Wolfgang Hilbigs gesammelte Erzählungen

Der Gefangene kann sich nicht denken

Von Kurt Drawert

20. Juni 2009 Was immer in diesem zwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall an Literatur im Kontext der DDR schon erschienen sein mag – der nun vorliegende zweite Band einer Werkauswahl Wolfgang Hilbigs mit Erzählungen und kurzer Prosa ist von einer solchen ästhetischen Eindringlichkeit, dass er alles zusammenzufassen scheint. Die erschreckend oft gestellte Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, ist damit gleich mit beantwortet. Und das ohne jede Akklamation. Hilbig war viel zu sehr in den „Territorien der Seele“ unterwegs, dort, wo es keine Antworten und keine Sicherheiten mehr gibt, als dass er jemals abgeschlossene Meinungen wie Fertigteile für den Agitationsunterricht hätte bieten können. Seine literarischen Vorlieben waren dementsprechend: Edgar Allen Poe, Franz Kafka und vor allem E. T. A. Hoffmann, dessen Phänomenologie des Irrsinns mit den Bedingungen eines Fabrikarbeiters in den Erzählungen Hilbigs koinzidiert.

Überhaupt sind es wohl die Romantiker, deren notorisches Unglück nur die Rückseite eines tiefen Begehrens nach Harmonie gewesen ist, die den Autor beeinflusst haben. Darüber hinaus gilt das gesamte literarische Werk dem einen großen Versuch, das Wort „Ich“ zu beschreiben. Jeder Prosatext, jedes Gedicht kreist um die Rückeroberung eines schon aufgegebenen oder nur noch in losen Verweisungen vagabundierenden Begriffs vom Subjekt, und genau darin steht er in der Tradition einer Moderne, die mit dem sogenannten sozialistischen Realismus naturgemäß nicht übereinging.

Der schreibende Arbeiter

Nun ist die Etablierung und Dekonstruierung des Ich-Begriffs ein wesentlicher Bestandteil der Philosophiegeschichte und wäre wohl denkbar unergiebig, würde die Literatur nur eine illustrierte Geschichte dazu liefern. Bei dem schreibenden Arbeiter aus Meuselwitz aber, der im „Sklavenstatus“ eines Kesselheizers die Sprachlosigkeit seiner angeblich herrschenden, in Wahrheit aber unterdrückten Klasse erleidet, hört die Philosophie über den Ich-Begriff auf und geht über in eine existentielle Demütigung, die zu beschreiben sein Anliegen wird. Wenn wir den Osten verstehen als einen Westen im Zustand seiner Rückständigkeit, was auch eine Langsamkeit brachte, die den technologischen Fortschritt subversiv unterlief, dann verhielt sich diese Gesellschaftsform wie die offene Wunde zur Theorie; sie war der kranke Körper, der sich noch berühren und behandeln ließ; sie lieferte die Bestätigung für postmoderne Diskurse, die andernfalls hätten leer um sich selbst kreisen müssen.

Wir erinnern uns an die Liebe der Germanisten zum Ost-Berliner Untergrund, die schlagartig erlosch, als dieser politische Subtext sein Geheimnis verlor und entzaubert wurde von einer Handvoll Zuträgern der Stasi. Dieses Desaster haben literarisch nicht viele überlebt. Und Hilbig, der seit Mitte der achtziger Jahre schon in der Bundesrepublik lebte, war auch hier einen Schritt weiter und konnte von außen auf ein Trümmerfeld blicken und es fruchtbar für sich machen. Die ästhetischen Grundpositionen blieben dabei erhalten, die Leere in der Substanz zu beschreiben, anstatt, wie es schon zum Konzept der Postmoderne gehörte, Substanz und Leere gleichbedeutend ineinanderzuschieben. Die Geschichte liegt zwar in Brüchen, aber sie behält die Option, veränderbar zu sein.

Von der Abschaffung der Intelligenz

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Wäre nun die Kulturpolitik der DDR nicht von ihrer eigenen Unsinnigkeit durchzogen gewesen wie ein alter Käse von seinen Maden, sie hätte Hilbig zu einem ihrer ersten Dichter machen können – und das wäre für ihn sicher ebenso tragisch geworden wie die Vereinnahmung Majakowskis durch Stalin. Denn im Grunde hatte er der Vorstellung vom „schreibenden Arbeiter“, der ein Bewusstsein seiner selbst und seiner Klasse entwickelt, völlig entsprochen. Aber die autoritäre und auf Doktrinen gegründete Macht war viel zu sehr auf die Abschaffung von Intelligenz angewiesen, um uneingeschränkt herrschen zu können, als dass sie sich eine Elite hätte tatsächlich leisten können.

In „Der Heizer“, einer der großartigsten Erzählungen aus den achtziger Jahren, heißt es dazu: „Das ist hochinteressant, dass Sie außerhalb der Arbeitszeit Volkskünstler sind, antwortete der neue Meister, das ist förderungswürdig, eine Form sinnvoller Freizeitarbeit, das hat natürlich, ich muss Sie nicht an den Bitterfelder Weg erinnern, unsere Unterstützung.“ Diese „Unterstützung“ schlug allerdings schnell in offene Feindschaft um, sobald einer schrieb: „Aber dieses Klassenbewusstsein existiert nur in den Köpfen, die nicht der Klasse angehören, die nicht Proletenköpfe sind.“ Der ganze Mythos von Arbeiterliteratur ist mit diesem einen Satz desavouiert.

Proletariat als Metapher

In dem Moment nämlich, wo ein Arbeiter seine Lage reflektiert, hat er seinen Status verlassen, oder er leidet an diesem Status, da ihm die ganze verlogene Ideologie, die falsche Ehrerweisung, die Kränkung zu Bewusstsein kommen. „Gefangene können unmöglich über sich selbst nachdenken“, heißt es bei Hilbig. Da der Autor aber über sich und das Wort „Ich“ nachdenkt, zugleich aber ein Gefangener von Kollektiven ist, eine brauchbare Sprache sucht, aber nur die Schlacken der ideologisch formatierten Sprache seiner Klasse und Gesellschaft findet, auf die Immanenz der Freiheit verweist und deren Grenzen erfährt, sind die Konflikte bereits vorgegeben.

Das Proletariat als Metapher für eine Verstoßung, als Projektionsfläche für den Fluch und das Fatum nicht nur der DDR und ihrer abgestandenen Ersatzwirklichkeit, sondern der menschlichen Existenz an und für sich, ist das große literarische Bild, das sich in die Erzählungen und Prosatexte der siebziger und achtziger Jahre einbrennt.

Spannend wie bei Hitchcock

Allein ein so kurzes Prosastück wie „In der Schillerstraße“, das davon erzählt, wie der Nebel den Tod verbirgt und zum einzigen Glück der in der Schillerstraße lebenden Menschen wird, zeigt die ganze außerordentliche Meisterschaft. Wenn wir diesen DDR-Boden betreten, brauchen wir keinen Erlebnispark auf Rügen oder wo auch immer mehr, der mit den Devotionalien einer Misswirtschaft kurz vor dem Bankrott auf verklärende Weise kokettiert.

Selbst dort, wo ihm der Text assoziativ entgleitet und die Figur des Erzählers zu nah an die Person des Autors gerät und damit an Verallgemeinerungskraft verliert, ist er noch immer grandios. Wie er es vermag, mit kleinen Drehungen der Perspektive das scheinbar geordnete Leben vor einen Abgrund zu stellen, als wäre er bei Hitchcock höchstselbst in die Schule gegangen, sucht seinesgleichen. Gewiss, in diesem finsteren Blick gibt es nur das Scheitern, die Niederlage und das Entsetzen. Aber es ist nie Pose, Modephilosophie, Lust am Untergang der anderen. Es ist das ganze zerrissene Subjekt der deutschen Nachkriegs- und Spaltungsgeschichte, das sich völlig schutz- und heimatlos zu erkennen gibt und literarisch gestaltet.

Differenz zur Erscheinung

In ihrem Nachwort spricht Katja Lange-Müller davon, wie sie Hilbig im Sommer 1989 bei einer Lesung in West-Berlin erlebt, wo man gar nicht glauben kann, dass sich hinter dieser unbeholfen wirkenden Person ein „Schriftsteller“ verbirgt. Vom Autor selbst wissen wir, wie sehr er gelitten hat unter öffentlichen Auftritten und so manches Mal zu spät oder gar nicht erschien. Aber diese Differenz von Innerlichkeit und Erscheinung, die kaum jemand authentischer verkörperte als Hilbig, ist durchaus mehr als nur ein anekdotischer Zufall; sie ist ein Gleichnis für den Einbruch des Realen in die virtuelle Scheinwelt des Westens, von dem Baudrillard sprach, und sie nimmt den Sturz der Bedeutungen auf bildhafte Weise vorweg.

Das beschriebene Verstummen des Autors H. in Hilbigs letzter Erzählung „Die Nacht am Ende der Straße“ hat mit diesem Paradigmenwechsel der Wende- und Nachwendezeit, der für die Ostdeutschen nicht nur ein neues Wirtschaftssystem, sondern auch eine andere Grammatik des Sprechens und Verstehens mit sich brachte, durchaus einiges zu tun. Hilbigs Prosa ist ein permanentes Spiel mit Auslassungen, Verdopplungen, Spiegelbildern und Chiffren. Es ist faszinierend, wie er sein semiotisches Netz über den Erzählstoff breitet und jedes Teil, jede Szene, jede Figur symbolisch damit auflädt und in ihrem Sinn vom Konkreten auf etwas Allgemeines verlängert. Und das ohne rhetorischen Behauptungsaufwand, wie wir ihn bei Thomas Bernhard finden.

Die Zerstörung des Satzes

Voraussetzung dieser Poetik ist das Schweigen der Umwelt. Der Autor ist allein dadurch immer schon am Ziel seiner Texte, weil er darauf vertrauen kann, dass ihnen der gewünschte Sinn unterstellt wird. Im Westen nun stellen sich die Verhältnisse von Signifikat und Signifikanz genau gegenläufig dar. In der rasenden Flut der Zeichen kollabieren die Bedeutungen unaufhörlich, und das beeinflusst oder zerstört den literarischen Satz. Hier nun kapituliert der Autor für den Moment seines Unglücks und stellt auch seine Berufung in Frage: „Es waren die Sätze der Massenmedien . . . H. fand keine anderen Sätze.“ Oder richtiger: Er hatte keine Zeit mehr, jene anderen Sätze zu finden, mit denen es, auch hier und heute, einen Widerstand gibt gegen die Zumutungen und Absonderlichkeiten der Welt. Aber er hat uns ein großes, einzigartiges Werk hinterlassen, das uns sein Verlag auf so wunderbare Weise präsentiert. Es ist ein literarisches Monument.

Wolfgang Hilbig: „Werke“. Erzählungen und kurze Prosa. Hrsg. von Jörg Bong, Jürgen Hosemann und Oliver Vogel. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 767 S., geb., 26,95 Euro.



Buchtitel: Werke 2
Buchautor: Hilbig, Wolfgang

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: S. Fischer Verlag

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