Robert Gernhardt

Versarbeit am Leben

24. Dezember 2005 Es ist fast dreißig Jahre her, daß Robert Gernhardt in dem Gedichtband „Besternte Ernte“ (1976) eine sechszeilige Botschaft „An einen Arzt“ absandte: „O du, der du die Kranken / heilst und ständig in Gedanken / deren Schlaftabletten frißt -: / Ahnst du denn in deinem Schlummer / etwas vom Patientenkummer, / der bei Nacht am größten ist?“

Jahrzehnte später taucht der Arzt wieder auf. Aber nun befindet er sich in Begleitung eines anderen, der größer ist als der Mediziner, mächtiger. Es ist der „Dämon des Patienten“, so der Titel des Gedichts, der tagsüber den Ärzten das Feld überläßt, gelangweilt ihre und des Patienten Bemühungen beobachtet und auf seine Stunde wartet. Die kommt des Nachts: „Gähnend hört der Dämon zu / denn bald geht man ja zur Ruh, // was für ihn heißt: Ab zur Kammer / der diversen Vorschlaghammer. // Prüfend wiegt er die Geräte: / Ob's nicht heut der kleine täte? // Wie auch immer: Bis zum Tagen / wird dann wieder zugeschlagen. // Nicht aus Bosheit. Mit Bedacht. / Tag ist Tag, und Nacht ist Nacht.“

Die eigene Krebstherapie besingen

Der Dämon des Patienten, das ist der spiritus rector des 2004 erschienenen Bandes „K-Gedichte“. Er verkörpert den Schmerz, die Ängste und Nöte des kranken Dichters, der hier für alle Kranken spricht. Nicht aus der Heineschen Matratzengruft, sondern aus dem Gernhardtschen Krankenlager steigen diese Verse empor, zum Teil, wie in den Gedichten „Seiltänzer“ oder „Hiob vor dem Spiegel“, in altbewährten Bildern, zum Teil den Alltag in der Krebsklinik direkt beim Namen nennend. Mit Titeln wie „Diagnose Krebs oder Alles wird gut“, „Die Chemo spricht“ oder „13. Dezember, Computertomographie“ geht der Dichter den Gegner direkt und mit offenem Visier an: Wenn Liebe und Tod der Poesie älteste Themen sind, warum sollte ein Robert Gernhardt dann nicht die eigene Krebstherapie besingen können?

Die Melancholie, jene alte Krankheit zum Tode, hat hier wenig zu melden, denn auch der kranke Gernhardt begreift die Dichtkunst als Arbeit am Leben. Elegien sucht man hier vergebens, denn der Elegische ist der ins Schicksal Ergebene. Gernhardt hingegen begreift mit Lance Armstrong, dem ehemaligen Krebspatienten und fünfmaligen Gewinner der „Tour de Frangse“, die „Krankheit als Schangse“. So sind die K-Gedichte ein wirkmächtiges Autotherapeutikum, das in seinem steten Wechsel von intimster Nähe und distanzierter Selbstbeobachtung, nüchternstem Realismus und schwärzestem Humor jeden Dämon zurück in die Flasche zu treiben vermag.

Ein Fall fürs Seminar

Die „K-Gedichte“, zu denen auch einige aus Anlaß des Irak-Krieges entstandene Sonette gehören, sind die jüngsten Werke, die der schöne Band „Gesammelte Gedichte. 1954-2004“ vereint. Ein halbes Jahrhundert Gernhardtscher Lyrik läßt sich hier bewundern, angefangen mit vier Gedichten aus der Schul- und Studienzeit, über Verstreutes aus „Welt im Spiegel“ und „Titanic“ bis zu den Gedichtbänden „Körper in Cafés“ (1987), „Weiche Ziele“ (1994), „Lichte Gedichte“ (1997) und „Im Glück und anderswo“ (2002). Es ist der ganze Gernhardt eben, auf Dünndruckpapier gedruckt und in handlichem Format in grünem Leinen gebunden: ein Buch, das man gern in die Hand nimmt, um sich in allen Lebenslagen davon begleiten zu lassen. Und tatsächlich ist kaum eine Situation denkbar, für die sich auf den über tausend Seiten des Buches nicht das rechte Gernhardt-Wort finden ließe: der „Grüne Gernhardt“, ein Hausbuch.

Der Vorgängerband, „Gedichte 1954-94“, erschienen 1996 im weiland Haffmans Verlag, war nur gut halb so umfangreich wie sein Nachfolger. Fast fünfhundert Seiten sind also hinzugekommen in nur neun Jahren. Das spricht für eine Produktivität, die ihresgleichen sucht. Wie fruchtbar dieser Künstler ist, zeigt auch ein Blick in Gernhardts Werkverzeichnis: Allein im S. Fischer Verlag, der sich vorbildlich um das Werk des Frankfurter Dichters kümmert, sind zur Zeit 32 verschiedene Bände lieferbar, einen von Lutz Hagestedt herausgegebenen Sammelband „Alles über den Künstler“ nicht einmal eingerechnet.

Da stellt sich die Frage, wie es denn mit der Sekundärliteratur aussieht. Ist nicht Gernhardt längst ein Fall für die Germanistischen Seminare? Mag sein, aber einstweilen dürften die aufschlußreichsten Anmerkungen noch vom Autor selber stammen. Der Anhang der „Gesammelten Gedichte“ umfaßt 72 Seiten und sei hiermit wärmstens zur Lektüre empfohlen. Wer wissen will, was die Anwaltskanzlei Kling & Kollegen dem Dichter aus Anlaß seines Gedichts „Mühlheim/Main-Blues“ mitteilte oder was ein bekannter Literaturkritiker, der „arg abgefüllte Peter Hamm“ nämlich, Gernhardt anläßlich eines Buchmessenempfangs „mit einer Stimme, darin sich Abscheu und Neid die Waage zu halten schienen“, Frivoles hinterherrief, der kommt um Robert Gernhardts Anhang ebenso wenig herum wie um seine Gedichte.

Robert Gernhardt: „Gesammelte Gedichte 1954-2004“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 1063 S., geb., 15,- [Euro].



Buchtitel: Gesammelte Gedichte 1954-2004
Buchautor: Gernhardt, Robert

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2005, Nr. 300 / Seite 48
Bildmaterial: Verlag

 
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