Blechernes Zeitalter

Magnus Mills erzählt von einer Königssuche im Niemandsland

06. November 2004 Wer in einem Blechhaus wohnt, hört das Winseln und Tasten des Windes in den überraschenden Variationen einer minimalistischen Melodie. Wind weht von Westen, das Haus schwingt sich in Stimmung, Regen fließt übers Dach, ein trostloser Wintertag in Moll. In einem Blechhaus, so erklärt der Erzähler des Romans von Magnus Mills, sei man durch nichts vor den Elementen geschützt als durch eine Schicht Wellblech. Wer "Zum König!" liest, ein Buch, so wunderbar wie die Harmonien des trockenen Sandes, der im Sommerwind an den Wänden kratzt, lernt die "unvergleichlichen und esoterischen Freuden" des Blechparadieses kennen.

Der Erzähler des Romans hat keinen Namen, er hat kein Gesicht und keine nennenswerte Biographie. Er stieß vor ein paar Jahren zufällig auf das zweistöckige Blechhaus, das an einem abgelegenen Ort auf einer Hochebene steht. Da es unbewohnt war, zog er ein. Anfangs konnte er dort ungestört essen, trinken und schlafen; erst als eines Tages eine Frau namens Mary Petrie vor seiner Tür steht, ist es mit der Ruhe vorbei. Der 1954 geborene britische Schriftsteller Magnus Mills, dessen Romandebüt "Die Herren der Zäune" 1998 erschien, ist in Deutschland noch immer wenig bekannt. Der ehemalige Zaunbauer, Busfahrer und Postbote hat mittlerweile vier Romane geschrieben, die sich alle durch einen anarchischen Wahnwitz und Treffsicherheit ihrer Pointen auszeichnen. Während Mills "Die Herren der Zäune" - übrigens ein Buch, das Thomas Pynchon für ein "Wunder an Komik" hielt - und "Indien kann warten", ein Mysterienspiel aus der Provinz, noch ins kleinkarierte Kolorit seiner englischen Heimat kleidete, versetzt er "Zum König!" in die karge Geographie eines Niemandslandes. "Zum König!" spielt auf den verlassenen Hügeln der Venus, in den unfruchtbaren Kratern des Mondes, also in der reichen Landschaft der Literatur.

Schon die Art und Weise, wie Mills die Figur der Mary Petrie in seinen Roman einführt, ist virtuos und überaus interessant zu lesen. Mary scheint eine alte Bekannte des Erzählers zu sein; der wiederum hat sie nur einmal im Leben gesehen. Mills spielt von der ersten Seite an ein manipulatives, faszinierendes Spiel mit dem Leser, schürt dessen Erwartungen, um sie anschließend wieder zu enttäuschen, findet mit geringstem Aufwand die effektvollsten Wendungen und weicht dennoch in keinem seiner einundzwanzig kurzen Kapitel von dem schnurgeraden Kurs, den die Handlung des Romans nimmt.

Langsam, ganz langsam läßt Mills den Blick des Lesers schweifen, löst ihn aus der anfänglichen Fokussierung auf das Blechhaus und erschließt ihm ein Panorama, wie es von größerer Konsequenz und Künstlichkeit kaum sein könnte. Als sich herausstellt, daß der Erzähler in der Einöde einen Nachbarn hat, wähnt sich der Leser auf einem Terrain, wie es die Expeditionen Samuel Becketts betreten haben: Simon Painter lebt nur ein paar Meilen entfernt im Westen; er ist etwa zur gleichen Zeit in die Gegend gezogen wie der Erzähler. Über Simons Blechhaus hängt ein Fesselballon ruhig im Wind.

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Zum König!
von Mills, Magnus
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"Zum König!" kann als eine Allegorie menschlicher Selbstentfremdung gelesen werden, als das Beziehungsdrama einer in die Vereinzelung getriebenen Gesellschaft. Mary Petrie beginnt ungefragt, das spärlich möblierte Blechhaus zu verschönern, und erinnert den Mann an seinen längst vergessenen Traum vom Leben in einem tiefen Canyon; der Fesselballon über dem anderen Haus soll schon aus der Ferne auf Simon aufmerksam machen. Nach und nach betreten weitere Figuren die Szenerie: Die Unbeholfenheit, mit der sie sich überflüssige Geschenke überreichen, ihre immer wieder ins Leere laufenden Dialoge oder ihr Schweigen, die Isolation ihrer ausnahmslos in Blechhäusern nistenden Existenzen werden von Mills schließlich nach und nach in die Utopie einer neuen Gemeinschaft überführt. Michael Hawkins, so lautet der lange Zeit nur als Gerücht kursierende Name des "Königs", dem die ersten Bewohner der rauhen Hochebene schließlich ihre Aufwartung machen. Danach zerlegen sie ihre Blechhäuser, tragen sie Stück für Stück davon.

"Zum König!" - bereits der Name Mary Petrie deutet darauf hin - stößt sich gelegentlich an den Mauern des Sakralen; die Pilgerschaft von Hawkins' wachsender Gemeinde führt bisweilen über allzu ausgetretene Pfade, die der Roman zum Schluß allerdings wieder glücklich verläßt. Der Erzähler, der einst seine Unabhängigkeit genoß, bis Mary Petrie die Kargheit seines Lebens entlarvte, sieht nun zu, wie "unsere Zukunft als Individuen unwiederbringlich" verrinnt: Erst als sich in einem der verblüffendsten Momente herausstellt, daß Hawkins mit seinen Anhängern ausgerechnet einen weiten Canyon gräbt, in dem bald schon eine blecherne Stadt errichtet werden soll, verläuft das anfängliche Mißtrauen des Erzählers allmählich im Sand. Der Magnetismus, mit dem Michael Hawkins ausgestattet ist, wird von Mills mit großem psychologischen Feingefühl erzeugt. Es ist vor allem die Gestalt dieses messianischen Herrschers über alle Träume, aus der dieser spannende Roman seine Wirkung bezieht.

Magnus Mills: "Zum König!" Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Katharina Böhmer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 188 S., geb., 16,80 [Euro].

Buchtitel: Zum König!
Buchautor: Mills, Magnus

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2004, Nr. 260 / Seite 46

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