Von Gina Thomas
Im kessen glottalen Singsang der Cockneys ruft eine schmutzstarrende viktorianische Gestalt der Menge zu: Everyone 'appy? Die Frage ist bloß rhetorisch gemeint. Der Mann trägt einen verbeulten Zylinder und hat sich ein zerfranstes Tuch um den Hals gebunden. Er nennt sich William Sykes. Seine Frage beantwortet er selber. Natürlich seid ihr alle glücklich, brabbelt er jovial fort. Ihr seid Briten, und ihr steht Schlange!
Den Wartenden ringt er damit nur ein müdes Lächeln ab. Dieser William Sykes, nicht zu verwechseln, wie er betont, mit dem grausamen Schurken Bill Sikes aus dem Dickens-Roman Oliver Twist, ist einer von rund fünfzig Statisten, welche die potemkinsche Kulisse dunkler Gassen und rußiger Häuser in Dickens World, dem kuriosesten aller Freizeitparks, beleben und der Zeitreise ins neunzehnte Jahrhundert Authentizität verleihen sollen, nach der Art von Micky-Maus und Freunden in der Phantasiewelt von Disney.
Perfekter Familien-Kurzurlaub im Armenviertel
Während Disney World eine saccharinsüße heile Welt beschwört, aus der das Böse mit einem Schwenk des Stabes weggezaubert wird, transportiert Dickens World Jung und Alt in das Elend der viktorianischen Ära, das Charles Dickens als Kind am eigenen Leib erfahren und in seinen Romanen so nachdrücklich geschildert hat. Gruselkabinette und Geisterbahnen gehören von jeher zur Jahrmarkt-Kultur, aber ein ganzer Vergnügungspark, der durch die - freilich keimfreie, behindertengerechte und mit dem Siegel der geprüften Sicherheit versehene - Nachbildung der Großstadtmisere des neunzehnten Jahrhunderts für Erheiterung sorgen will, hat etwas Abstruses. Dickens World preist sich jedoch als Traumausflug an und wirbt mit Sonderangeboten in umliegenden Hotels für den perfekten Familien-Kurzurlaub.
An der Idee, Leben und Werk des großen Schriftstellers als Leitfaden für einen Themenpark zu nehmen, wird seit fast dreißig Jahren gefeilt. Zunächst war ein Grundstück nahe dem Londoner King's-Cross-Bahnhof ausersehen, der bereits durch das nächste Sujet eines Freizeitparks, Harry Potter nämlich, literarischen Ruhm erlangte. Aber die steigenden Immobilienpreise vertrieben die Investoren in andere Regionen. Wichtig für das Gelingen ihres Projekts schien ihnen ein Standort mit einem Bezug zu Dickens. Sie fanden ihn schließlich im Mündungsgebiet der Themse am Südufer des Medway. Hier, in der Hafenstadt Chatham, wo sein Vater als Marinezahlmeister beschäftigt war, verbrachte Dickens fünf glückliche Jahre, auf die er später umso wehmütiger zurückblickte, da die Familie kurz darauf verarmte, der Vater ins Schuldgefängnis kam, und der zwölfjährige Sohn in einer Schuhputzcremefabrik arbeiten musste. Nie habe er den feuchten Strohgeruch der Postkutsche, in der er, wie Wild verstaut, als einziger Passagier die etwa fünfzig Kilometer aus Kent nach London zurücklegte, wohin sein Vater versetzt worden war, vergessen. Einsam verzehrte der Zehnjährige seine Sandwiches und dachte, dass das Leben liederlicher sei als erwartet.
Zwischen Multiplex-Kino und Outlet-Zentrum
Chatham und das benachbarte Rochester, wo Dickens' erster und sein letzter Roman angesiedelt sind, wo er seine Flitterwoche verbrachte und wo er am 9. Juni 1870 gestorben ist, war, so berichtete John Forster, der Freund und Biograph des Schriftstellers, die Wiege seiner Phantasie gewesen. Vom Fenster seiner Dachkammer aus konnte Dickens als Kind über die Äcker auf den Fluss und die betriebsamen Werften der Marinestadt blicken, die er in der Erinnerung als Ort des Friedens und der Fülle verklärte. Tatsächlich wimmelte es dort vor gebrochenen Existenzen, die das Leben am Ende der Napoleonischen Kriege an diesen Ort gespült hatte, vor Kneipen und Bordellen, die Chatham den Ruf einbrachten, so armselig wie gesetzlos zu sein.
Auch das heutige Chatham darf man sich keineswegs als Urlaubsidylle vorstellen. Die Gegend ist immer noch tief gezeichnet von der Stilllegung der historischen Werft während der Thatcher-Jahre. Von der Tudor-Zeit bis zum Falkland-Krieg hatte Chatham die britische Flotte betreut. Nelsons Flaggschiff Victory war 1765 hier vom Stapel gelaufen. Millionenbeträge werden in Revitalisierungsprojekte am Medway gepumpt. Zu den Bürogebäuden, Wohnungen und Hochschulen, die die brachliegende Industrielandschaft wiederbeleben sollen, gesellt sich auf einem riesigen Parkplatz mit Blick auf den Schlick des Medway eben Dickens World, eingeklemmt zwischen einem Multiplex-Kino und einem Outlet-Zentrum mit achtzig Geschäften.
Wartezeit für Ebenezer Scrooge
Von der desolaten Anonymität eines Gewerbegebiets des 21. Jahrhunderts wandert der Besucher mehr als hundertfünfzig Jahre zurück in die altertümliche Unterwelt von Dickens' Taschendieben, Prostituierten und Pfandleihern. Draußen an der Front des mehr als 6500 Quadratmeter überspannenden Aluminumhangars, in dem die Dickens'sche Atmosphäre von rauch- und rußgeschwärzten Häuserfronten, trüben Gassen und Innenhöfen mit einem Aufwand von immerhin 62 Millionen Pfund beschworen wird, prangt eine große weiße Uhr. Wenn die Stunde schlägt, speit sie ein Ruderboot aus, in dem Dickens mit einigen seiner Figuren sitzt. Drinnen, auf dem kopfsteingepflasterten Platz nähert sich im Dämmmerlicht der (selbstredend falschen) Gaslaternen Ned Fiendish, Rattenfänger, alias Eddie Sampson, einst Sicherheitsaufseher in einem Einkaufszentrum, der jetzt behauptet, als Animierer eine neue Berufung gefunden hat. Er zeigt auf die Narbe im Gesicht und erzählt den Schlangestehenden in näseldem Cockney, wie er sie sich in Waterloo bei einem Streit mit einem französischen Husaren zugezogen habe. Die Balgerei sei zu seinen Gunsten ausgegangen, selbstverständlich, sonst trüge er jetzt ja nicht dessen Stiefel.
Ned Fiendish kommt bei Dickens nicht vor. Er ist eine blasse Nachempfindung, wie so vieles hier. Den elektronisch bewegten Gestalten tatsächlicher Dickens-Figuren wie Ebenezer Scrooge aus dem Weihnachtsmärchen begegnet man erst nach fast einstündiger Wartezeit im Geisterhaus. Hallende Schritte und die strengen Ermahnungen einer finster dreinblickenden Frau sollen offenbar Furcht einzuflössen. Selbst die Kinder unter den Besuchern zeigen sich wenig beeindruckt von Mr Bumble, Miss Haversham, Schulleiter Squeers, Tom Smart aus den Pickwick Papers und anderen, an denen sie vorbeidefilieren. Sie sind besonders enttäuscht, weil sie auf eine andere Attraktion gehofft haben: eine Bootsfahrt durch die Abwasserkanäle Londons.
Fagins Höhle ist ein Spielareal
Nichts für Menschen mit Rückenproblemen, für nervös Veranlagte, Angetrunkene oder Schwangere, warnt ein Schild. Erleichtert, dass keine dieser Einschränkungen auf uns zutreffen, besteigen wir nach weiteren eineinhalb Stunden zunehmend gereizten Wartens, diesmal ohne Animation, das Kunststoffgefährt. Dem Gekreisch haben wir bereits entnommen, dass uns ein kleiner Schrecken erwartet. Zudem müssen wir von den Vorbenutzern bereits durchnässte Wasserschutzcapes anziehen. Das Boot tuckert durch einen Friedhof, vorbei an einem pinkelnden Jungen, der freilich zur Erheiterung der Kinder enorm beiträgt, und müht sich wie in der Achterbahn qualvoll eine Anhöhe hinauf zu einem durch die Flucht des Galeerensträflings Magwitch aus Große Erwartungen inspirierten Dachpanorama, bevor es plötzlich steil bergab geht und das Boot mit einem großen Schwung auf das Wasser platscht - was uns für den Rest des Nachmittages zu einem nassen Hintern verdammt. Die avisierten Ratten tauchen nicht auf und der in Aussicht gesetllte Gestank stellt sich ebenso wenig ein. Am meisten gefallen uns noch die 3D-Effekte in dem kurzen animierten Film über Dickens' Leben, wo Bücher, Spuke und Eisenbahnzüge von der Leinwand abzuheben scheinen. Fagins Höhle ist ein Spielareal für Kleinkinder, die bis auf den Namen nichts mit dem Hehler aus Oliver Twist zu tun hat.
Glücklicherweise wird auch bei dem erstaunlich appetitlichen Menü des nach der Kneipe in Unser gemeinsamer Freund benannten Lokals, The Six Jolly Fellowship Porters, auf weitere Bezüge zu Dickens verzichtet. Mangels klarer Wegweiser und eines Plans bleibt uns das strenge Regiment des Schulleiters im Klassenzimmer aus Nicholas Nickleby erspart. Die Souvenirs motivieren nicht einmal die Kinder, die sonst über jeden Kitsch entzückt sind, zum Kauf. Die Veranstalter versichern, dass Dickens, der große Showman und populäre Unterhalter, ihr Projekt gutgeheißen hätte. Seine Romane bezeugen jedoch, dass er keineswegs alles guthieß, was der Vergnügung des Volkes diente.
Buchtitel: Oliver Twist
Buchautor: Charles Dickens
Text: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite Z4
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS