Goodbye, Tudjman

19. Juni 2008 Zwei Gangster schleppen die Leiche der alten Marta zur Sparkasse. Sie wollen, typisch Gangster, ihre Kohle. Die Frau habe einen Herzanfall erlitten, und nun brauche man dringend die zwanzigtausend Mark auf ihrem Konto für die Behandlung. Der Coup schlägt fehl, die Gauner landen im Gefängnis, aus dem sie erst nach Jahren wieder entlassen werden. Da ist das alte sozialistische Jugoslawien längst zerfallen, und die beiden kroatischen Biberkopfs finden sich nicht mehr zurecht. Ihre Freiheit währt nur kurz. Bald sind sie wieder hinter Gittern. Wie in dieser Erzählung des 1969 in Zagreb geborenen Robert Perisic beherrscht bitterböser Galgenhumor die Texte dieser Anthologie mit neuer kroatischer Prosa. Zwischen 1961 und 1977 wurden die Autoren geboren, den Untergang Jugoslawiens haben sie als Jugendliche erlebt, als Trauma, denn zu den Problemen Pubertierender gesellten sich Krieg, Flucht und nationalistischer Wahnsinn. Was etwa soll ein kroatischer Junge tun, dessen Vater als Offizier in der verhassten jugoslawischen Armee dient? Jedem fehlt etwas, dem einen der Vater, dem anderen die Heimatstadt, dem Dritten die Worte, seine Geschichte zu erzählen. Es sind Erzählungen aus einer Zwischenzeit, nach dem Krieg und vor dem Frieden, eine beängstigende, groteske Freiheit auf Bewährung. Man ist zu jung, um dem Alten nachzutrauern, und zu alt, um keine Verluste zu beklagen. Man verteidigt die Zukunft, indem man auf gepackten Koffern auf sie wartet. Genau hier, in diesem historischen Abseits, beginnt die neue kroatische Literatur. ("Kein Gott in Susedgrad". Neue Literatur aus Kroatien. Herausgegeben von Nenad Popovic. Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2008. 300 S., geb., 19,90 [Euro].) sber



Buchtitel: Kein Gott in Susedgrad
Buchautor: Popovic, Nenad

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.06.2008, Nr. 141 / Seite 38

 
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