation kennen. Hinzu kommt, dass jeder Schreiber damals einen Treueschwur ablegen musste: was erklären mag, weshalb Homer mit jedweder offen formulierten Kritik - anders als sein Zeitgenosse Archilochos - derart hinterm Berge hält.

Dass wir uns Homer als Schreiber vorstellen müssen, der in einer der Schulen sein Handwerk gelernt hatte, die die Assyrer in Kilikien etabliert hatten, geht nicht nur aus seiner genauen Kenntnis des Gilgamesh hervor, sondern auch aus seinen Anleihen bei anderen assyrischen Epen, die damals ebenfalls Unterrichtsstoff eines fixierten Curriculums bildeten.

Sein Text zeigt zudem, dass er auch Zugriff auf ein Archiv assyrischer Annalen gehabt haben muss, wie es wohl der assyrische Gouverneur in Adanija oder ein Tempel in Tarsos besaß. Aus ihnen gewinnt er nicht nur eine ganze Reihe von stilistischen Topoi; er arbeitet auch darin dokumentierte Ereignisse und Personen in den alten Troiastoff ein. Dass man einem Griechen Zugang dazu gewährte, ist weniger ungewöhnlich, als es scheint. Von den Schreibern der Assyrerzeit wissen wir, dass die Hälfte von ihnen aus den eroberten Provinzen der Levante stammten und diese ihre Texte nicht auf Tontafeln einritzten, sondern sie auf Papyrus schrieben: wie Homer seine Ilias.

Essen, Wissensdurst und Voyeurismus

Bezeichnend ist dabei, dass diese nicht assyrischen Schreiber überwiegend bartlos dargestellt werden - woraus man geschlossen hat, dass sie sich die Ehre dieses gleichsam ministeriellen Berufsstandes durch eine Kastration erkauft haben könnten: was ebenfalls gut zu unserem Epos passt. Denn Gelage sind dort so überreich und lustvoll geschildert, wie andererseits von Sex keine Rede ist.

Wer es im freizügigen Umfeld des Vorderen Orients, aber auch bei den Griechen - man denke an den pornographisch brillierenden Archilochos - für nötig hält zu erwähnen, dass es „ganz natürlich ist, wenn Mann und Frau miteinander schlafen“, kann durchaus als Eunuch gelten, der seinen Triebrest durch Essen, Wissensdurst und den Voyeurismus seiner Kampfbeschreibungen sublimiert.

Von der menschlichen Anatomie ist bei ihm jedenfalls nur im Zusammenhang mit Verwundungen die Rede - bei denen sich alles Phallische auf Waffen verlagert. Dass Homer sich dennoch als subtiler Psychologe mit einem Gespür für feinste menschliche Zwischentöne zeigt, stellt unter diesem Gesichtspunkt keinen Widerspruch dar: Psychoanalytisch gesehen, verrät dies eine Haltung, die sich durch solch einen Fetischismus von Dingen vor weiteren seelischen Verletzungen zu schützen versucht.

Die Relevanz der Troiasage

Wo solche Aussagen zur Person Homers spekulativ bleiben müssen, zeigt uns der Text der Ilias jedoch einen Schreiber, der die aus der assyrischen Hauptstadt verschickten Siegesberichte samt der kilikischen Zeitgeschichte für sein Epos benützt, wo der überlieferte Troiastoff ihm Raum dafür lässt. Das beginnt mit Awarikas aus dem „Haus des Mopsos“ in Pahri, der um 740 vor Christus durch eine Statue des lokalen Zeus unter Beweis stellt, dass seine als Achaier und Danaer bezeichneten kilikischen Untertanen sich nunmehr dem assyrischen Großkönig unterworfen haben.

Da ist nicht nur eine von mehreren Inschriften, die diese in der Ilias austauschbaren Bezeichnungen für Homers Griechen bezeugen: Der mythische Seher Mopsos - der nach einem Streit mit dem iliadischen Seher Kalchas von Kleinasien nach Kilikien auszog, um entlang seines Weges Städte zu gründen - belegt auch die Relevanz der Troiasage für unsere Gegend. Und wo die griechische Sage als Vater des Mopsos den Kreter Rhakios nennt, verbirgt sich hinter Awarikas die luwisierte Schreibweise ebendieses Namens - den Homer als Assarakos zum Großvater des Priamos macht.

Die Fiktion einer ungebrochenen Dynastie

Herrscht Awarikas über das kilikische Tiefland, so regiert dessen Vater über die nördlichen Hochebenen von Tabal. Als der jedoch mit seinen Tributzahlungen säumig wird, setzen ihn die Assyrer ab und heben stattdessen einen „Niemand“ auf den Thron, einen gewissen Huliyas - den Homer als Oileus im Epos unterbringt. Aber auch das nützt nichts, denn nun machen sich überall Griechen breit, die von der Seehandelsroute zwischen Tarsos und der Levante zu profitieren versuchen. Daraufhin marschiert der Assyrerkönig Sargon II. 715 in Kilikien und Tabal ein, wobei es zum Kampf mit den griechischen Schiffen und ihren Besatzungen kommt, der eine erste Folie für dieses zentrale homerische Motiv abgibt.

Die Lage in Kilikien wieder unter Kontrolle gebracht, schafft Sargon auch in Tabal Ruhe, indem er Huliyas' Sohn Ambaris aus der assyrischen Hauptstadt holt. Um sich seiner Loyalität zu versichern, gibt er ihm seine Tochter Ahat-Abisha zur Frau und das Rauhe Kilikien - wo die aufrührerischen Ionier ihre Basen haben - als Mitgift. Wie sich bald zeigt, ist dies ein wahres Danaergeschenk, im zweifachen Sinn. Denn Ambaris beginnt sofort wieder gegen Sargon zu paktieren, worauf es zu einer großangelegten Belagerung von dessen tabalischem „Troia“ kommt und er samt seinem Hofstaat wieder nach Assyrien verschleppt wird. Zurück bleibt Ahat-Abisha, die nun an seiner Stelle weiterregiert, um die Fiktion einer ungebrochenen Dynastie bis zum Ende der nächsten Revolte 695 aufrechtzuerhalten.

Unter der Fuchtel der Gattin

Dieses Ehepaar scheint Homer als Vorbild gedient zu haben, um zwei Figuren des Troiastoffes ein neues Profil zu verleihen: Helena und Alexandros, der nun - in Anspielung auf Ambaris ebenso wie auf den danaischen Herrschersitz in Pahri - den Beinamen Paris erhält. Offensichtlich griechischer Abstammung wie der troianische Alexandros, der Sohn eines Niemand, als Höfling frisch aus der assyrischen Haupstadt gekommen (deren Sitten seit jeher als dekadent gegolten hatten) und mit einer fremden Frau im Schlepptau, musste er der den Danaern als reiner Prätendent erschienen sein. Von Sargon als „Trottel“ bezeichnet, mochte er zwar - wie der iliadische Alexandros - versucht haben, sich auf dem Schlachtfeld als Mann zu erweisen: Da er sich aber nicht einmal zwei Jahre hielt, konnte er durchaus als jenes Weichei und gelten, als das Homer uns Paris präsentiert.

Wie dieser - den Homer meist abschätzig nur als „Mann der Helena“ bezeichnet - stand Ambaris dabei unter der Fuchtel seiner Gattin: Auch Helena hat für Paris bloß Vorwürfe bereit und wünscht sich, er wäre auf dem Schlachtfeld gefallen, statt unehrenhaft vom Kampfgelände zu verschwinden. Dass Helena wiederum Züge von Ahat-Abisha erhalten hat, zeigt sich daran, dass sie nach Ambaris' Absetzung die Autorität im Land behielt - eine für die damalige Zeit wahrlich ungewöhnliche Situation. Sie musste in Tabal wie ein Fremdkörper gewirkt haben, mehr gelitten denn geliebt. Wie Helena konnte wohl auch sie klagen, dass sie „das Land ihrer Väter im Stich ließ, ständig scharfen Worten seitens der Herrscherfamilie ausgesetzt“ - um wie diese ebenfalls zwanzig Jahre in der Fremde verbringen zu müssen.

Unterstützung von danaischen Hilfstruppen aus Kilikien

Sargon selbst fällt dann in Tabal im Jahr 705 in einer Schlacht gegen die Kimmerier; ihn ereilt ein Schicksal, das auch in der Ilias als das schlimmste denkbare bezeichnet wird - unbestattet im Feindesland zu sterben, die eigene Leiche geschändet. Um Klarheit darüber zu erlangen, wie es einem solchen unglücklichen Opfer in der Unterwelt ergeht, wird kurz darauf dem Gilgamesh-Epos eine zwölfte Tafel angehängt.

Es ist dies jene Fassung des Gilgamesh, die Homer vorliegen hat: Denn aus diesem Addendum übernimmt er bezeichnende Einzelheiten für Patroklos' unbestatteten Totengeist und wie er Achilleus erscheint. Der hat vor ihm ebenso große Angst wie Sargons Thronfolger Sanherib, der Kilikien aus Angst vor seinem zum dämonischen Wiedergänger gewordenen Vater jahrelang meidet - und das, obwohl dort inzwischen die zweite große Rebellion ausgebrochen ist, welcher sich auch die Judäer in Jerusalem angeschlossen haben. Ihrem König Hiskia stehen dabei danaische Hilfstruppen aus Kilikien mit den für Homer typischen „rundverschlossenen Köchern“ zur Seite - unter dem Kommando eines Achaiers: des „Sohns des HSRQ“, hinter dem man einen Sohn des Awarikas/Assarakos vermuten kann.

Das Alte Testament in der „Ilias“

Die Ereignisse dort liefern Homer dann die ersten Motive für die Anfangsszene der Ilias. Denn die Schilderung von Sanheribs Belagerung von Jerusalem 701, wie sie durch die assyrischen Annalen, im Alten Testament und bei Herodot überliefert ist, stimmt in bezeichnenden Details mit dem Ersten Gesang überein - wo Homer sie auf seine Streitparteien verteilt. Analog zum griechischen Propheten Kalchas und dem troianischen Priester Chryses verheißt der Prophet Jesaja König Hiskia einen guten Ausgang der Belagerung, wenn er seinem Gott Brandopfer darbringt.

Chryses wird samt der Lösegeldsumme für seine gefangene Tochter genauso von Agamemnon verhöhnt wie Hiskias Gesandtschaft von Sanherib - obwohl diese ihm eine schier unermessliche Entschädigung (einschließlich Hiskias Töchtern) für die Aufhebung der Belagerung anbietet. Und so wie Sanheribs Heer dann den Kampf um Jerusalem wegen einer im Heer wütenden Seuche aufgeben muss - die bei Herodot durch eine Mäuseplage und in der Bibel durch den Engel des Herrn ausgelöst wird, der in der Nacht herabkommt, um 185.000 Assyrer niederzustrecken -, kommt auch Zeus' Sohn Apollon in der Nacht auf die griechische Armee hernieder, um die Griechen mit seinen giftigen Pfeilen zu dezimieren; er wird dabei - das einzige Mal in der Ilias wie überhaupt im Mythos - als Mäusegott bezeichnet.

Kampf mit den Ioniern und ihren Schiffen

Nachdem er die mit den Kilikern verbündeten Judäer erneut in sein Reich zwangseingegliedert hat, wartet Sanherib bis 796 ab, um gegen die rebellischen Kiliker vorzugehen: Die Revolte dort dauert somit genau jene neun Jahre an, in denen auch die Troianer ihren Belagerern Paroli bieten können. Ungewöhnlich ist, dass der assyrische Feldzug nicht vom König selbst geleitet wird. Offenbar immer noch aus Angst vor seinem zum Wiedergänger gewordenen Vater, lässt Sanherib zwei seiner Generäle in den Kampf marschieren - ein Motiv, das Homer zum Groll des Achilleus umdeutet: Auch der sieht untätig zu, wie Agamemnon und Menelaos sich gegen die Troer schlagen.

Was Sanherib mit dem kilikischen Rebellenführer Kirua daraufhin anstellt, verarbeitet Homer ebenfalls in seiner Fabel: Er lässt ihn in seinem Lager häuten und schändet ihn damit wie Hektor, der von Achilleus täglich um Patroklos' Grab geschleift wird. Dass Hektors Haut dank der Götter keinen Kratzer abbekommt, ist bei Homer wohl als versöhnliche Geste zu verstehen, mit der er bei seinem gemischten Publikum bemüht ist, die alten Wunden zwischen Assyrern, Kilikern und Griechen wieder zu schließen.

Die Quellen berichten weiter, dass es - wie in der Ilias - an der Küste Kilikiens erneut zu einem Kampf mit den Ioniern und ihren Schiffen kam. Als Austragungsort kommt nur die Ebene zwischen Kydnos und Saros sowie der Hafen von Tarsos in Frage. Es war dies eine U-förmige, sechs Kilometer lange und von zwei Kaps eingerahmte Bucht, die - anders als der kleine Schiffslandestrand vor dem historischen Troia - ganz Homers Beschreibungen entspricht.

Heroischer Stil

Was mit Tarsos geschah - das sich inzwischen seiner Besiedlung durch jene Argeier rühmte, die im Epos als dritter Name für die Griechen eingesetzt werden - spiegelt sich ebenfalls in der Ilias wider. Die auf einem Steinfundament ruhende Palisade wurde samt ihrem hölzernen Wehrgang ebenso niedergerissen wie der Wall des griechischen Schiffslagers von Hektors Troianern, die Stadt zerstört und der Fluss durch sie umgeleitet - genauso wie es das Epos auch für das griechische Lager in Aussicht stellt. Homer malt dies nur noch dramatischer mit Einzelheiten aus, die er aus jenen assyrischen Annalen kompiliert, welche die Flutung Babylons schilderten.

Das ist nicht das letzte Mal, dass Homer auf diese Kriegsberichte zurückgreift: Wo diese sonst kurz und standardisiert abgefasst sind, befleißigt sich einzig die Schilderung der Schlacht von Halule am Tigris 691 eines heroischen Stils. Den schlachtet er für sein Epos auch Satz für Satz aus: Vom Katalog der aufzulistenden Truppen bis zu den Einzelheiten dieses Massakers lässt sich eine Stelle der Ilias um die andere als Parallele danebenhalten.

Wie aus Karatepe Troia wurde

Die Jahre 695 bis 676 stellten für Kilikien die Blütezeit der Danaer und Achaier dar. Als Symbol seiner Herrschaft erbaut sich ihr nunmehriger Herrscher Azatiwada beim heutigen Karatepe eine Burg und lässt auf einer riesigen Statue der lokalen Zeusfigur eine phönizisch-luwische Bilingue einmeißeln, in der er sich - in einem Ton, der sich von allen anderen Königsinschriften dieser Zeit völlig abhebt -, auf dieselbe Weise präsentiert wie Homer seinen Priamos.

Wie dieser seinem Namen nach, ist auch Azatiwada wortwörtlich der „Erste unter all den Königen“, ein „von Zeus bestellter Herrscher“ und Günstling jenes lokalen Apollon namens Tiwada, der auch in der Ilias als Schutzgott Troias gilt. Azatiwada werden in dieser Inschrift Freundlichkeit und Väterlichkeit attestiert wie Priamos von Helena und allseits bekannte Gerechtigkeit und Weisheit, wie sie ihm Priamos' Gattin Hekabe zugutehält; er gibt sich darin als ebenso betagt zu erkennen wie der troianische König, hat wie dieser gegen die kimmerischen Amazonen gekämpft und spricht überdies von einer Nebenlinie seines Herrscherhauses, die in der Ilias durch den Dardaner Aineias verkörpert wird.

Prunkstück von Azatiwadas Zitadelle sind Torportale, in deren Reliefs die Götterwelt allem menschlichen Treiben so diametral gegenübersteht wie im Epos. Diese Orthostate zeigen dabei nicht nur griechischen Einfluss - unter die Hälfte von ihnen lassen sich auch Stellen aus der Ilias gleichsam als Bildlegenden daruntersetzen. Um nur einige Beispiele herauszugreifen: Da werden griechische Schiffe dargestellt, die jede Charakteristik von Homers Ruderseglern vor Augen führen.

Daneben sind Festmahl-, Opfer- und Hochzeitsszenen ausgeführt, die ebenfalls den iliadischen Schilderungen entsprechen: von der Kleidung über die Musikinstrumente bis hin zu den auf dem Schild des Achilleus beschriebenen Sprungtänzern, für die Karatepes Nachbarstadt Kastabal bis in die Spätantike berühmt war. Die typisch iliadische Hirschhatz und die Löwenjagd finden sich dort ebenso wie Martialisches - dessen Parallelen zum Epos noch weit bezeichnender sind.

Selbst die Reihenfolge der Reliefmotive wird gewahrt

Denn unüblich für die Kunst dieser Zeit, finden sich hier Reliefs von Kriegern im Zweikampf: Deren Bewaffnung und griechisch gerade Nasen entsprechen nicht nur Homers Beschreibungen, auch das Gegenüber zweier Helden gehört bei ihm ja zum erzählerischen Prinzip. Weit verblüffender ist, dass diese sogenannten antithetischen Kriegerdarstellungen auf dieselbe Weise durch bildliche Vergleichsebenen erweitert werden wie die homerischen Kämpfe durch poetische Gleichnisse.

So ringt einmal auf der unteren Bildfläche ein lanzenbewehrter Held mit einem Löwen, während oben ein Greifvogel einen Hasen in den Krallen hat: Bei Homer wird Menelaos erst wie ein Löwe von troianischen Speeren bedrängt; keine zehn Verse später stürzt er sich dann auf Antilochos wie ein Adler auf einen Hasen. Selbst die Reihenfolge der Reliefmotive wird bei Homer gewahrt: Am Nordportal ist zuerst eine Muttergöttin im Chiton zu sehen, die ihrem Königssohn mit exakt jener Geste die Brust gibt, die in der Ilias zwischen Hekabe und Hektor beschrieben wird, als dieser vor dem Stadttor Achilleus erwartet. Daneben füllt ein Vogelgenius den ganzen Bildbereich aus - ein solcher von Zeus geschickter Adler erscheint Priamos, als er Hektors Leiche zurückholt.

„Steiler und windumwehter Fels“

Widersprechen die Lage und die Ausgrabungen des historischen Troia Homers Schilderungen, bietet Karatepe klare Entsprechungen. Anders als Troia auf seiner bloß zwanzig Meter über der Ebene liegenden Plateaukante, liegt diese Burg wirklich auf einem 225 Meter hohen „steilen und windumwehten Fels“, so dass sich die Mauer mit ihren Wehrtürmen als „Krone von Türmen“ präsentiert. Grub man in Troia nur zwei kleine Megara als Tempel- und Empfangsräume aus, findet sich hier ein Palast, dessen Gemächer - ganz wie bei Homer - um einen Innenhof gruppiert sind.

Im Gegensatz zu Troia, das stets mehrere Tore sowie eine große, von Homer nirgendwo erwähnte Unterstadt besaß, weist diese von einem Wall umfasste Festungsstadt auch nur jene zwei von Homer beschriebenen Tore auf: das „dardanische“, von wo der Weg nach Adanija führte, und das „skaiische“ Portal hinunter zum Pyramos, den Homer Skamandros nennt. Fährt Priamos von seinem Palast auf der Akropolis deshalb durch die Stadt hinunter zum Tor, entspricht auch dies den Gegebenheiten - und auch, dass er den Fluss erst ein ganzes Stück weiter beim Hügel des Ilos überqueren kann. Um diese Furt zu kontrollieren, wurde Azatiwadas Burg ja erbaut - rund um sie konzentriert sich deshalb die Schlacht der Ilias, was vor Troia beim Karamendres-Bächlein nicht den geringsten Sinn ergibt.

Ein langer Hügelgrat

Damit sind wir bereits bei Homers Angaben zur unmittelbaren Umgebung Karatepes. Bei der Götterschlacht etwa beziehen Hera und Poseidon Position auf einem gegenüberliegenden Hügel, wo sich Herakles' Festung befindet, während Ares sowohl in Troia als auch auf dem gleich daneben aufragenden Kamm des „Schönen Hügels“ am Simoeis herumwirbelt.

Auch davon kann rund um Troia keine Rede sein; unmittelbar gegenüber von Azatiwadas Festung erhebt sich jedoch ein solch langer Hügelgrat, unter dem ein Flüsslein in den Pyramos mündet - während auf der Kuppe jenseits des Pyramos die Ruinen einer alten Burg aufragen, die zwei Jahrhunderte zuvor zerstört wurde. Überdies macht ein Spähposten vor Troia, das selbst den besten Blick über die Ebene bietet, ebenso wenig Sinn wie der Hügel der Batiea, an dem Homer das troianische Heer aufmarschieren lässt.

Bei Karatepe hingegen, wo sich eine Hügelkette zwischen die Zitadelle und die alesische Ebene schiebt, lässt sich diese Batiea identifizieren, die in der Ilias auch der „Hügel mit dem Zeichen der springenden Myrine“ genannt wird. Klettert man den Kale Babaoglan genannten Sporn hinauf, sieht man, dass Homer damit ein späthethitisches Relief gemeint hat, das in die Felswand dort eingemeißelt ist. Es zeigt einen griechischen Krieger vor einem springenden Pferd, auf dem eine Gottheit sitzt, die sich als die Amazonenkönigin Myrine interpretieren lässt, die in den kilikischen Legenden eine große Rolle spielte. Der strategischen Bedeutung dieses Hügels wegen befindet sich auch heute noch ein Wehrturm darauf - wer wie die Assyrer über die alesische Ebene kam, musste erst diese Stellung einnehmen, bevor er Karatepe belagern konnte.

Azatiwadas Festungsstadt wurde im Verlauf der dritten und letzten kilikischen Rebellion im Jahr 676 so zerstört, wie es Homer für sein Troia in Aussicht stellt. Angeführt wurde sie von Azatiwadas ehemaligem Vasallen Sanduarri - der wie Kirua zuvor Homer als weitere Vorlage für Hektor diente. Homer hatte dabei nicht nur ihre imposanten Brandruinen vor Augen, sondern auch eine nach Sanduarris Tod eingemeißelte Inschrift, die - wie bei Hektor - auf eine Heldentat „vor dem Stadttor“ anspielt. Die Belagerung der Zitadelle zog sich dabei länger hin als bei jeder anderen assyrischen Kampagne; sie konnte erst im Winter eingenommen werden - was Homer die Jahreszeit seines Krieges vorgab.

Ein kilikisches Thebe in der Troas?

Die Rückzugsgefechte führten Sanduarri bis ins Rauhe Kilikien, wo sich dieser „schnellfüßige“ Krieger, wie es in den Annalen des Assyrerkönigs Asarhaddons heißt, „bis in die Stufen weitentfernter Berge begab, von denen ich ihn wie ein Vogel herunterholte“. Das lieferte Homer das Motiv der Flucht Hektors vor Achilleus, der ihn „wie eine scheue Taube über Berg und Tal“ hetzt, bevor er ihn töten kann. Wobei die Ilias dem „Sohn Ukatalas“ auch ein Denkmal setzt, indem sie Sanduarris Vater unter dem Namen Hiketaon zum Bruder des Priamos macht und zu dessen Beraterstab auch einen Ukalegon zählt.

Bei all diesen Bezügen stellt sich natürlich die Frage, ob Homer Kilikien je direkt erwähnt. Natürlich - und das bereits im Ersten Gesang, wo uns Eetion als mythischer Herrscher über das kilikische Volk begegnet, der in Troias Nachbarstadt Thebe residiert. Ein kilikisches Thebe in der Troas? Das ist auf den ersten Blick so, als würde man von einem niedersächsischen Camelot in Irland reden. Ebendies aber verrät den Projektionsmechanismus Homers, der wie jeder Dichter nach ihm seine Zeitgeschichte auf einen alten Stoff und seine ureigenste Umgebung auf die Topographie seiner Fiktion überträgt. Denn dieses „kilikische Thebe“ stellt sich als genau jener Schlüsselstein heraus, der seinen Brückenbogen vom Hier und Jetzt ins Damals und Dort festfügt und krönt - sowohl episch wie geographisch.

Aus diesem Ort stammt nicht nur die Beutesklavin Briseis, die den Streit zwischen Achilleus und Agamemnon auslöst; von dort stammt auch das Beipferd Pedasos, das als einziges sterbliches neben Achilleus' göttlichen Rössern in den Kampf zieht, um Patroklos' Tod mit allem Pathos vorzubereiten - vor allem aber die klar und hell klingende Leier, mit der Achilleus vom Ruhm der Krieger singt.

Heiße und kalte Quellen

Stellt Homer sich damit letztlich selbst dar, so wird durch diese Stadt zugleich deutlich, dass er mit der mythischen Troas eigentlich sein Kilikien meint. Denn wie wir dank Cicero wissen, nannten sich die Bewohner von Karatepes Nachbarort Kastabala - einer ehemaligen Haupstadt Kilikiens - selbst „das Volk von Thebe“.

Liegt in der Ilias das steile Pedasos als Hauptstadt der kriegsliebenden Lelegern unweit dieses kilikischen Thebe, so hat dann auch Cicero noch damit zu tun, einen Nachbarort der Tebaraner zu erobern: das steile und hoch gelegene Pindenissos im Amanusgebirge, das Plinius Pedalie nennt und das etwa dreißig Kilometer östlich von Kastabala liegt. Dort wiederum sind auch jene Kikonen nachweisbar, die bei Homer rund um Thymbra Aufstellung nehmen: Dahinter verbirgt sich eine alte kilikische Festung namens Timru. Und erstreckt sich Priamos' Herrschaftsgebiet in der Ilias bis nach Chryse, so weist ein Grenzstein in Karatepe dafür den Ort KRSY aus.

Das sind bei weitem nicht die einzigen Orte der Ilias, die sich in Kilikien lokalisieren lassen. Die sieben Städte des sandigen Pylos, die Agamemnon dem Achilleus als Versöhnungsgeschenk anbietet? Sie finden sich ebenfalls alle in der Umgebung der alesischen Ebene - von Hire (dem alten Stadtstaat Hiri-ka) bis zu Kardamyle (dem alten Karta-mutra) und Apaia (dem heutigen Payas). Das Herrschaftsgebiet von Nestors Pylenern? Es lag mit seinen in der Ilias aufgelisteten Städten westlich vom heutigen Malatya, auf dem Gebiet des alten Tabal.

Die Epeer des Landes Elis, gegen die er dann Krieg führt? Sie saßen nördlich des Amanusgebirges, wo die Hethither ein Apaja und einen Berg namens „Ilisa“ erwähnen, um die iliadischen Orte Olenos, Alesion und Bouprasion als Alimus, Alhisa und Puparash aufzulisten. Südöstlich davon, jenseits des Amanus, lag das Gebiet jener Aitoler, die einen Kampf gegen die Kureten führen - die alten Quellen kennen dort ein Gebiet namens Atalura, das an den Stadtstaat Kurata grenzte: und, und, und . . . Es ist hier kein Platz mehr, um zu schildern, wo sich die heißen und kalten Quellen befinden, die den Wendepunkt des Wettlaufs zwischen Hektor und Achilleus darstellen, oder, spannender noch, wo Hellas und die Phthia eigentlich liegen, welche Homer zu Achilleus' Herrschaftsgebiet zählt und wo sich der Stammsitz seines Vaters Peleus befand - sie alle sind in Kilikien verortbar.

Was verrät der Name Homers?

Zum Schluss möchte ich noch auf den Namen Omeros eingehen, von dem man weiß, dass er im griechischen Raum keinen plausiblen Kontext besitzt, so dass man sich schon in der Antike zu den unwahrscheinlichsten Etymologien gezwungen sah, um seine Herkunft zu erklären. Bei den Phöniziern hingegen war eine Bezeichnung bene omerim - „Söhne der Sänger“ - für ihre Dichter ebenso wahrscheinlich (“Omar“ bedeutet auch heute noch Sänger), wie in der Bibel ein homer das Maß für eine Eselslast voll Saatgut und für einen Morgen an damit bestellbarem Land ist.

Bei dem levantinischen Einfluss in Kilikien, vor allem aber all den sprechenden Namen in der Ilias wäre es ein Wunder, wenn Homer nicht auch mit den Bedeutungen seines Namens gespielt hätte. Nomen est omen galt damals mehr noch als heute - und Homer zeigt sich in dem Maß als Dichter, wie er zugleich durch seine vielen ländlichen Gleichnisse brilliert, bei denen der Beschreibung von Kornfeldern (und daraus vertriebenen Eseln) ein besonderer Stellenwert zukommt.

Überdies stellen seine Erzählungen von den Taten der Pylener, Epeer, Aitoler und Kureten die umfangreichsten Einschübe in sein Epos dar. Möglicherweise misst er ihnen einen solchen Stellenwert bei, weil sie zu jenen Sagen gehörten, die ihm seine Familie erzählte. Tatsache jedenfalls ist, dass sich ziemlich genau im Zentrum dieser Regionen noch in der Spätantike eine Stadt findet, die heute auf syrischem Gebiet liegt und Amaranli heißt: Damals hieß sie Omeros.



Buchtitel: Ilias
Buchautor: Homer

Text: F.A.Z., 22.12.2007
Bildmaterial: AFP, picture-alliance/ dpa

 
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