09. September 2002 Es scheint eine allgemeine Übereinkunft darüber zu geben, daß das Alter und die Kindheit beschauliche Zeiten sind, in denen man einander einiges von Gewicht zu sagen hat. Deswegen gibt es eine Menge Bücher, oft sind es Kinderbücher, in denen ein Großvater- oder Großmutter-Kind-Paar gemeinsam zu vulgärphilosophischen Einsichten kommt - über den Tod, das Leben, die Liebe und dergleichen. So viele dieser altklugen Gesprächspaare kann es in der Wirklichkeit gar nicht geben, wie es Geschichten über sie gibt. Vielleicht sind die Bücher als eine Art Anleitung gedacht?
Tove Jansson, die im vorigen Sommer verstorbene große finnische Autorin - bekannt vor allem als die Schöpferin der "Mumin"-Welt -, hat vor dreißig Jahren, als sie selber anfing alt zu werden, ebenfalls ein Großmutter-Kind-Buch geschrieben. In Deutschland war das "Sommerbuch" lange vergriffen. Nun ist es noch einmal aufgelegt worden, und die neue Übersetzung von Birgitta Kicherer gibt es uns in alter Frische und Schroffheit wieder. Wenn die anderen Großelternbücher gönnerhafte, einschläfernde Anleitungen zum Umgang mit Alter und Jugend sind, dann ist das "Sommerbuch" das geeignete Gegenmittel: Es macht immun gegen falsche Sentimentalität, es macht wach. "Jetzt hör' aber auf", herrscht Tove Janssons Großmutter einen alten Freund an, der sich in elegischen Betrachtungen über das Glück, mit Kindern leben zu dürfen, ergeht. "Warum hast du so viele Umschreibungen und Gleichnisse nötig, hast du Angst?"
Angst, das ist es. Sie ist natürlich da, bei Sophia, die ungefähr sieben ist, und bei der Großmutter, die ungefähr alt ist ("1882 geboren, falls dir das etwas sagt"). Die beiden bemerken besonders gerne die Angst bei der anderen, sind dann aber zu feinfühlig, um darüber zu sprechen. Man verlebt den Sommer auf einer kleinen Schäreninsel, ein Vater ist auch da, aber wie das so ist bei der mittleren Generation: Er hat wenig Zeit, ist vor allem eine Sicherheit im Hintergrund. Wie wichtig er ist, merkt man erst, als er einmal vermißt wird. Man merkt es auch an seinen Künstler-Schrullen. So leben die Großmutter und Sophia ihr eigenes Inselleben, begeistert versponnen in ihre Privatdramen, und es könnte genau das Kinderbuchidyll sein, als das der Oetinger Verlag das "Sommerbuch" erscheinen läßt, vom Umschlagbild bis zum Klappentext. Ein geradezu subversiver Mißgriff in der Präsentation ist das; denn weniges ist hier so kindlich, wie man es nach solcher Vorgabe erwartet. Meistens nur solche Dinge, die Kindern selbstverständlich sind und über die sie nichts zu lesen brauchen - etwa der Blick durch den Ärmel, wenn man am Strand liegt, und Unterarm und Sand bilden eine Dreieck-Bühne, auf der ein Federchen plötzlich zum Hauptakteur wird.
Die Idylle ist in diesen Episoden so flüchtig wie die kurze Zeit im Frühsommer, in der das Moos blüht und die ganze Insel mit einem warmen, kaum sichtbaren Schleier überzieht. Der Rest ist Nüchternheit, Sturm, prekäres Gleichgewicht. Einmal taucht eine Katze auf, die sehr geliebt wird, obwohl - oder weil - sie nicht weiß, wie man ein Kind zurückliebt. Einmal kommt ein anderes Kind zu Besuch, und erst an dieser unglücklichen Außenseiterin wird deutlich, wie sehr man auf der Insel schon aufeinander eingeschworen ist. Zentrum aller Ereignisse ist die Großmutter mit ihrer Melancholie, die sie hinter viel Schroffheit verbirgt. Sie sagt: "Das weiß ich nicht" oder "Das kann ich nicht mehr." Mehr als einmal schämt sie sich und ärgert sich über sich selbst. Sie ist eine Frau, die dem Herbst direkt ins Gesicht blickt und sich nicht sehr freut. Gerade dies aber hat viel Heilsames und Tröstliches - für Kinder, alte Leute und solche dazwischen.
MONIKA OSBERGHAUS.
Tove Jansson: "Das Sommerbuch". Aus dem Schwedischen übersetzt von Birgitta Kicherer. Oetinger Verlag, Hamburg 2002. 157 S., geb., 12,90 [Euro].
Buchtitel: Das Sommerbuch
Buchautor: Jansson, Tove
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2002, Nr. 209 / Seite 32