Du einzige Phiole!

Künstliche Aufregung: Jean-Philippe Toussaint bebt

27. September 2003 Gemeinsam auf Reisen zu gehen, um sich zu trennen, ist eigentlich eine gute Idee. Was könnte apokalyptischer enden als eine Reise zu zweit, wenn ohnehin das Ende naht? "An jenem Tag, da Marie mir vorschlug, sie nach Japan zu begleiten, begriff ich, daß sie bereit war, auf dieser großen Tour unsere letzten Liebesreserven zu verheizen." Der Ich-Erzähler in Jean-Philippe Toussaints neuem, nach langer Pause erschienenem Roman ist seit sieben Jahren mit der erfolgreichen Modeschöpferin Marie zusammen, und der normale Liebesverschleiß hat den Unterboden ihres Zusammenlebens so zerfressen, daß kein noch so nachsichtiger Beziehungs-TÜV eine Galgenfrist verheißen könnte. Also heißt es bis zum endgültigen Bruch zusammenbleiben, "denn so wie die Nähe uns zerriß, so hätte uns die Ferne wieder näher gebracht". Das lehrt die kalte Logik des Scheiterns.

Ein letzter Beischlafversuch, übermüdet, quälend, noch unter Jetlag-Einfluß, endet im totalen Fiasko, als ein Routine-Fax aus Europa die krampfhaften Anstrengungen unterbricht. Schließlich stampft das Paar durch die Tokioter Winternacht, entnervt, durchgefroren, sprachlos: "In unserer Liebe war genau dies eingetreten: Taten wir uns insgesamt gesehen immer noch mehr Gutes als Böses an, so war doch das wenige Böse, das wir uns antaten, jetzt unerträglich geworden." Schließlich werden die beiden Zeugen eines heftigen Erdbebens, das für beide symbolisch das Ende ihrer Liebe besiegelt; der Mann reist am nächsten Tag allein zu einem Freund nach Kyoto, die Frau stürzt sich in ihre Arbeit, eine Ausstellung ihrer kunstvollen Kleider im Museum für Gegenwartskunst.

Eine simple Story, die Toussaint, seit je ein Meister der präzisen Beschreibung, umsetzt in starke, innere und äußere Zu- und Mißstände ineinander spiegelnde Bilder. Meisterhaft etwa die Erzählung des Erdbebens, exakt in der Mitte des Buches, genau so lang, wie der reale Vorgang gedauert haben mag, und genau so jäh und erschütternd für den Leser wie die Figuren. Doch an der gleichen Stelle, wo Generatoren explodieren und Züge entgleisen, bricht auch das erzählerische Problem dieses Buchs auf. Denn Toussaint, sicher einer der intelligentesten französischsprachigen Autoren seiner Generation, beschränkt sich nicht auf die atmosphärischen Spannungen und den jähen Druckabfall im Seelenbarometer, sondern sucht eine höhere Geschlossenheit. Das gelingt aber nur um den Preis einer überflüssigen und aufdringlichen symbolischen Verdichtung, die das Beben eben kein Randereignis der Natur im Schatten des privaten Dramas bleiben lassen kann, sondern es zur Zäsur der Liebesbeziehung machen muß, zum Ausschlag auf der nach oben offenen Richterskala zwischenmenschlicher Erdrutsche. Strukturalistisch versierte Leser werden in diesem Werk allerlei derartige Korrelationen, Bezüge und Parallelisierungen entdecken. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

Im Grunde hat Toussaint eine klassische Novelle geschrieben, in der das kleine Fläschchen mit Salzsäure, das der Erzähler immer bei sich trägt und im Kulturbeutel durch die Sicherheitskontrollen schmuggelt, das Dingsymbol abgibt, den "Falken" der einschlägigen Gattungstheorie Paul Heyses. Vom ersten Satz an, in dem der Erzähler von seiner "Idee" berichtet, "sie eines Tages jemandem mitten in die Visage zu schütten", bis zum Schlußabsatz, in dem die Säure dann schließlich doch noch ihre vernichtende Wirkung entfalten darf, schlägt Toussaint mit der Drohung eines Säureanschlags einen vollkommen künstlichen Spannungsbogen, den die Figurenkonstellation selber nicht liefern kann (Michael Lentz hat gerade in seiner furiosen "Liebeserklärung" gezeigt, wie man aus dem gleichen Stoff auch unfrisiert eine atemlose Dramatik entwickeln kann). Die Metaphorik des Ätzenden, Scharfen, Gefährlichen wird außerdem gnadenlos überreizt: Das nach der schlaflosen Nacht vor den japanischen Gastgebern entblößte Gesicht Maries erscheint als "gräßliche Narbe, eine ausblühende Wunde", jemand ist peinlich berührt, ihr "eine so ätzende Frage gestellt zu haben", die "Blicke" der anderen sind natürlich "beißend", Suppen scharf et cetera.

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Sich lieben
von Toussaint, Jean-Philippe
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Eine weitere Schwäche Toussaints ist die Neigung zur Kommentierung der Handlung, zu philosophischen Reflexionen, die neben die Beschreibung treten, so als würde der Autor - völlig unnötigerweise - deren Kraft mißtrauen. Das klingt dann so: "Ich schaute aus dem Wagenfenster, ohne an etwas zu denken, ein passiver Zeuge dieser Verdichtung von Raum und Zeit, die das Gefühl vermittelt, man wohne vom Zugfenster aus beim Vorbeigleiten der Landschaft dem Vergehen der Zeit bei." Eine vertrackte Sache, diese Formen der Anschauung, vielleicht aber gäbe es unverfänglichere Themen für Menschen, die sich gerade trennen.

Toussaints Roman ist so trotz starker Szenen insgesamt mißlungen. Zurück bleibt der Eindruck richtungsloser Aggression, das Gefühl, die Fassaden japanischer Höflichkeit böten nicht ausreichend Gelegenheiten zur heilsamen Triebabfuhr. Am Ende steht so nicht die Tragödie einer dem unvermeidlichen Scheitern geweihten Liebe, sondern das beunruhigende Drama eines Intellektuellen, dessen Haß sein Ziel nicht findet und sich daher willkürlich Bahn brechen muß.

Jean-Philippe Toussaint: "Sich lieben". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Bernd Schwibs. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2003. 160 S., geb., 19,80 [Euro].

Buchtitel: Sich lieben
Buchautor: Toussaint, Jean-Philippe

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2003, Nr. 225 / Seite 44

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