Web 2.0

„Nach IBM und Microsoft haben wir jetzt die Google-Ära“

Von Holger Schmidt

20. November 2006 „Web 2.0 - das ist der Beginn der wahren Internet-Ära“, sagt Tim O'Reilly. Er, der Erfinder des Begriffs Web 2.0, versteht darunter aber weit mehr als selbstgedrehte Videos auf Youtube. Web 2.0 sei ein grundlegender Wandel in der Internetindustrie. „Unternehmen, die im Web 2.0 Erfolg haben, arbeiten alle nach den gleichen Prinzipien: Sie nutzen das Internet als Plattform, sie setzen die kollektive Intelligenz der Internetnutzer ein, und sie haben Zugriff auf einzigartige, schwer nachzubildende Datenquellen“, sagt O'Reilly.

Web 2.0 stelle die dritte Stufe in der Geschichte der Computerindustrie dar. „Auf die IBM-Ära mit den Großrechnern folgte die Microsoft-Ära mit den Personalcomputern, und nun sind wir in der Internet-Ära angekommen, die man besser Google-Ära nennen sollte“, sagt O'Reilly im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Ära von Microsoft als Softwarekonzern sei beendet, da Internet-Plattformen immer besser als einzelne Anwendungen seien, mit denen Microsoft groß geworden sei.

Erfolgreiche nutzen das Netz mit aller Konsequenz

Der Internetpionier hat auch klare Vorstellungen, welche Unternehmen den Wettbewerb um das Web 2.0 gewinnen. „Die besten Chancen hat Google, weil sie die größte wirtschaftliche Dynamik haben. Amazon ist der große Unbekannte. Das Unternehmen ist wirtschaftlich nicht so stark, aber sie haben die klarste Vorstellung darüber, was es heißt, ein Plattform-Anbieter zu sein. Auch Microsoft darf man im Internet nicht auszählen. Sie haben verstanden, wo die Herausforderungen liegen. Aber sie haben das Problem, das IBM früher hatte: Sie müssen ihr Geschäftsmodell transformieren“, sagt O'Reilly.

Das Geheimnis der erfolgreichen Unternehmen: Nur sie nutzen das Netz mit aller Konsequenz. Zum Beispiel sei die Suchtechnik von Google besser gewesen als alles andere, weil das Unternehmen die Bewertungen der Internetseiten den Nutzern überlassen habe. Auch Amazon habe sich als Internet-Buchhändler durchgesetzt, weil die vielen Millionen Buchbewertungen seiner Kunden die Datenbank des Unternehmens unvergleichlich gemacht habe.

Andere können nicht mehr mithalten - Ebay etwa

Andere große Internetunternehmen können aber nicht mehr mithalten: „Ebay ist ein wichtiger Anbieter, aber keine Quelle der Innovation. Sie haben viel Technikentwicklung ausgelagert. Ich glaube, Ebay wird innerhalb der nächsten drei Jahre aufgekauft - oder sie müssen sich mit einem anderen Unternehmen zusammenschließen“, erwartet O'Reilly. Auch die vielen jungen Web-2.0-Unternehmen wie Del.icio.us könnten die Platzhirsche nicht gefährden. „Der Markt bereinigt sich. Web 2.0 wird sich ganz klar auf die wenigen großen Internetunternehmen konzentrieren. Jetzt passiert genau das, was in der ersten Internetwelle passiert ist: Die großen Unternehmen erhöhen die Markteintrittsbarrieren für die kleinen Anbieter oder übernehmen sie. Das Geschäftsmodell vieler Web 2.0 Start-ups baut ja gerade darauf auf, von den großen Unternehmen aufgekauft zu werden“, sagt O'Reilly.

Einige Anzeichen der Begeisterung über die neuen Online-Gemeinschaften erinnern ihn aber an eine neue Spekulationsblase. „Schon wieder fließt zuviel Geld der Investoren in einige Projekte. Und es gibt wieder Gründer, die hoffen, das nächste große Ding im Internet erfunden zu haben. Aber wir sind noch lange nicht wieder soweit wie im Jahr 2000“, gibt O'Reilly Entwarnung. Denn die Industrie habe aus dem damaligen Platzen der Spekulationsblase an den Börsen auch gelernt.

Hauptumsatzquelle wird die Werbung

„Obwohl viel Geld fehlgeleitet wurde, ist doch etwas sehr Substantielles entstanden in dieser Zeit. Das zeigt sich heute in einigen sehr erfolgreichen Geschäftsmodellen. Viele Menschen vergessen, daß Blasen ein natürlicher Teil technischer Entwicklungen sind. Auch in der PC-Industrie hat es Anfang der neunziger Jahre diese Entwicklung gegeben“, sagt O'Reilly. Auch in der besseren Technik liege ein weiterer Unterschied zur ersten großen Internetwelle 1999/2000: „Die Technik ist heute viel billiger. Unternehmen lassen sich heute für einige hunderttausend Dollar gründen und hochziehen. Daher ist es ein netter Ausstieg für die Investoren, wenn sie 20 oder 30 Millionen Dollar geboten bekommen“, sagt O'Reilly.

Die Hauptumsatzquelle für Web-2.0-Unternehmen werde die Werbung sein. Die passenden Werbeformen müßten erst noch entwickelt werden. „Es wird eine neue Industrie entstehen, die Filme für Plattformen wie Youtube schaffen, in denen sich Werbung und Unterhaltung vermischen. Die Unternehmen werden unterhaltsame Filme mit ihren Produkten drehen, die auf Youtube viele Fans finden. Auf diese Weise kann Werbung ohne Streuverluste ausgeliefert werden. Videos lassen sich auch mit zusätzlichen Informationen anreichern“, erwartet O'Reilly.

Blogs sind wichtig, aber nicht so wichtig

Die Nutzung der kollektiven Intelligenz der Internetnutzer eröffne auch dem Marketing neue Möglichkeiten. „Social-Commerce-Seiten wie Threadless lassen ihre Nutzer über T-Shirt-Motive abstimmen. Und erst wenn ein Motiv genug Stimmen erhalten hat, wird das entsprechende T-Shirt produziert. Ich denke, diese Art der Just-in-Time-Produktion unter Beteiligung der Kunden wird in Zukunft auch in anderen Industrien stark zunehmen“, sagt O'Reilly. Die Bedeutung der Online-Tagebücher, sogenannter Blogs, für das Marketing hält er allerdings für überbewertet. „Blogs sind schon wichtig für das Marketing, aber nicht so wichtig, wie einige Leute glauben. Ich halte die Aussage des Cluetrain-Manifestes, Märkte sind Konversation, zwar für richtig. Aber es gibt einfach zu wenige Blogs, die eine große Leserschaft haben“, sagt O'Reilly.

Web 2.0 wird sich seiner Meinung nach auch auf die traditionellen Medien auswirken. „Zeitungen müssen herausfinden, was sie nicht mehr tun müssen. Viele Themen sind mehrfach abgedeckt. Daher sollten sie sich auf das konzentrieren, was andere nicht können: investigative Geschichten und Kommentare. Daneben müssen sie aber auch eine Struktur für Blogs und Inhalte aller Art schaffen, die von den Nutzern erstellt werden.

Die großen Zeitungsmarken werden es schaffen

Zum Beispiel können Lokalzeitungen Internetseiten für ihre Sportvereine einrichten, damit die Nutzer dort Bilder hochladen und Spielberichte selber einstellen können. Oder Zeitungen können versuchen, Internetseiten für die Blogger einzurichten, um die Inhalte der Nutzer an sich zu binden. Auf diese Weise entstehen Community-Zeitungen. Dieser Weg ist zwar richtig, aber auch hart, da die Zeitungen auf hohen Kostenblöcken sitzen. Die müssen wohl abgebaut werden, bevor sich die Zeitungen neu erfinden können. IBM ist es damals nicht anders ergangen. Die großen Zeitungsmarken werden das aber schaffen. Denn sie haben auch neue Chancen, zum Beispiel das Werbeprogramm von Google. Das schaltet Werbung in Zeitungen genauso zielgerichtet wie im Internet. Das könnte ein neuer Erlösstrom für die Zeitungen sein“, erwartet O'Reilly.



Text: F.A.Z., 20.11.2006, Nr. 270 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Christian Thiel

 
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