21. August 2004 Auf die Beleidigung, die Antoine Meillet der ungarischen Sprache zufügte, antwortete Dezso Kosztolányi gleich zweimal: mit einem offenen Brief und einer Erzählung.
Zunächst bezichtigte er den französischen Professor, der nach dem Ersten Weltkrieg das Aussterben der kleinen europäischen Sprachen befürwortete und namentlich kein gutes Haar am Ungarischen ließ, der nationalistischen Verblendung unter der "Maske der Sachlichkeit". Der französische Linguist, Professor am Collège de France, hatte Kosztolányis Muttersprache unter anderem wegen der vermeintlichen Vielzahl an Lehnwörtern aus anderen Idiomen das Lebensrecht absprechen wollen; sie sei keine eigenständige kulturelle Leistung. Kosztolányi wies Meillet im Detail eine unsaubere (und fehlerhafte) Argumentation, insgesamt aber ein reichlich verqueres Verständnis vom Zusammenleben der Völker nach: Ob der Professor aus Paris denn wirklich bereit sei, der selbstentworfenen Lehre vom notwendigen Verschwinden kleinerer Sprachen gemäß, demnächst nur noch Deutsch, Englisch oder gar Chinesisch zu sprechen?
Dieser Polemik ließ Kosztolányi (1885 bis 1936) einige Zeit darauf eine zweite Antwort auf Meillets Buch "Les langues dans l'Europe nouvelle" folgen, die ganz ohne die Schärfe und den Eifer der ersten auskommt: In einer Erzählung um sein Alter ego, den Bohemien Kornél Esti, kommt es in der Eisenbahn zu einer Begegnung zwischen Esti und einem fünfzehnjährigen türkischen Mädchen, das sich ganz westeuropäisch modern gibt und seine Herkunft am liebsten verleugnen will. Der junge Mann macht ihr eine Liebeserklärung, die eigentlich mehr ihrer Sprache und dem kulturellen Einfluß der Türken während der langjährigen Besatzungszeit in Ungarn gilt: "Ich war deinem Volk nie böse, denn von ihm haben wir unsere schönsten Wörter bekommen, Wörter, ohne die ich unglücklich wäre - dreihundertdreißig unserer schönsten Wörter verdanke ich euch." Er habe, sagt Esti, schon lange einen Türken gesucht, bei dem er sich für dieses Geschenk erkenntlich zeigen könne. Während er noch schwärmt, läßt sich das Mädchen "sanft gegen mich fallen. Ich hingegen begann sie rasch und ungestüm auf den Mund zu küssen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihr genau dreihundertdreißig Küsse gegeben."
Jedes Lehnwort ein Kuß - schöner läßt sich die wechselnde Beeinflussung von Sprachen kaum darstellen. Daß daran jetzt auch das deutsche Lesepublikum teilhaben kann, ist einem gerade bei Rowohlt Berlin erschienenen Band zu verdanken. Die erste deutsche Übersetzung von Kosztolányis Novellenzyklus um Kornél Esti, jenen sprachverliebten, schönheitstrunkenen und moralisch ziemlich unbekümmerten jungen Schriftsteller, kann sich neben den schon längst auf deutsch vorliegenden fünf großen Romanen des Autors sehen lassen: neben "Anna Edes", dem bitteren Bericht über ein Dienstmädchen, das im konterrevolutionären Budapest von 1922 seine Herrschaft ersticht, neben dem Kleinstadtroman "Der goldene Drachen" oder neben "Lerche", dem meisterlichen Kammerspiel um Abhängigkeit und dumpfe Loyalität zwischen Eheleuten und ihrer unverheirateten ältlichen Tochter, die sie mit eiserner Hand regiert.
Die Novellen um Kornél Esti, von denen eine erste Sammlung 1933 als Buch erschienen ist, wurden von vornherein mit leichterer Hand entworfen als die Romane; die einzelnen, in sich abgeschlossenen Kapitel des Buchs haben ihren Ursprung im Feuilleton der legendären Budapester Zeitschrift "Nyugat", und ihre relative Kürze, die klare Handlungsführung, die zielsicher auf die Schlußpointe zusteuert, weisen die Texte als konzentrierte, jeweils einem Thema verpflichtete Miniaturen aus dem Geist der Zeitungsseite aus: Facetten einer Gesellschaft zwischen den Kriegen, zwischen Ost und West, zwischen Ländlichkeit und Großstadt, zwischen Verschwendung und Hunger und jedenfalls eingebettet in das europäische Geschehen - und hinter alldem tritt der Held des Buches, jedenfalls als Erwachsener, manchmal bis zur Ungreifbarkeit zurück. Denn Kornél Esti, der eigene Erlebnisse erzählt oder die seiner Umgebung, ist merkwürdig verschlossen, wenn es um seine bürgerliche Existenz geht: Ist er verheiratet, hat er Kinder, hat er Anspruch auf regelmäßige Einkünfte?
Statt dessen erleben wir ihn auf Reisen durch Europa. Er fährt begeistert Eisenbahn zwischen Bulgarien und Berlin, zwischen Paris und Italien, und nicht selten fällt er dabei aus der bekannten Welt ganz heraus: Da ist etwa jene wunderliche Stadt, in der die Menschen unter allen Umständen die Wahrheit sagen, sich rüde beschimpfen und sich ausgesucht schlecht behandeln. Doch ganz so weit her ist es mit der Echtheit dessen, was unter dem Siegel der absoluten Wahrheitsliebe dargeboten wird, auch nicht. Denn die Bewohner der Stadt sonnen sich derart in ihrer Direktheit, daß das Pendel in die andere Richtung ausschlägt: Sie sind stolz auf ihre interessante Dreistigkeit und betonen sie allenthalben. Die Zeitungen heißen hier "Lüge", "Eigennutz", "Der feige Wegelagerer" und "Söldling", und im Impressum bekennen sie stolz: "Jeder einzelne Buchstabe dieser Zeitung ist gekauft. Sie ist sämtlichen Regierungen gleicherweise verpflichtet, schreibt nie ihre Meinung oder nur dann, wenn es ihre schmutzige Profitgier verlangt. Aus diesem Grund möchten wir unsere Leser, die wir im übrigen allesamt zutiefst verachten, davor warnen, unsere Artikel ernst zu nehmen, und wir bitten sie, auch uns zu verachten, so tief, wie wir es verdienen, falls das überhaupt menschenmöglich ist."
Kosztolányis Kornél-Esti-Geschichten sind kleine Capriccios, die Möglichkeiten ausloten, wo immer sie können: "Was wäre, wenn?" fragen sie, laufen dann diese unbeschrittenen Wege ab und kehren wieder an den Ausgangspunkt zurück, an dem sich Kornél Esti im Kreis seiner Zuhörer in einem Budapester Kaffeehaus befindet. Was wäre, wenn wir einander immer unverblümt die Wahrheit sagten? Wenn wir reich erbten, und zwar allzuviel, um das Geld jemals wieder ausgeben zu können? Wenn wir in einem Hotel logierten, das zu vornehm ist, eine Zimmerrechnung auszustellen? Wenn wir in Todesgefahr gerieten und von einem Menschen, der in keiner Weise zu uns paßt, gerettet würden?
All diesen lustvoll durchgespielten Möglichkeit ist gemein, daß in ihrem Zentrum die Frage nach der Kommunikation mit dem anderen steht, und in den düsteren Geschichten der Sammlung - es sind nicht wenige - spielt das Verpassen der entscheidenden Aussprache eine große Rolle: Zwei sehen sich an und reden miteinander in Gedanken, über die Lippen geht ihnen kein Sterbenswort. Zwei arbeiten im gleichen Beruf, und während der eine langsam die Kontrolle über sich verliert, sieht der andere nur zu, weil er die Gelegenheit zum Eingreifen unwiderruflich verpaßt hat - aus Trägheit, aus Gleichgültigkeit. Zwei sitzen zusammen im selben schäbigen Zimmer, aber während der eine sich um seinen kranken Sohn sorgt, ringt der andere um die Publikation eines Gedichts, und nichts kann den Abgrund zwischen ihnen überbrücken.
Doch das ist nur die eine Seite: In seinem Erzählwerk, das außer den Romanen und der jetzt übersetzten Sammlung noch sieben weitere Novellenbände umfaßt, zeichnet Kosztolányi immer wieder Menschen, für die aus Worten Wirklichkeit wird, die sich - allein oder gemeinsam - in einen Rausch hineinreden, in dem sie schließlich fest an ihre Erfindungen glauben - oder, wie der kleptomanische Übersetzer in einer Kornél-Esti-Geschichte, gleich Tatsachen schaffen und aus den Texten, die sie übertragen, reihenweise Schmuckstücke, Teppiche oder Mobiliar entwenden. Dieses Verfahren stößt an Grenzen, wo andere mit einbezogen werden, etwa in der frühen Erzählung "Der wundersame Besuch der Krisztina Hrussz": Ein Student trauert jahrelang um seine verstorbene Geliebte. Als sie schließlich auf eine halbe Stunde zu ihm zurückkehren darf, haben sich der Lebende und die Tote nach zehn Minuten nichts mehr zu sagen.
Eine der schönsten Geschichten aber hebt all das wieder auf: Kornél Esti unterhält sich eine Nacht lang durchaus differenziert mit einem bulgarischen Eisenbahnschaffner, obwohl er nur ein Wort in dessen Sprache weiß: "ja". Solange ein einziges bulgarisches Wort eine ganze Unterhaltung bestreiten kann, so lange erscheint der Abgesang auf die kleineren europäischen Sprachen zumindest als verfrüht. Und wo eine Sprache Lehnwörter so zärtlich aufnimmt, ist jedenfalls nicht alles verloren.
Dezso Kosztolányi: "Ein Held seiner Zeit. Die Bekenntnisse des Kornél Esti". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh. Mit einem Nachwort von Péter Esterházy. Rowohlt Berlin, Berlin 2004. 192 S., geb., 19,90 [Euro].
Buchtitel: Ein Held seiner Zeit - Die Bekenntnisse des Kornél Esti
Buchautor: Kosztolányi, Dezso
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2004, Nr. 194 / Seite 46