18. Dezember 2006 Der 1947 geborene Autor Song Kiwon thematisiert in seinem in Korea 2003 und nun auch auf deutsch erschienenen Erzählband Todessehnsüchte, Verflüchtigungsmomente des Menschlichen und typisch koreanische Kulturzüge der Bitterkeit ("Han"). Dabei bilden die sogenannte Ära des Nachkriegs-Jammertals in den fünfziger Jahren, die Landflucht als Folge der Industrialisierung und die Umbruchsverheißungen des "Seouler Frühlings" von 1980 den historischen Kontext der autobiographisch angehauchten Geschichten.
Aus Anlaß einer Fotoserie seines Verlegers besucht der als unehelicher Sohn einer reisenden Marktfrau in der koreanischen Provinz aufgewachsene, mittlerweile aber in Seoul lebende Schriftsteller (und Alter ego des Autors) Daeun die Orte seiner Kindheit. Die Bezugspersonen, die der Erzähler, der "in seiner verramschten Existenz herumirrte", innerhalb dieser Rahmenhandlung porträtiert, sind wie er mit einem Makel behaftet: Die Schicksalsfäden der verarmten Dorfgemeinschaft, der Blinden, Bettler oder Bänkelsänger verweben sich in Song Kiwons raffiniert zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Traum und Realität oszillierender Schreibtechnik zu einem Panoptikum des Ausgegrenztseins. Vergänglichkeitsfragmente des Glücks überlagern sich bei der Evozierung der Farben, Gerüche und Gedächtnisbilder der Jugend mit den Zerrüttungszuständen der Armut: "In dieser Zeit haßte ich sogar einige Worte aus tiefstem Herzen, darunter etwa ,morgen, Hoffnung, Gnade, rosig, Seele, Minzeduft und Maimorgen'."
Im tragikomischen Treiben des Marktplatzes und anderer drastisch beschriebener dörflicher Interaktionen, bei denen Aberglaube, Ahnenverehrung, Schamanismus und konfuzianische Hierarchien eine Rolle spielen, entwirft Song einen unsentimentalen Abgesang des Dörflichen und Milieustudien eines zu Zeiten des Wirtschaftswachstums und Stadt-Land-Gefälles im radikalen Umbruch befindlichen traditionellen Korea.
Dabei werden die Diktaturen und revolutionären Desillusionierungen in der koreanischen Leidensgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in immer neue Sinnzusammenhänge gebracht. Songs Sozialtragödien und proletarische Episoden handeln vom Ringen um Menschenwürde und Seelenfrieden inmitten gesellschaftlicher Schizophrenie. Da wären der gewalttätige, innerlich zerrissene Stiefvater, die Mutter, deren Charakterstärke und Prinzipientreue der Erzähler erst nach ihrem Freitod anläßlich seiner Inhaftierung wegen Teilnahme an den Seouler Studentendemonstrationen von 1980 zu schätzen weiß, oder Begegnungen mit Häftlingen aus dem kommunistischen Norden, die zu Zeiten des Militärregimes als "unbelehrbare Lebenslängliche" eingestuft waren.
Songs Erzählungen, die in ein philosophisches Gespräch mit der bei ihrer Arbeit in einer Wäscherei wegen der Kohlengase beim Bügeln schwer erkrankten Schwester Yangsun münden, sind private und innerkoreanische Versöhnungsansätze und verzweifelt hoffnungsvolle Neubegegnungsversuche mit der haßgeliebten Vergangenheit. So heißt es in der metaphorischen Schlußszene, als Daeun an einer U-Bahn-Station ein Duft umfängt: "In der Ferne sah ich das Apartmenthochhaus, in dem Yangsun lebte. Die müden Träume der Fenster warfen Lichter in die Dunkelheit. Der Duft war vielleicht aus einem dieser Fenster gekommen. Nein, vielleicht bildeten all diese Lichter einen Duft und fluteten auf mich zu."
STEFFEN GNAM
Song Kiwon: "Menschenduft". Erzählungen. Aus dem Koreanischen übersetzt von Minki Jeong, Harald Gärber und Stefan Straub. Pendragon Verlag, Bielefeld 2006. 224 S., geb., 18,50 [Euro].
Buchtitel: Menschenduft
Buchautor: Ki-won, Song
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2006, Nr. 294 / Seite 36