New York

Die Demokratie der Bäume

Von Verena Lueken

Wenn noch einmal ein Mord geschähe, fiele den New Yorkern vielleicht wieder ein, daß der Central Park vor gar nicht langer Zeit einmal eine verbotene Zone war. Dabei ist es kaum fünfzehn Jahre her, daß jeder, der nicht die Gefahr suchte, den Park ganz selbstverständlich mied. Banden hatten das Gelände unter sich aufgeteilt, und Grenzverletzungen wurden unter Umständen mit dem Tod geahndet. Nur für Eingeweihte und nur bei Tag bot der Park in einigen wenigen Enklaven nahe den Eingängen bedingte Sicherheit.

Bei Nacht nirgends. Undenkbar, den Central Park von West nach Ost zu durchqueren, unvorstellbar, ihn im Süden entlang der Straße zu betreten und dann abzubiegen zum Eislaufring, auf dem sich das Eis, viele Winter lang sich selbst überlassen, drohend beulte. In dem Roman „Der Fänger im Roggen“, geschrieben in den ersten Monaten der fünfziger Jahre, sitzt der vierzehnjährige Holden hier auf einer Bank und wartet im schummrigen Winterlicht auf seine jüngere Schwester.

Grünes Bollwerk gegen die Barbarei der Welthauptstadt des Kapitals

Grünes Bollwerk gegen die Barbarei der Welthauptstadt des Kapitals

Regelmäßig läuft sie im Winter nach der Schule am späten Nachmittag Schlittschuh im Park. Holden ist keineswegs beunruhigt über diese Gewohnheit und ahnt natürlich nicht, daß zwanzig Jahre später der Eislaufausflug eines kleinen Mädchens in der Dämmerung mehrere Polizeimannschaften zum Einsatz gebracht hätte.

Der letzte Mord ist inzwischen fast vergessen

In der großen Krise der Stadt in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als das Geld fehlte, das Unterholz auszudünnen, kranke Bäume zu fällen, Wege und Sportanlagen instandzuhalten, Rasenflächen auszubessern und Wiesen zu mähen, verwahrloste der Central Park in kurzer Zeit vollständig. Er verwucherte und wuchs förmlich hinein in die Unterwelt. Die Bürger, denen er gehören sollte, hatten ihn aufgegeben, ein verlorenes Territorium, Feindesland in der Mitte ihrer Stadt. Erst der Geldregen, der mit dem Börsenboom der neunziger Jahre auf New York niederging, und die unermüdlichen Aktivitäten einer Bürgerinitiative machten es möglich, den Park wieder in den Zustand zu versetzen, der seinen Gründern einst vor Augen stand.

Fast vergessen ist inzwischen der letzte Mord, der vor einigen Jahren hier begangen wurde, verübt von Halbwüchsigen aus gutem Hause an einem Obdachlosen; längst Geschichte sind die berühmten Überfälle auf zwei Läuferinnen, die im Abstand eines knappen Jahrzehnts - die eine halbtot, die andere ermordet - in den frühen Morgenstunden in einem verwunschenen Winkel in der Nähe eines Weihers entdeckt worden waren und ganz New York hatten aufschreien lassen: „Der Park sind wir!“ Heute liegt der Central Park blütenprächtiger, sicherer, gepflegter und heiterer da als je zuvor, ein Ort für alle, wie er es immer sein sollte. Nur im Dunkeln trägt er noch immer die furchterregenden Züge vermeintlich längst gezähmter Dämonen; bei Nacht wohnt in den tiefgelegten Straßen, den Hügeln und Senken noch immer die Angst in Erwartung ungezügelter, archaischer Wildheit, bevor das Gelände sich bei Tage in eine liebliche Landschaft zurückverwandelt.

Irgendwann wird hier erneut ein Mord geschehen. Doch die New Yorker werden sich ihren Park zumindest im Tageslicht nicht kampflos wieder entreißen lassen.

Der Park ist ein Arkadien im Häusermeer

Wer in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in New York ein wenig Grün sehen wollte und kein Geld hatte zu verreisen, ging auf den Green-Wood-Friedhof am südlichen Rand von Brooklyn und versuchte, einen Platz zu finden, von dem aus er beim Picknick nicht unmittelbar in eines der frisch ausgehobenen Gräber schaute. In seiner Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ entwirft Herman Melville einen Schauplatz, der einen solchen Ausflug in den Garten der Toten sehr verlockend wirken läßt: Die Aussicht, die der Erzähler aus seiner Kanzlei in einem Haus in der Wall Street genießt, öffnet sich kaum weiter als bis zur nächsten Häuserwand. „An einem Ende blickte ich auf die weiße Wand des Inneren eines geräumigen, von einem Oberlicht überdeckten Schachtes, der das Gebäude von oben bis unten durchdrang. Diese Aussicht hätte man eher für langweilig denn für reizvoll halten können, da ihr fehlte, was die Landschaftsmaler ,Leben' nennen.“ Auf der anderen Seite der Kanzlei fiel der Blick aus dem Fenster auf eine hohe Backsteinmauer, die, rußgeschwärzt, kaum zehn Fuß vom Fenster entfernt in die Höhe ragte: ein Ort der Verweigerung, wie wir von Melville bald erfahren werden - und ein typischer Blick aus einem Fenster in New York.

Melville veröffentlichte diese Erzählung 1853. Angesichts seiner weitgehenden Erfolglosigkeit wäre es ein wenig verstiegen anzunehmen, daß sich die New Yorker Stadtverwaltung von ihr inspirieren ließ. Doch es war, neben dem Zufall, vielleicht auch der Geist der Zeit, daß diese Stadtregierung im selben Jahr den Plan faßte, den Menschen, die vor solchen Fenstern zu immer neuen Wänden in Büros und Werkstätten gepfercht waren, einen Blick in die Natur oder wenigstens in ein Landschaftsbild voller Leben zu geben, einen Ort, an dem sie kein Pflaster, keine Mauern, keine Schornsteine und keine überfüllten Straßen sehen würden - einen Park von unerhörten Ausmaßen.

Die erste gemischtrassige Gemeinschaft New Yorks

Dreihunderteinundvierzig Hektar Land wurden nach und nach von den Stadtvätern gekauft oder enteignet, ein riesiges Areal am nördlichen Rand New Yorks. Damals drängten sich unterhalb der dreiundzwanzigsten Straße nahezu eine halbe Million Einwohner, oberhalb der neunundfünfzigsten aber, wo das Parkgelände beginnen sollte, lebten verstreut nur ein paar Farmer und, immer vorübergehend, eine Gruppe von Herumtreibern. Bis hinauf zur hundertzehnten Straße sollte sich der „zentrale Park“ ausdehnen, weit hinein ins Niemandsland.

Beinahe. Denn neben den etwa zwölfhundert Farmern hatte sich in dem Gebiet auch die erste gemischtrassige Gemeinschaft New Yorks zusammengetan. Der Staat New York hatte bereits 1827 die Sklaverei verboten, tat sich aber schwer damit, die nun freien Schwarzen auch wählen zu lassen. Grundbesitz im Wert von mindestens zweihundertfünfzig Dollar mußte ein potentieller Wähler nachweisen, eine fast unerfüllbare Bedingung für die meisten Schwarzen der Stadt. Doch Land in dem felsigen Gebiet auf der Westseite des zukünftigen Parks war erschwinglich. Nach und nach kauften sich dort einige Familien den nötigen Grund und Boden zusammen, und so bildete sich mit den Jahren eine kleine Siedlung mit dem Namen „Seneca Village“. Etwa zweihundertfünfzig Schwarze und Iren, eine überall sonst explosive Mischung, lebten und arbeiteten dort zusammen, schickten ihre Kinder in die zwei Schulen des Orts und gingen selbst in einer der drei Kirchen zum Beten. Sie alle wurden zugunsten des Parks enteignet, abgefunden mit wenigen Dollars für ihr mühsam zusammengeklaubtes Land, mit dem sie auch ihr Wahlrecht wieder verloren. Reich hingegen wurden die Besitzer von Grundstücken am Rande des zukünftigen Parks, nicht sofort, aber bald und bis heute.

Bei aller Härte war die Voraussicht der Planer, wie die Geschichte zeigen sollte, genial. Ihre Entscheidung, den Park überhaupt zu schaffen und ihn dort zu bauen, wo keineswegs damals, sondern erst heute die Mitte Manhattans liegt, ist nach dem Beschluß von 1811, die Straßen New Yorks einem rigiden Raster zu unterwerfen, die wohl wichtigste städtebauliche Maßnahme in der Entwicklung New Yorks. Sie war, wie so vieles, was die Stadt einzigartig macht, das Ergebnis einer Kreuzung von philanthropischen Überlegungen mit blanker Gier.

Großes demokratisches Experiment

Daß New York durch immer neue Immigrantenschübe in seinem südlichen Teil längst überfüllt war, daß die Lebensbedingungen dort Slumbesucher wie Charles Dickens und Abraham Lincoln erbleichen ließen, daß Typhus- und Cholera-Epidemien immer wieder durch die feuchten Häuserwände krochen und daß nur die Reichen, in privaten Kutschen zu ihren Landgütern chauffiert, manchmal einen Baum sahen, all dies wurde in den Zeitungen der Zeit immer wieder angeprangert. Schon 1844 hatte der Journalist und Dichter William Cullen Bryant, an den eine Grünanlage hinter der New York Public Library erinnert, in der „Evening Post“ von einem Park geschwärmt, der als „Lunge der Stadt“ funktionieren sollte.

Ihm folgten Kommentatoren in anderen Blättern, flankiert von Reiseberichten aus Europa, wo in den Städten Hecken blühten, Platanen Schatten auf die Promenaden warfen und die Sonne über freien Plätzen schien. Zwar gehörten die großartigen Parkanlagen, von denen die Reisenden aus Frankreich und England zu berichten wußten, zum Besitz oder ehemaligen Besitz von Königs- und Fürstenhäusern, und private Parks hatte es auch in New York immer gegeben, und es gibt noch heute. Dennoch ging die Idee zu dem großen demokratischen Experiment, als das der Central Park von Beginn an begriffen wurde, von diesen Erlebnissen aus. In ihrem Licht verzerrte sich das Gesicht der eigenen Stadt zum Schreckbild: New York war auf dem Weg, im Kampf um die wirtschaftliche Vormachtstellung auf dem amerikanischen Kontinent und um maximalen Gewinn für jeden einzelnen eine moderne Metropole ohne zivile Substanz zu werden, ohne Bürgersinn und ohne Luft zum Atmen.

Kontinuität als Qualität

Der Central Park sollte als Gegengift wirken und die Bürger in einer Umgebung empfangen, die sie die Jagd nach Geschäften, die Enge der Häuser, den geometrischen Straßenplan, die Überfüllung, den Gestank und die Hetzerei vergessen ließ. Er sollte ihnen für die Zeit ihres Aufenthalts Kontemplation gewähren, in der allein sich eine Gesellschaft, die von Unersättlichkeit getrieben wird, vor dem Rückfall in die Barbarei schützen konnte. Im Süden Manhattans brodelte das Chaos aus Dreck, Lärm, Hektik und Gewalt, das ohne Ventil zu explodieren drohte. Daß der Central Park, am nördlichen Rand der Stadt gelegen, für die Slumbewohner viel zu weit entfernt war, um ihnen als Erholungsort den gewünschten Raum zur ruhigen Besinnung zu geben, war einer der frühen Kritikpunkte an dem Unternehmen. Doch je weiter New York wuchs, mit dem Bau der ersten hohen Wohnhäuser in den späten sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts und der Untergrundbahn zu Beginn des zwanzigsten, wurde der Central Park Jahr für Jahr ein wenig mehr doch noch der öffentliche Ort für alle, als der er entworfen worden war.

Außerdem gewann er eine Qualität, die in New York nicht sehr verbreitet ist: Kontinuität. Nichts mag in New York im Rhythmus von zwanzig Jahren unverändert bleiben, doch der Park liegt immer da, wo und wie er einst geschaffen wurde - mit einigen Modifikationen über die Jahrzehnte, natürlich, aber ohne daß Immobilienhaie an seinen Rändern genagt hätten, ohne Zugeständnisse an den Verkehr, der nach wie vor nur zu bestimmten Zeiten und immer nur in einer Richtung den Park durchkreuzt, ohne strukturelle Eingriffe in die Anlage, wie sie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts entworfen und gebaut worden war. Und obwohl die Freizeitbedürfnisse Formen angenommen haben, von denen die Visionäre dieses Ortes vor hundertfünfzig Jahren keine Vorstellung haben konnten, ist die Funktion des Parks durch seine Geschichte hindurch dieselbe geblieben - ein Arkadien im Häusermeer.

Nach der grundsätzlichen Entscheidung dauerte es noch einige Jahre des erbitterten öffentlichen Streits verschiedener Interessengruppen, die von dem Park entweder profitable Geschäfte erwarteten oder aber gestört sahen, bis endlich handfeste Pläne darüber auf dem Tisch lagen, wie das Gelände denn zu gestalten sei.

Die Vision vom Wald in der Stadt brauchte Ingenieure

Zunächst waren nicht die Landschaftsarchitekten, sondern die Ingenieure gefragt. Denn entgegen der Vermutung manches Besuchers ist der Park keineswegs das letzte Stück Natur auf einer Insel, auf der jeder Quadratmeter, so oder so, gestaltet ist: der Umriß durch Landaufschüttungen vergrößert, der Untergrund planiert, aus dem Felsen geschlagen oder trockengelegt, die Flüsse untertunnelt und von Brücken überspannt, jedes Stück Grünfläche mühsam bepflanzt und künstlich bewässert. Nur im Park wurde, so scheint es, durch die weise Entscheidung der Stadtväter die ursprüngliche Topographie New Yorks bewahrt. Doch der Eindruck täuscht. Die Anlage des Central Parks ist ein riesiges naturalistisches Kunstwerk, nicht weniger artifiziell als das Rockefeller Center, und technisch und gestalterisch mindestens ebenso ambitioniert.

Es galt, schlammige Sümpfe trockenzulegen und gleichzeitig ein Bewässerungssystem zu schaffen, das künstlich angelegte Bäche und Seen speiste, das Trinkwasserreservoir, das auf dem Gelände lag, mußte erweitert, Felsformationen gesprengt werden. All dies waren technische Meisterleistungen, die bald unter der Oberfläche des Parks verschwanden.

1857 wurde ein Wettbewerb für die Landschaftsarchitektur ausgeschrieben. Vorgegeben war das Budget von 1,5 Millionen Dollar; außerdem sollte jeder Entwurf einen Paradeplatz für militärische Aufmärsche enthalten, und auch der Bau der vier abgesenkten Traversen für Kutschen und Handwagen, die den Park von West nach Ost durchqueren, ohne daß die Parkbesucher von ihnen Notiz nehmen müssen, war bereits vor der Ausschreibung beschlossen. Sie sind eine der staunenswerten Erfindungen im Park, denn sie antizipierten nicht nur, daß sich vom Planungsdatum aus gesehen in fernerer Zukunft einmal die West- und die Ostseite New Yorks geschäftlich so weit annähern würden, daß sich eine Straßenverbindung überhaupt lohnte, sondern sie nahmen auch vorweg, daß wichtige Verkehrswege einmal unterhalb der Stadt verlaufen würden.

Vorschlag: Trennung von Fußgängerwegen und Reitfpfaden

Wettbewerbssieger unter dreiunddreißig Teilnehmern wurden Frederick Law Olmsted, Superintendent der Parkkommission, im Team mit Calvert Vaux, einem bekannten englischen Architekten, mit einem „Greensward“ genannten Plan - ein wenig glücklicher Name für einen Entwurf, der zwar einige weitläufige offenen Wiesen vorsah, die den Besuchern Bewegungsfreiheit und einen unverbauten Blick geben sollten, der aber keineswegs ausschließlich einen Park der großen, manikürten Rasenflächen versprach. Vielmehr sollte hinter jeder Wegbiegung sich ein neues überraschendes Naturtableau auftun, geprägt von urzeitlichen Steinformationen, monumentalen Bäumen, von Seen und Wasserfällen, an deren Ufern wilde Gräser wuchsen und über denen sich sanfte Erhebungen wölbten. Tatsächlich gibt es bis heute nur eine einzige gerade Wegsstrecke im Central Park, die von vier parallelen Baumreihen gesäumte Promenade „The Mall“. Wer im Sommer unter dem Blätterdach hindurchläuft, vorbei an den Statuen berühmter Männer, spürt die Kühle und auch die Erhabenheit einer Kathedrale. Allerdings zeugen die Dichter, die in diesem „Literary Walk“ in Stein gemeißelt wurden, nicht immer von der Ewigkeit, wie der sitzende Fitz-Greene Halleck beweist, der einzige amerikanische und längst vergessene Dichter in dieser Skulpturenallee.

Olmsted und Vaux wollten einen öffentlichen Raum schaffen, der sich keinerlei kommerziellen Interessen beugte, einen Raum, in dem die verschiedenen sozialen Schichten und Nationalitäten jenseits von Hochmut oder Neid entdeckten konnten, was sie verband - ihre Humanität, die sie gleich machte vor Gott.

Kaum war ihr Entwurf zum Sieger des Wettbewerbs erklärt worden, begann seine Modifizierung. Sie ging so weit und schloß so viele Elemente aus abgelehnten Vorschlägen ein - etwa die konsequente Trennung von Fußgängerwegen und Reitfpfaden -, daß am Ende von dem ursprünglichen Plan kaum noch etwas übrig blieb. Die Kämpfe, zu denen die verschiedenen Interessengruppen und Behörden Olmsted und Vaux zwangen, sind in ihrem Ergebnis bis heute beispielhaft: Statt zu faulen Händeln führten sie tatsächlich zu einer Synthese ganz verschiedener Vorstellungen davon, wie ein Bürgerpark aussehen sollte, und in der Regel wurde nicht die einfachste, sondern die mutigste Lösung bevorzugt. Der vollendete Park geht über den preisgekrönten Entwurf weit hinaus.

Ruskins Glaube an die Anwesenheit Gottes in der Natur

Im Kern aber blieb die Idee, die Olmsted und Vaux in ihrem „Greensward“-Plan ausgearbeitet hatten, unangetastet. Sie wollten, wie Olmsted es formulierte, „demokratische Ideen in Bäume und Boden übertragen“. Sie schufen, in den Augen einiger Historiker, das größte amerikanische Kunstwerk des neunzehnten Jahrhunderts. In den Augen anderer immerhin den ersten typisch amerikanischen Park: eine Ersatzlandschaft mitten in der Stadt, im Stil beeinflußt von französischer Landschaftsmalerei des siebzehnten Jahrhunderts ebenso wie von den Künstlern der Hudson River School und den spektakulären Ausblicken in den Adirondacks, von den Ideen John Ruskins, Alexander von Humboldts und Thomas Coles.

John Ruskins Glaube an die Anwesenheit Gottes in der Natur und im gerechten menschlichen Handeln findet sich wieder in Olmsteds Vorstellung von der heilenden Kraft der Landschaft als notwendiges zivilisatorisches Korrektiv. Die vier Jahreszeiten, allegorisch als Kindheit, Jugend, Reife und Alter von Thomas Cole 1839 in einem Gemäldezyklus dargestellt, tauchen in kunstvoller Ornamentik als Hommage an den Maler in den Balustraden der Prunktreppe zur Terrasse am See wieder auf, in deren Zentrum vier Skulpturen die Natur repräsentieren - eine Verneigung vor Humboldt. Sein Buch „Kosmos“ lag seit 1850 in englischer Übersetzung vor, und ihm verdankten Olmsted und Vaux die Überzeugung, daß die Kunst, vielleicht gerade die Kunst der Landschaftsgestaltung, den Menschen dem Verständnis der Natur am nächsten bringe.

„Jeder Quadratmeter im Park“, verkündete Vaux stolz, „jeder Baum, jeder Busch, jeder Torbogen, jede Straße oder Gehweg, sie alle wurden mit gutem Grund dort plaziert, wo sie jetzt sind.“ Kein Wort von den Kleinkriegen, die er und Olmsted (dieser unter steter Androhung seines Rücktritts als Superintendent) ausfechten mußten, von den Kompromissen, denen sie zustimmten und von der immensen Anstrengung, die ein Unternehmen bedeutet, bei dem über dreitausend Arbeiter fünfundneunzig Meilen unterirdischer Rohre verlegten, sechs Millionen Ziegelsteine schleppten und fünfundzwanzigtausend Bäume pflanzten. Denn noch wußten die beiden nichts von der Enttäuschung, die vor ihnen lag.

Kontemplation benötigt keine nackten Füße

Als der Park 1860 seiner Vollendung nahe kam, zeigte sich, daß die Armen, die ihn mit ihren Händen gebaut hatten und für die er entworfen worden war, als Besucher nicht wiederkehrten. Der Weg war zu weit, die Anfahrt zu teuer, und die meisten arbeiteten sowieso an sieben Tagen in der Woche, so daß sonntags im Park nur müßige Paare einander aus ihren Kutschen zuwinkten. Sie immerhin waren glücklich, eine so prächtige neue Spielwiese für ihre gepflegten Vergnügungen ganz allein für sich zu haben, hatte doch die schiere Idee eines Volksparks ihre Angst vor der Masse belebt, die in ihren Augen immer ein Mob war. Olmsted hatte, aus Furcht vor Schändung und Mißbrauch seines Werks, das Seine getan, die weniger gepflegten Bewohner der Stadt abzuschrecken, und den Park mit Schildern vollgestellt, die alles mögliche verboten: über das Gras zu laufen und Ball zu spielen, zu picknicken, sich irgendwie anzustrengen oder laut zu rufen. Sicherheitskräfte bemühten sich, Streit zu schlichten, bevor er ausgebrochen war, und patrouillierten durchs Gelände, Spaßverderber allesamt. Was konnte man also in dem neuen Park tun, außer elegant zu sein?

Man kann, hätten Olmsted und Vaux geantwortet, hoch im Norden, in der Gegend von Great Hill, die grandiose Weite des amerikanischen Kontinents ahnen und vor Ausblicken staunen, wie sie Anselm Adams weit entfernt im Westen des Landes fotografiert hat. Man kann am Wasserfall von Huddlestone Arch sich in die pralle Lieblichkeit der Adirondacks träumen oder auf den großen, von dichtem Baumbewuchs umgebenen Rasenflächen das reinste Beispiel amerikanischer Idylle finden. Im Dickicht des Ramble, das jeden Wanderer zu verschlucken scheint, kann man in keiner Stadt je gesehenen Singvögeln lauschen, man kann auf den See schauen und spüren, wie das geschäftige New York, das einen immer ganz gefangen nimmt, plötzlich seinen Griff lockert und schließlich die Seele freigibt. Man kann natürlich einfach nur sitzen und lesen, von den Bänken an der Promenade aus andere Besucher beobachten, oder wandern, Skulpturen erforschen, feinste Steinmetzarbeiten bewundern und auch: sich verlaufen.

Einst als „moralische Landschaft“ geschaffen

All dies aber lernte die Mehrzahl der New Yorker erst Jahrzehnte später zu lieben, als Olmsteds Schilder längst verschwunden waren, niemand mehr an irgendeiner Bewegungsart in jedwedem Anstrengungsgrad Anstoß nahm und die ganze Welt auf den Rasenflächen zu picknicken schien. Da war ihr Park schon lange Vorbild für Parks in anderen Städten geworden und die Idee der Gründer von einem öffentlichen Gelände für jedermann hatte sich weithin durchgesetzt. Auf dem Weg dorthin wurden allerdings Ruhe und Kontemplation durch Unterhaltung ersetzt, eine Transformation, vor der Olmsted und Vaux stets gegraut hatte. Daß der Disney-Konzern eine spektakuläre Filmpremiere inmitten ihres Werkes feierte, hätte ihnen ebenso mißfallen wie der Massensegen, den Papst Johannes Paul II. hier vor einigen Jahr spendete.

Vielleicht erinnern sich heute nicht mehr viele daran, daß der Central Park einst als „moralische Landschaft“ geschaffen worden war, in der die Neugierde des Großstädters auf die Vielfalt der Natur in einer Serie kunstvoll gestalteter naturalistischer Außenräume geweckt werden sollte. Den zivilisatorischen Effekt aber, den Olmsted und Vaux sich von ihren pittoresken Szenerien erhofften, spürt auch heute noch jeder, der sie bei Tag betritt, wenn die Dämonen schlafen - in der unheimlichen Gelassenheit gegenüber allen Gewinnchancen, die New York auch in diesem Augenblick bereithalten mag und die während des Aufenthalts im Central Park notwendig ungenutzt vorüberziehen.



Buchtitel: Der Fänger im Roggen
Buchautor: Jerome D. Salinger

Text: F.A.Z., 12.7.2003
Bildmaterial: AP

 
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