In einem Juli vor hundertacht Jahren

19. Juli 2008 Als Max Frisch im April 1991 starb, schrieb sein Verleger Siegfried Unseld in dieser Zeitung: "Ich möchte noch einmal ,Stiller' zum ersten Male lesen können." Das ist vielleicht das größte Kompliment, was man einem Roman und seinem Autor machen kann. Und es verrät viel über das rätselhafte Wesen der Literatur. Wer ein Buch öffnet und hineinliest, für den ist es schon zu spät: Die Sätze verlassen einen nicht mehr, und die Bilder, die sie erzeugen, setzen sich fest, wirken nach und nach. Selten, dass sich andere über sie legen. Aber es passiert schon hin und wieder, meistens dann, wenn Bücher neu übersetzt werden: Als Eike Schönfeld das vor ein paar Jahren mit Salingers "Fänger im Roggen" tat, sprach plötzlich ein anderer Holden Caulfield zu seinen Lesern, er war noch rebellischer, verwehter und verlorener geworden, und er durfte plötzlich richtig fluchen. Geil.

Seltsam, die Bücher, die man noch mal zum ersten Mal lesen möchte, handeln oft vom Erwachsenwerden, von den Belastungsproben der Jugend, der Ichsuche, den rites de passage. Selbst Frischs "Stiller" ringt ja damit, wer er eigentlich ist. Das hört offenbar nie auf, das sind die Bilder, die sich früh festsetzen und nachwirken, deswegen treffen einen Bücher wie der "Fänger im Roggen" auch noch Jahre später, immer an der gleichen Stelle: Es ist Identifikationsliteratur.

Und jetzt erscheint ein englischer Roman wieder auf deutsch, bei dem all das zusammenfällt: Ein Buch über die Strapazen des Erwachsenwerdens, das man am liebsten noch einmal zum ersten Mal lesen würde - was man nun tatsächlich kann, weil seine Übersetzung revidiert wurde: "The Go-Between" von Leslie Poles Hartley (1895 bis 1972). Die Geschichte des zwölfjährigen Leo Colston, der einen Sommer in Brandham Hall verbringt, sich in die höhere Tochter des Hauses verliebt, Marian, die Leo aber kalt als Boten benutzt für ihre Affäre mit dem Pächter Ted Burgess: So lange geht Leo, der "Go-Between", mit ihren Briefen hin und her, bis das ungleiche Paar entdeckt wird, auffliegt in einem furchtbaren Showdown, den Leo wie gelähmt selbst heraufbeschwört und bei dem alles zerfällt in Tod und Trauma. Der Schock vergeht nicht mehr: Leo bleibt bis ins hohe Alter ein gebrochener Mann.

Hartleys Roman erschien 1953, wurde zwei Jahre danach unter dem Titel "Der Zoll des Glücks" erstmals übersetzt, später im Diogenes-Verlag unverändert im Taschenbuch als "Ein Sommer in Brandham Hall" aufgelegt, er war aber auf deutsch im Grunde seit Ewigkeiten vergriffen. Jetzt ist die Geschichte wieder da, neu aufgelegt in der Züricher edition epoca, und tatsächlich liest man sie teilweise zum ersten Mal: Denn in der alten Übersetzung von Maria Wolff waren zehn Prozent des Originals verlorengegangen. Sie wurden jetzt ergänzt, erklärt der Verleger Urs Kummer im Gespräch. 2002 waren die Rechte am Buch dazu endlich frei geworden waren. Obendrein habe Adrian Stokar in seiner Textrevision zweitausendfünfhundert Eingriffe vorgenommen. Der deutsche Titel, der im ersten Anlauf nur rätselhaft klang und in der Taschenbuchausgabe stark nach dem Sonntagabend im Zweiten Programm, ist jetzt einfach der englische: "The Go-Between", was wörtlich der "Mittler" wäre, aber nicht ganz so anschaulich ist, vor allem aber die ähnlich erfolglose Figur aus Goethes "Wahlverwandtschaften" ins Spiel brächte, die zwar auch von Mesalliancen auf dem Land handeln, aber eher in physikalisch-kühlem Ton, nicht so schwül wie bei Hartley.

"The Go-Between" spiegelt die Szene, die sich jetzt bei der Lektüre wiederholt: Es ist 1952, der alt gewordene Leo Colston wühlt in einer Schachtel, in der er als Junge seine Etonkragen aufbewahrte, und findet sein Tagebuch aus dem Jahr 1900. Schlägt es nach langem Zögern auf, blättert und findet seine eigenen Aufzeichnungen von jenem Juli, als er Marian kennenlernte, die Schwester seines Schulfreunds Marcus. Und so steigen die Bilder wieder auf, das große Haus, seine Gärten, das Schilf um den Badesee, die Tollkirschen am Schuppen, wo sich das geheime Paar trifft, Marians Haar "wie ein reifes Weizenfeld im Mai": Wer beim neuen ersten Lesen eine Brille tragen muss, dem beschlagen ständig die Gläser.

Dabei soll Hartley, schreibt Colm Tóibín jedenfalls im Vorwort dieser Ausgabe, ein ziemlicher Knilch gewesen sein, "ein fader, fetter Mensch", hielt Virginia Woolf schon 1923 in ihrem Tagebuch fest, die meisten Bücher Hartleys sind längst vergessen. Sein "Go-Between" aber gehört zu den Romanen, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg ein letztes Mal Kontakt zur Welt von gestern aufnehmen wollten, so wie 1958 der "Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der ebenfalls seinen italienischen Titel behalten durfte, als er vor vier Jahren endlich neu übersetzt wurde und damit wieder zum ersten Mal gelesen werden konnte. Beide Bücher bebildern den Epochenbruch in einer Liebesgeschichte zwischen den Ständen, beide wurden sie verfilmt, der "Gattopardo" von Luchino Visconti im Jahr 1963, Hartleys ähnlich hitzeflimmerndes Buch 1971 von Joseph Losey - das Drehbuch schrieb der spätere Nobelpreisträger Harold Pinter. Und wer Marian gleich am Anfang in der Hängematte beim Träumen zuschaut, fängt selbst an zu träumen: Ich möchte noch einmal zum ersten Mal Julie Christie sehen.

"Die Vergangenheit ist ein fremdes Land, dort gelten andere Regeln", so beginnt Hartley seinen Roman: eine Beschwörungsformel, seither ständig zitiert, mit der man die Erinnerung zum Sprechen bringen kann. Siegfried Unseld wollte die Erinnerung an ein Buch löschen, um es neu lesen zu können. Zum Glück gibt es aber Bücher wie "The Go-Between", die einem erklären, dass man so weit nicht gehen muss. Denn die Literatur ist ein fremdes Land, das immer größer wird, je öfter man es betritt.



Buchtitel: The Go-Between
Buchautor: Hartley, Leslie Poles

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.2008, Nr. 167 / Seite Z4

 
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