Rezension: Belletristik

Wittgensteins Ente

04. November 1997 Nino - warum heißen plötzlich allenthalben die Lesebuchfiguren Nino? Vielleicht weil die klimastörende Pazifikströmung "El Niño" jetzt in aller Munde ist. Denn die radikalste aller Theorien des Lesens besagt, daß in der Welt nur geschieht, was schon irgendwo geschrieben steht: Man muß es nur aus dem Chaos der Zeichen herauslesen. So haben die Zauberer zu allen Zeiten gelesen, und das von Paul Maar, dem bekannten Kinderbuchautor, herausgegebene Buch für das erste Schuljahr trägt seinen Titel "Lesezauber" sehr zu Recht. Das Umschlagbild gibt bereits das Programm: Ein "M", das freundlich lächelnde und zum Kuß gespitzte Mündchen trägt, nähert sich einem "H", das zugleich den Hundekopf darstellt. Den Leib des Tieres bildet eine Schiefertafel, auf der "und" steht; über ihm schwebt ein weißer Zylinder, von dem ein "r" sich löst. Schrift und Bild schließen sich zu einem Rebus zusammen. Lesen lernen heißt vor allem: die Fähigkeit zum Kombinieren und Raten auszubilden. Dafür gibt es die bewährten Methoden der bürgerlichen Kultur - ein einfaches Kreuzworträtsel findet sich schon auf den ersten Seiten -, aber auch die Avantgarde trägt ihren Teil bei. Es gibt dadaistische Typographie-Montagen ebenso wie die surrealistische Technik des "Cadavre exquis" - hier "Malsalat" genannt - und Tierkonstruktionen, die an Christian Morgenstern erinnern. Unsinn ist der Königsweg zum Sinn. Ratespiele zu den Figuren aus Grimms Märchen vertreten die Tradition. Viel Raum ist der Tierwelt gegeben: Für Leseanfänger eignet sich das Lama; neben Ninos Hund Hasso finden sich Amseln, Katzen, Dinos und als Kippfigur die Hasen-Ente, die der erwachsene Leser bei Wittgenstein wiederfinden kann. Mit der Zeit bilden sich in dem locker gebauten Buch Geschichten, die in die ernstere Lebenswirklichkeit einführen. Hasso wird von einem Auto angefahren und muß auf der nächsten Seite mit verbundenem Fuß Hasen jagen.

Ein Dichter hat in diesem Buch mit einer vorzüglichen Illustratorin zusammengearbeitet. Freilich: Wer erlebt hat, wie inzwischen den Grundschülern mit den schönsten Begründungen die lieblosesten Fotokopien vorgesetzt werden, wird an die Chancen dieses Buches nur mit Sorge denken können. Ob es eines Tages wieder in der alten Rechtschreibung erhältlich sein wird? Das walte die kleine Hex'! LORENZ JÄGER

"Lesezauber". Eine Fibel mit Reimen und Geschichten von Paul Maar und Bildern von Verena Ballhaus. Erarbeitet von Heidemarie Dammenhayn, Paul Maar, Edeltraud Röbe, Gerhild Schenk und Barbara Schütze. Verlag Volk und Wissen, Berlin 1997. 116 S., geb. 23,20 DM.

Lesezauber



Buchtitel: Lesezauber
Buchautor: Maar, Paul; Ballhaus, Verena

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.1997, Nr. 256 / Seite L24

 
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