Opfern wir die Maus!

Küssenmüssen: Marjolijn Hof rettet Papas Leben

20. Dezember 2008 Wie kann ein Familienvater so egoistisch sein? Statt sich um Frau und Tochter zu kümmern (und seinen Helferdrang im heimischen Krankenhaus auszuleben), fährt Kikis Vater immer wieder weit weg: in Kriegsgebiete, um dort Verletzte und Kranke zu versorgen.

Es ist ein sehr spezieller Blick, den uns die niederländische Autorin Marjolijn Hof öffnet, der Blick der vielleicht zehnjährigen Kiki. Die Geschichte beginnt damit, dass der Vater wieder einmal abreist. Kiki und ihre Mutter müssen sich einrichten im Warten auf Nachrichten, die zu Beginn auch spärlich eintreffen, schließlich aber ganz ausbleiben. Während die Mutter mit verbissener Energie sperrmüllreife Möbel restauriert, verfällt Kiki bei ihren Grübeleien auf krude Wahrscheinlichkeitsrechnungen: Einen toten Vater haben wohl manche Kinder, auch dass Haustiere sterben, kommt vor. Aber wer hat einen toten Vater, eine tote Maus und einen toten Hund? Sie beschließt, das Ihre zu tun, um die Überlebenschancen des Vaters zu erhöhen: Der uralte Familienhund Mona und eine kranke Maus, die schon in der Tierhandlung nur im Hinterzimmer ihre letzten Tage fristen durfte, müssen sterben. Je mehr Zeit ohne Nachricht vergeht, desto tiefer verstrickt sich Kiki in ihr unheimliches Vorhaben, von dem sie niemandem etwas sagen kann, ganz bestimmt nicht Mutter oder Großmutter.

Mit Interesse und Sympathie verfolgt man die Strategien der drei Generationen, die einander zwar stützen, andererseits aber auch mit ihren Ängsten zermürben können - das Bedürfnis nach Nähe kann dabei schnell in sein Gegenteil umschlagen. Das ist glaubhaft, beeindruckend und gelegentlich sogar geradezu lustig. Dass der Vater kein "Zuhausebleiber" sei, hat er Kikis Mutter schon lange vor Kikis Geburt mitgeteilt, und von den ängstlichen Zuhausegebliebenen wird er nun je nach Gemütslage als unverbesserlicher Abenteurer oder selbstloser Held gesehen.

Die todgeweihte Maus stirbt tatsächlich, glücklicherweise ohne Kikis Zutun. Aber der Hund Mona darf weiter den besten Platz auf dem Sofa besetzen, weil Kiki im allerletzten Moment zur Vernunft gebracht wird. Gefahren verkleinern durch Darbringung von Opfern, "so funktioniert das Leben nicht", lernt sie, und der Schreck über die eigenen Pläne wird Kiki noch lange in den Knochen sitzen. Talismane wie das geflüsterte "Küssenmüssenküssenmüssen" hingegen sind erlaubt.

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Tote Maus für Papas Leben
von Hof, Marjolijn
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Kikis Vater kommt zurück, aber so wie vorher wird das Leben nicht mehr sein. Dass sich das Verhältnis zwischen gesellschaftlicher und familiärer Verantwortung immer neu definiert und dass es nie allgemeingültige Rezepte geben kann, zeigt der offene Schluss. So viel mutet die Autorin Kiki und ihren Lesern dann doch zu.

ANNETTE JAHR

Marjolijn Hof: "Tote Maus für Papas Leben". Aus dem Niederländischen übersetzt von Meike Blatnik. Bloomsbury Berlin, Berlin 2008. 112 S., geb., 9,90 [Euro]. Ab 10 J.

Buchtitel: Tote Maus für Papas Leben
Buchautor: Hof, Marjolijn

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2008, Nr. 298 / Seite 42

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