26. November 2005 Literatur ist kein Familiengeschäft, das vom Vater auf den Sohn übergeht. Das Schriftstellergen mag noch vererbt werden, die dazugehörige Zähigkeit wird es meistens nicht. Autorensippen sind die große Ausnahme. Während wir seit der Demise der Manns in Deutschland keine literarischen Royals mehr haben, gab es jenseits des Ärmelkanals immerhin die Dynastien der Brontës, der Rossettis und der Trollopes, und auch die Mitford-Schwestern verband ein Talent zur pointierten Replik. Arbeitsgemeinschaften zwischen Eheleuten sind dennoch geläufiger, man denke nur an Sylvia Plath und Ted Hughes, Iris Murdoch und John Bayley, Claire Tomalin und Michael Frayn oder an Antonia Fraser und Harold Pinter. Doch was sind solche freiwilligen Allianzen gegen die geniale, äußerst rare Genealogie von Vater und Sohn?
Amis père et fils sind innerhalb der englischen Literatur ein einzigartiger Fall, nicht nur, was den Rang, sondern auch, was die Ausdauer angeht; weit abgeschlagen liegen Evelyn und Auberon Waugh. Kingsley und Martin Amis haben zusammen mehr als dreißig Romane und ein halbes Dutzend Bände mit Erzählungen veröffentlicht, flankiert von Hunderten von Rezensionen, Aufsätzen und Artikeln. Martin Amis ist sich dieser Sonderstellung stets bewußt gewesen - und hat sie augenzwinkernd pariert: Wenn Namedropping zu seinen schlechten Angewohnheiten gehöre, so liege das daran, daß er ihr eigentlich schon gefrönt habe, als er zum ersten Mal "Dad" sagte.
Den mächtigen Schatten des Vaters, der von Anfang an dafür sorgte, daß Martin Amis' Werke besonders gründlich gelesen wurden, empfand er nicht als Bedrohung, sondern als eine Art Schutz - zumal sich Amis senior und junior in literarischer Hinsicht stets eher einig waren als in parteipolitischer, wo Kingley sich als ein Mann erwies, "der geradezu süchtig danach war, unattraktive Ansichten zu unterstützen". In der Hauptdisziplin jedoch war der Wettstreit nicht erbittert, sondern spielerisch, man spornte sich gegenseitig an - naturgemäß ohne falsche Zimperlichkeit.
Die legendär sardonische Ader Kingsleys, der die Bücher seines Sohnes meist schon nach Lektüre der ersten Seiten entnervt in die Ecke feuerte, kommt in einem Brief an den Dichterfreund Philip Larkin zum Ausbruch: "Hast Du mal versucht, Clive Sinclair und Ian McEwan und Angela Carter und M**t** *m** [sic!] tatsächlich zu lesen?" Ähnlich unmißverständlich fiel seine Reaktion auf die Idee der National Portrait Gallery aus, zusammen mit seinem Sohn für ein Porträt Modell zu sitzen: "Das ist wohl der unangebrachteste und taktloseste Vorschlag, der mir je untergekommen ist. Martin ist diesbezüglich übrigens vollkommen meiner Meinung." Doch haben wir es nicht nicht mit einem Buch über den Ödipus-Komplex eines begabten Sohnes unter väterlicher Fuchtel zu tun, sondern mit einem in seiner Einzigartigkeit unendlich reizvollen, zugleich universell anwendbaren Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung.
Nun führen Schriftsteller nicht unbedingt interessantere Leben als ihre Leser, sondern machen bekanntlich bloß mehr daraus. Nur wenige Autoren haben so viel zu erzählen wie Martin Amis, dem allein die Beziehung zu seinem Vater Stoff für mehrere Bücher bieten würde. Aber Amis junior schreibt nicht einfach über Amis senior. Er schreibt über "Hauptsachen".
Amis' Hauptsachen - das sind seine beiden Frauen, Antonia Phillips und Isabel Fonseca, seine Kinder (beim Stand des Buches zwei Söhne und zwei Töchter, inzwischen ist eine weitere Tochter hinzugekommen), der väterliche Freund Saul Bellow und Lucy Partington. Zur Annäherung an die Hauptpersonen und -ereignisse seines Lebens nimmt Amis lauter Nebenwege. Auf verschlungenen chronologischen Pfaden führt er den Leser ins Epizentrum seines Bewußtsein: 1995, das Jahr der Katastrophen, in dem der Umwandlungsprozeß unbarmherzig hereinbricht. "Zerrüttung der Ehe, Trennung von den Kindern, gesundheitliche Krise." Kurz davor die Nachricht von Lucys grausamem Ende, kurz darauf der Tod des Vaters. "Das ist, als würde man einen Teil von sich selbst verlieren", sagt der Bruder. Und Amis fügt hinzu: "Ja, genauso war es. Und daran erkennt man, daß man eine Erfahrung macht, daß man es mit einem wesentlichen Ereignis zu tun hat: wenn ein Klischee einen mit seiner ganzen ursprünglichen Macht ergreift."
Bei Amis, diesem hochreflektierten Schriftsteller, scheinen viele der Hauptsachen ein geradezu freudsches Leben im Hinterkopf zu führen, "dort, wo nichtformulierte Gedanken und stumme Ängste lagern". Hier ist der Hauptwohnsitz des schriftstellerischen Impetus, denn hier wohnen zwei Frauen, die ihn aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Ruhe kommen lassen: seine "Vermißten". Die eine ist Lucy Partington, seine Kusine, die als Studentin 1973 eines Nachts spurlos verschwand. Erst viele Jahre später erfährt die Familie, was damals geschah: Das Mädchen wurde Opfer des Serienmörders Frederick West. Daß dieser Tod die Hinterbliebenen untröstlich zurückläßt, spürt man in jedem Satz, den Amis seiner Erinnerung dazu abgerungen hat. Die andere Abwesende ist Delilah Seale, die Tochter, deren Existenz der Vater jahrelang verdrängt hatte und die doch in seinem Hinterkopf ein merkwürdiges Eigenleben gefristet haben muß, wie Amis glaubwürdig versichert. Als sie mit achtzehn endlich leibhaftig in sein Leben tritt, ist die Liebe jedenfalls unmittelbar, gegenseitig und selbstverständlich.
Auch Gesundheit ist eine Hauptsache - oder vielmehr ihre Abwesenheit. Amis' ganze diesbezügliche Sorge gilt 1995 nicht nur dem schwerkranken Saul Bellow. Denn mit Zahnschmerz ist völlig unzureichend bezeichnet, was ein fachkundiger Blick in die Mundhöhle ihm eröffnet: ",Die oberen sind kaputt. Die unteren sind auch nicht gut. Und schauen Sie.' Wir starrten die Mondlandschaft des Röntgenbildes an. ,Es kann Ihnen beim Essen jederzeit passieren, daß Sie plötzlich Ihre Zähne in der Hand haben. Die müssen am nächsten Montag raus. Sie haben keine Wahl.'" Amis, nie ohne Ehrgeiz, zieht Trost aus der Aussicht, nun immerhin in einer Hinsicht mit Joyce und Nabokov gleichzuziehen: "Auf einem Feld sehe ich mich mit diesen Meistern auf einer Stufe. Nicht in der Kunst und nicht im Leben. In den Zähnen." Ihm werden sie alle gezogen und durch Implantate ersetzt, dann sorgt eine Zyste für neuen Ärger, und schließlich muß der Unterkiefer mit etwas tierischem Knochen ausgebessert werden. Doch Amis' Biß verliert nicht an Kraft, im Gegenteil: Die Zahnpassagen gehören zu den funkelndsten des ganzen Buchs.
Überhaupt liest sich Amis am besten, wenn er nicht gerade vor Liebe überströmt oder Selbstzweifel anklingen läßt. Empörung, Besserwisserei und Eitelkeit stehen ihm dank Selbstironie und Stilwillen mit Fünfzig so gut wie in den sechziger Jahren Samtjackett und fettige Matte. Seine Erinnerungen sind gespickt mit Schmähungen, kleinen Bosheiten und koketten Seitenhieben. Triefend vor Sarkasmus ist manche Bemerkung gegen die Presse, nachsichtiger Spott begleitet seine Erinnerungen an die eigene halbstarke Schul- und Studienzeit, aufrichtige Bitterkeit die Schilderung vom Ende der Freundschaft zu Julian Barnes; fair, doch deutlich, zeigt er seine Enttäuschung über Eric Jacobs, den Biographen seines Vaters: Glänzende Unterhaltung auf stilistisch durchweg höchstem und menschlich bisweilen mittlerem, also unterhaltsamstem Niveau. Was sein Schürzenjägertum angeht, so werden zwar viele Namen genannt, doch keine Details: Nicht jede Liebe ist eine Hauptsache, und nicht alle Hauptsachen sind salonfähig.
Andere würden in solchen Erinnerungen schwelgen wie die Katze im Sahnetopf. Nicht so Amis. Die Erfahrung - "Experience" lautet der Originaltitel - trat im Dezember 1973 in sein Leben, als seine Kusine verschwand und er zum ersten Mal "wirklich große Angst" erlebte. Es gefiel ihm nicht. Denn "dieses Ereignis hat mir auf lange Sicht gezeigt, daß selbst die Literatur nicht beherrschbar ist". Doch die verzweifelte Einsicht, daß selbst der gottgleiche Autor das Leben nicht in der Hand hat, tut ihm gut: Sie macht demütig. Und so verliert die Eloquenz, mit der Amis die Hauptsachen beschreibt, durch den Schmerz wahrer Empfindung jeglichen Hauch triumphaler Aufgeblasenheit. Mit dem offenherzigsten seiner Bücher hat er schließlich ein Werk über die Kunst der Zurückhaltung geschrieben - und den Verzicht darauf im richtigen Moment. Das zeigt sich vor allem in den anrührenden Passagen über das Siechtum seines Vaters und in dem Brief an seine Tante, der den Band beschließt: Miggy Partington war argwöhnisch, als sie erfuhr, daß ihr Neffe über Lucys Tod schreiben wollte. Ihre Sorge war unbegründet.
So quintessentially English sich dieses Buch auch für deutsche Leser zunächst ausnehmen mag, so muß man doch weder ein Faible für die angelsächsische Spezialität eines durch brachialen Humor auf ein verträgliches Maß gestutzten Selbsthasses haben noch sich brennend für die englische Literatur oder gar für die Amises interessieren, um daran Gefallen zu finden - wenngleich eine geneigte Disposition natürlich nicht schadet. Doch Hauptsachen haben es an sich, daß sie niemanden verschonen. Manchem lassen sie nur etwas länger Zeit, bevor sie ihn heimsuchen. Im Entstehungsjahr dieses Buches, 1999, erleben wir einen Martin Amis, der in mehrfacher Hinsicht in der Mitte angekommen ist: zwischen Freunden, Frauen, Müttern, Vätern, zwischen Liebe und Tod, dem Alter und den eigenen Kindern. Grund dafür, daß diese Mitte trotz schlimmer Bewährungsproben und manch gegenteiliger Behauptung nichts Krisenhaftes hat, ist wohl jene dritte Abwesende, der das Buch gewidmet ist: Isabel Fonseca, seine zweite Frau. Ehen, wie Scheidungen, sind eindeutig Hauptsachen. Aber sie gehören einem nicht allein. Amis ist wohltuend diskret, was das Scheitern seiner ersten Ehe angeht, und auch der Zusammenbruch der Ehe zwischen seinem Vater und der Schriftstellerin Elizabeth Jane Howard wird nur insofern thematisiert, als daß Kingsley sich davon nie mehr erholt.
Amis weigert sich konsequent, "die" Geschichte seines Lebens zu erzählen. Indem er Puzzleteile hervorholt, betrachtet und liebevoll ausbreitet, überläßt er es dem Leser, sich selbst ein Bild zu machen. Er wollte keine Rechenschaft ablegen; es sind nicht Fragen von Moral und Charakter, die sein Buch vorantreiben, sondern es ist der Entschluß, sich der unerhörten Formlosigkeit des Lebens nicht kampflos zu ergeben.
"Die Hauptsachen" sind die rasante Reflexion eines Schriftstellers über den Zustand des menschlichen Geistes, die Wiedergutmachung eines Vaters an seinen Kindern und das Gedenken eines Sohnes an den Vater. Amis, auch hier selbstvergnügt in der Rolle des literarisch-genetischen Sonderfalls, sagt, er habe es als seine Pflicht empfunden, "unseren Fall darzustellen". Das tut er mit der sprachlichen Energie und Virtuosität eines Nabokov, dessen Vorbild auch die ausführlichen Fußnoten geschuldet sind (ein Lob dem Übersetzer Werner Schmitz), der galgenhumorigen Unerbittlichkeit eines Kingsley Amis und der intellektuellen Neugierde eines Saul Bellow, mitunter auch mit der mimosenhaften Empfindlichkeit, wie ein Canetti sie an den Tag legte. "Die Hauptsachen" sind eine Hauptlektüre.
Martin Amis: "Die Hauptsachen". Aus dem Englischen übersetzt von Werner Schmitz. Hanser Verlag, München 2005. 455 S., geb., 24,90 [Euro].
Buchtitel: Die Hauptsachen
Buchautor: Amis, Martin
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2005, Nr. 276 / Seite 46