05. Dezember 1995 Er treibt reiche Blüte und scheint doch kaum reife Früchte hervorzubringen: Der Roman hat einen schweren Stand bei seinen Kritikern. Das "große" Werk will nirgendwo mehr gelingen. Unbefriedigt muß deshalb alle verbliebene Sehnsucht nach epischer Heimat im Bildungsroman hier, im Gesellschaftsroman in Frankreich bleiben. Was aber, wenn die ganze Lebenswelt nicht mehr danach wäre? Und der Roman alle Hände voll zu tun hätte, so über die Wirklichkeit zu sprechen, daß die Betroffenen sich davon noch angesprochen fühlen? Er wird, mehr noch als früher, zunehmend enteignet. Wie ihm (und der Malerei) einst von Fotografie und Wissenschaft seine realistische Zuständigkeit streitig gemacht wurde, so bedrängen ihn heute Seh- und Live-Medien. Sie haben eine widerstandslosere, direktere, sichtbarere Wirklichkeit als er. Worin wäre er wirklich noch in seinem Element?
Anlaß zur Frage gibt Paule Constants "Die Tochter des Gobernators", 1994 in Paris, jetzt auf deutsch erschienen. Die Aufnahme in Frankreich war fast überschwenglich. Dabei ist es gewiß der große Roman nicht, auf den auch Frankreich wartet. Die Einstellung der Kritik dort ist jedoch anders: der Nouveau Roman und seine Ansprüche sind tot, es lebe eben ein neuer, jenseits von dessen Trockengebieten. Insofern ist Paule Constants Roman eine dieser Proben auf seine Zukunft.
Auffälligstes Merkmal: Er hat alles, was auch Unterhaltungsliteratur hat. Geradezu rücksichtslos setzt er sich über alle kopfgeborenen Richtlinien hinweg, auf die die Gattung gerne festgelegt wird. Auch den dunklen Anzug tieferer Bedeutungen trägt er nicht. Statt dessen hat er eine elementare Freßlust, die sich alles einverleibt, um den Leser zu locken. Dazu gehört, daß der Held zurückkehren darf. Der Leser weiß, woran er sich zu halten hat. Sie heißt Chrétienne, ist sieben und naiv, wie es in grausamen Märchen ist. Dieses Unschuldskind wird der Hölle von Cayenne ausgeliefert, der französischen Strafkolonie in Guayana. Die Autorin rüstet zu einem melodramatischen Schwarzweißdrama. Dazu paßt der ausgefallene Schauplatz: der Urwald, voll animalischer Selbstherrlichkeit, der alles Fremde krank macht und zersetzt. In gewisser Weise sind ihm die Schwerverbrecher der Kolonie geistesverwandt. In diesem Treibhaus der Leidenschaften soll Chrétiennes Vater, der Gouverneur, Ordnung schaffen. Eine zweite dramatische Front ist damit eröffnet: der Kampf zwischen dem zivilisierten Europa und den höllischen Tropen. Es ist der Urkonflikt von Verstand und Sinnlichkeit.
Auch in anderer Hinsicht geht die Autorin zurück zu den Ursprüngen. Ungeniert ist der allwissende Erzähler wieder da, als ob die Moderne ihn niemals für tot erklärt hätte. Doch auch seine Wiederkehr ist erfolgsorientiert. Nicht nur, daß er ihr eine runde, wie selbstverständlich in die Geschichte eingelassene Erzählung erlaubt, etwa sieben Jahre nach dem Weltkrieg. Sie nutzt ihn vor allem als Double ihrer Erinnerungen. Das nämlich will die Autorin vor allem: einen Bann ihres Gedächtnisses lösen. Sie selbst hat mit ihren Eltern einige Jahre in Cayenne gelebt. Aber das war nicht 1925, sondern 1949, und ihr Vater nicht "Gobernator", sondern Arzt. Über Eigenes läßt sich also authentisch offenbar am besten in erfundenen Geschichten sprechen. Gewiß, das ist eine Lektion moderner Literatur. Doch die Autorin scheint auch darin vor allem einem Erfolgstrend zu folgen. Wohin man liest: ein Hang zu Autobiografiktionen. Sie bürgen für Umsätze.
So unverblümt das Buch auch Unterhaltung einsetzt, von einem Unterhaltungsroman ist es dennoch weit entfernt. Was es von literarischen Schnellverbrauchsgütern erheblich unterscheidet, ist sein gebrochener Blick. Chrétienne, die alles mit verschlingenden Sinnen wahrnimmt, bleibt stets, ohne jedes erzählerische Versteckspiel, eine Wahrgenommene. Daß die Erzählerin ihre Geschichte am Ende nicht moralisch, psychiatrisch oder sozialkritisch aufräumt, ist nicht ihr geringstes Verdienst. Gleichwohl ist alles über und über kommentiert: dem Urwald gleich, in dem sie spielt, geht über der Geschichte ein geradezu tropischer Bilderregen nieder. Mag er im einzelnen auch rührend, ätzend, ordinär, grotesk oder komisch sein und die starken Kontraste lieben - wem es gelingt, sich so in Bildern und Geschichten zu vergegenständlichen, kann der nicht ebenso ästhetisch zu sich kommen wie der, der sein Heil in Begriffen und Erklärungen sucht?
Dennoch will dieses Buch kein avantgardistischer, surrealer Text sein. Es ist ein Reiseabenteuer; es beginnt mit der Ankunft aus Europa, endet mit der Abreise dorthin. Dazwischen ein wilder Raum, der nichts anerkennt, was außerhalb gilt. Er reißt alte Wunden auf, läßt keine Lebenslügen zu, deckt am Eigenen das Fremde und Falsche auf. Die Ankömmlinge werden in ein unnachsichtiges Purgatorium geworfen. Wie Geschwüre, die sich überall zeigen, tritt alles Unordentliche hinter der scheinbaren Ordnung nach außen. Chrétiennes Vater, dem "Schlächter von Ypern", einzigem Überlebenden des Bataillons, das er in den Tod geführt hatte, verflüchtigt sich hier der Sinn seiner Tat, und geradezu wollüstig fügt er sich ins tropische Elementargeschehen von Leben und Sterben. Die Mutter, aus religiösem Opferwahn die "Muttergottes", kann hier, wo alles leidet, sich ganz in ihrer Hingabe radikalisieren und schließlich als Leprakranke in ihrem Selbstopfer reinigen.
Chrétienne aber, am Leben noch nicht schuldig geworden, erfährt ihre Läuterung als Erweckung zum Normalen. Die Wildnis hat ihr großes Werk auch an ihr getan: sie läßt alles Menschliche verwildern. Je mehr "ihr Körper zur Pflanze" wird, erwacht in ihr ein gegenläufiger Instinkt für das, was menschliches Leben wäre. Die Autorin faßt es in ein eindrucksvolles, kindgemäßes Zeichen (das für den schwachen Anfang entschädigt). Das Mädchen findet einen alten Warenhauskatalog, für sie das Testament einer entschwundenen Welt. Sie schneidet alle Einzelheiten aus, und in einer ausufernden Collage stellt sie, was vorher einfach normal war, als Verlorenes, als ein gefährdetes Kulturgut wieder her. Sie kehrt nach Europa zurück.
Über seine Geschichte hinaus ist der Roman zugleich ein Symptom. Er zeigt an, wie die Gattung ihre Geltung sichern könnte: in einer Wiedergeburt aus dem Geist der Unterhaltung. Was aber vielleicht noch mehr ins Gewicht fällt, weil es eine Tendenz markiert, wie etwa bei Dacia Maraini, bei Bruno Bontempelli, bei Ulla Hahn: Geschichten ihrer Art scheinen deshalb so unbefangen wieder Wirklichkeit aufnehmen zu können, weil sie nicht eigentlich mehr ihr Thema ist. Vieles an ihnen scheint den Aufbruch zu einem Realismus der zweiten Art anzukündigen. Er sieht in den Schwierigkeiten mit der Realität vor allem ein Problem der Wahrnehmung, nicht eigentlich mehr der Realität selbst. Der Erfolg zumindest bestärkt ihn darin.
Paule Constant: "Die Tochter des Gobernators". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Andrea Spingler. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1995. 198 S., geb., 38,- DM.
Die Tochter der Gobernators
Buchtitel: Die Tochter der Gobernators
Buchautor: Constant, Paule
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.1995, Nr. 283 / Seite L4