Rezension: Belletristik

Leben, um zu erzählen

08. November 2002 Bei manchen Romanen empfiehlt es sich, auf die Kleidung der Figuren zu achten, bei anderen auf das Wetter. Bei Gabriel García Márquez sollte man auf alles achten, besonders aber auf den ersten Satz. Der berühmteste erste Satz der lateinamerikanischen Literatur läßt ahnen, warum: "Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzulernen." Es sind diese ersten Zeilen von "Hundert Jahre Einsamkeit", die den Sturz in die Tiefe der Zeit ausmachen, ein Reich ohne Chronometer, in dem es je nach der Laune der schriftstellerischen Phantasie vorwärts und rückwärts geht. Alle ersten Sätze von García Márquez enthalten die mythische Erzählweise seiner Bücher in Miniatur.

Wenn der kolumbianische Nobelpreisträger sein Erinnerungsbuch "Leben, um davon zu erzählen", das wir von heute an in großen Teilen vorabdrucken, mit einem ganz schmucklosen Satz beginnt - "Meine Mutter bat mich darum, sie zum Verkauf des Hauses zu begleiten" -, sollte sich der Leser davon nicht täuschen lassen. Die ersten Worte sind auch hier Programm.

Denn die Mutter ist das Urwesen des kolumbianischen Fabelreiches, das García Márquez über fast ein halbes Jahrhundert hinweg erbaut hat, und das "Haus" ist ein zurückgelassener, halb vergessener Ort, an den sich der junge Zeitungsmitarbeiter und angehende Schriftsteller eher zufällig zurückbegibt. Auf der Reise geschieht das Wunder: Der junge Mann sieht, riecht und erinnert sich. Seine Kindheit kehrt wieder, die Flußfahrten, die Sümpfe, der Großvater vor dem Rasierspiegel. Auf einer öden Bahnstation liest er das Wort "Macondo". Der weiche, dunkle poetische Klang - in Wahrheit bezeichnet er einen tropischen Baum - wird einem literarischen Weltort den Namen geben.

Gabriel García Márquez ist unfähig, verschwommen zu schreiben. Aber hinter der klaren Schönheit seines Stils verbirgt sich doch ein ausgeklügeltes System: Ein alter Schriftsteller erinnert sich an den jungen Schriftsteller, der er einmal war, und dieser erinnert sich an die Eindrücke seiner Kindheits- und Familiengeschichte. Mit der doppelten Rückschau schließt sich der Kreis, denn insgeheim handelt das Buch von der Entstehung des Erzählens selbst. Der Anfang allerdings war nicht leicht. García Márquez hatte das Studium hingeschmissen, was seinen Vater verstörte, und sich der Literatur verschrieben. Seine Artikel in der kleinen Zeitung "El Heraldo" brachten kaum etwas ein, und zum Entsetzen seiner Mutter trug er die zerschlissenen Sandalen ohne Strümpfe. Der junge Mann hatte freilich die Zähigkeit seiner Mutter geerbt. Sollte der Vater den Sohn auch verstoßen, die Entscheidung war gefallen: "Sag ihm, ich will im Leben nur eins, ich will Schriftsteller sein, und ich werde es." Mit dem ersten Band seiner Erinnerungen stattet García Márquez der Welt seiner Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenjahre den fälligen Dank ab: dem Ort Aracataca dafür, daß er in der Literatur zu einem "Land ohne Grenzen" wurde; seinen Eltern für ihre unglaubliche Liebesgeschichte, die den Hintergrund des Romans "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" bildet; und seiner journalistischen Ausbildung für die beste Lehrerin, die ein Schriftsteller haben kann, die Wirklichkeit. Man sagt, seine Mutter Luisa Santiaga Márquez Iguarán, die vor wenigen Monaten fast siebenundneunzigjährig starb, habe "Hundert Jahre Einsamkeit" nie gelesen. Doch wie alle guten Mütter wird sie gewußt haben, was ihr Sohn geleistet hat.

PAUL INGENDAAY



Buchtitel: Leben, um davon zu erzählen
Buchautor: García Márquez, Gabriel

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2002, Nr. 260 / Seite 43

 
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