Rezension: Belletristik

Das Einbohren der Finger ins Nervengeflecht

12. Oktober 1999 Als literarisches Biotop ähnelt die Großstadt einem Wasserloch in der Wüste. "Lebe gefährlich" steht an ihrer Grenze, Gebot und Fluch zugleich. In dieser abgeschlossenen Welt ist der Kriminalroman entdeckt worden. Er protokolliert das Artensterben und ist so zynisch, dass er dem Tathergang mehr Aufmerksamkeit schenkt als seinem Opfer. Eugène Sue beschreibt vielbändig den Pariser Sumpf, zeichnet den Hinterhof als uneinsehbaren Tatort und erkennt im Treppenhaus die Himmelsleiter, die niemals jemand wieder hinuntergestiegen ist. Edgar Allan Poe folgt dem Mann in die Menge und erlebt die Unausweichlichkeit der Passanten wie ein Schicksal, jeder Fußgänger ein treibender Täter, der nur durch die Qual der Opferwahl blockiert wird. Jeder Moment kann beim Bad in dieser Menge das Ertrinken bringen oder hinter der Mauerecke das Meuchelmesser. Spätestens beim harten Fall des Opfers liegt auch für den Verbrecher das Geld auf der Straße.

Seit dem Hauptstadtbeschluss hat auch Deutschland wieder einen solchen Sitz des kapitalen Verbrechens und damit Anschluss an ein Metropolengenre gefunden. Unübersehbar aber bleibt, dass der Berlin-Roman einen Sonderweg beschreibt. Auch Inka Pareis Debütroman ist ein Kriminalwerk, das sich virtuos aus den Arsenalen der Gattung bedient und nur von dem scheinbar Entscheidenden: dem Mordopfer, nichts wissen will. Die Schattenboxerin, so der Titel ihres Buches, braucht keinen Gegner, weil sie an den eigenen Bewegungen genug hat. Verletzen kann sie in ihren Kämpfen nur sich selbst.

Die Lehniner Straße im Ostteil Berlins ist ein Ort tiefster Verwahrlosung. Fremde meiden diese Gegend, sofern sie nicht den Wagemut und das Interesse von Abbruchunternehmern mitbringen. In den Hauseingängen sammelt sich der Urin in Pfützen wie nach einer Regenzeit, Müll streunt über die Hinterhöfe und wächst zu Zivilisationskippen heran. In den Fluren brechen die Dielenbretter, fehlende Außenwände erlauben überraschende Einblicke auf leer geräumte Wohnungsbühnen, herausgerissene Klingeln vereiteln möglichen Besuch. Nach der Verschleppung einer Kellergreisin ins Altersheim bleiben zwei allein stehende Frauen zurück, die nur der mietfreie Wohnraum zum Ausharren überredet. Aufmerksam registriert die Ich-Erzählerin Hell die regelmäßigen Lebensgeräusche ihrer Nachbarin Dunkel, bis diese eines Tages aussetzen und das unbelebte Haus alleine zurücklassen. Ihre "Außenklo-Partnerin" ist verschwunden, die gegenseitig versicherte Existenz von Hell und Dunkel, dieses Chiaroscuro zweier unbekannter Frauen und ihre manichäisch grundlose Einheit damit zusammengebrochen. Hell, die scheinbar letzte Überlebende, macht sich auf die Suche nach ihrer Nebenbewohnerin, ohne mehr von ihr zu kennen als das Abziehgeräusch der Wasserspülung.

Hell befindet sich in einem Zustand kontrollierter Verwahrlosung. Der Leser begegnet ihr unvermutet in einem Augenblick, als das Experiment, sich "noch weiter zu minimieren", beinahe den Punkt einer unumkehrbaren Selbstauslöschung erreicht hat. Ihre Wohnung ist von fast allen Annehmlichkeiten befreit und so leer geräumt wie ihr Seelenleben, das die Behaglichkeit einer entfrosteten Kühltruhe verströmt. Kaum eine Regung dringt aus diesem verschlossenen Innenraum hervor, kein Gefühlslaut deutet an, dass das wache Registrieren der Außenwelt zu einer leicht erhöhten Betriebstemperatur führen könnte.

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Die Schattenboxerin
von Parei, Inka
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Ihr Alleinsein hat vor allem die Sprache verkümmern lassen. Im gesamten Roman, der sie immerhin eine Nacht lang mit einem Mann zusammenbringt und in dessen Verlauf sie eine Stadt durchforscht, äußert sie ein Dutzend Wörter, alles zerbrochene, verstummende Sätze. Ihre Wachheit scheint zu angestrengt, um sich an ein Gespräch verausgaben zu dürfen. Der innere Monolog, der das Buch füllt - die Konzentration auf die gefährliche Umgebung, die Vorstellung ihrer Sozialkontakte mittels Personenbeschreibung, ohne dass ein polizeiliches Kennzeichen entgeht -, darf sich durch Teilnahme nicht ablenken lassen. Das mitlaufende Protokoll arbeitet wie eine Kamera, die in der Aufzeichnung des Geschehens selbst unsichtbar bleiben will.

Der gebändigten Sprache entspricht ein vollkommen beherrschter Körper. Inka Parei hat in den Anfang des Romans eine Szene eingesetzt, deren Gewalt nicht nur dem Leser den Atem verschlägt. Hell wird Zeugin einer Erpressung im Hinterzimmer eines Lokals. Was in den nächsten Sekunden folgt, hat in seiner Dramaturgie vom amerikanischen Kino gelernt und zugleich dessen heroische Geschwätzigkeit auf eine kalte Körperfunktionsbeschreibung reduziert: Dem ersten Erpresser bohrt sie ihren Finger bis zum Erbrechen in den Solarplexus, dem zweiten zertrümmert sie den Kehlkopf und setzt anschließend eine Kugelschreibermine in den Luftröhrenschnitt. Es ist die beherrschte Grausamkeit des Mediziners, eine kalte Technik der Selbstverteidigung, deren sparsame Bewegungen einen Fingerbreit vor dem Töten innehalten. Hells karger Körper, der sich äußerlich dem Zustand ihrer fadenscheinigen Welt angepasst hat, gleicht einem Stilett, das sich plötzlich von der klobigen Last in eine elegante Waffe verwandelt. Die Unscheinbarkeit endet, sobald der Angriff erfolgt.

Vollkommen lautlos choreographiert Inka Parei diese Körperexplosion. Kein Warnruf kommt der so unausweichlichen Gewalt zuvor. Die titelgebende Metapher des Schattenboxens bewahrt auf diese Weise ihren mehrfachen Sinn: Der plastische Körper tritt zurück und hinterlässt nur scharfe Konturen, die Bewegungen wirken ritualisiert, der Schatten kämpfend und dennoch unverletzlich. Vor allem aber hat der Schatten kein erkennbares Gesicht. Er ist das flache Abbild einer verborgenen Person. Parei erzählt von der Schockgeburt dieser Unperson an einem einzigen Tag. Immer wieder unterbricht sie die Gegenwart der Ich-Erzählerin und bringt ihre Erinnerungen zum 1. Mai 1989 zurück, dem Tag, der ihr die zombiehafte Existenz auferlegte. Während einer von der Polizei gesprengten Demonstration suchte sie damals Zuflucht in einer Bauhütte, die ihr zur Falle wurde. Dass man sie dort vergewaltigte, erzählen nur die Indizien ihres beschädigten Körpers. An diesem Tag endet Hells "riskant und sorglos" geführtes Westberliner Leben, sie betoniert sich ein hinter einer wehrhaften Fassade. Fortan wird ihr der Alltag zum Feindesland, jeder Fußweg ein Gang hinter die feindliche Linie, jedes Haus ein Hinterhalt. Berlin ist Kriegsgebiet, in dem man sich vor der Feindberührung mit seinen Einwohnern zu hüten hat. Nur die ausgelöschte Person überlebt im urbanen Kriegszustand.

Inka Pareis Roman ist über weite Strecken grandios, weil es ihm gelingt, seine ausgefallen lakonische Form durch das inhaltliche Geschehen zu rechtfertigen: Nur weil an der Ich-Erzählerin damals Gewalt verübt wurde, muss sie fortan die überscharfe Beobachtung auf sich nehmen. Erst seitdem erleidet Hells Wahrnehmung eine "Genauigkeit, die mich nicht mehr verlassen wird", eine verfluchte Sehschärfe. Das Protokoll des Mülls, der exakte Bericht jeder Fußspur, die sprachlich genaue Ablichtung der Umgebung: Jedes Alltagsdetail ist Beweismaterial für ein Verbrechen, das noch nicht geschehen ist, jede Bewegung der mögliche Beginn eines Überfalls. "Ein durch zwei Ritzen gezogenes Band verschließt das Heft mit einer Schleife, daneben klebt ein Namensfeld, zwei Zeilen verschmierter Kindertintenschrift, das Buch gehört der Dunkel." So denken Kommissare, die ihren Dienstschluss verpasst haben. Der Ruhelosigkeit des kriminalistischen, Hell-wachen Blicks droht Überlastung.

Ohne Manieriertheit gelingt dem Roman seine neusachliche Poesie. Denn die Nüchternheit der polizeilichen Dingbeschreibung ist nur die Kehrseite einer Sprache, die aus dem Expressionismus gelernt hat: "unter seinen Schritten stöhnen die vom Schwamm zermürbten Dielen". Das sind Benn'sche Metamorphosen ohne deren mythologisches Ornament. Dinge sind Indizien, die unter dem misstrauischen Blick zum Leben erwachen. Immer wieder taut die Kälte für einen Moment auf, als erinnere sich Hell ihres früheren Lebens. Unter dem Tarnanzug ist eine Person gefangen, die sich aus Schutzbedürfnis nicht preisgeben will. Ihre Stimme, von der man kaum ein Wort hört, ist das Refugium dieses Lebensrestes. Als Hell einem Mann die Berührung gestattet, heißt es in einem Satz: "Ein Laut kommt aus meiner Kehle, tief und fremd." An ihm bricht verschämte Sehnsucht in das Buch ein. Die Furcht, nie mehr sprechen zu können, ist seine heimliche Botschaft.

Pareis "Die Schattenboxerin" ist ein Kriminalroman, der ein Mordopfer nicht mehr benötigt: Wo hinter jeder Ecke der Tatort lauern kann, braucht er das tatsächlich ausgeführte Verbrechen nicht mehr. Als wolle das Buch zeigen, wie weit es von der Konvention entfernt ist, sprengt es die Gattungsreste zum Schein in seine Sprachhandlung ein. Hell begegnet einem Bankräuber, der seine Beute wie hinderlichen Ballast mit sich herumschleppt. Spuren führen zu ihrem Vergewaltiger zurück, Väter gehen verloren, die Fremdenlegion lockt, Kindheit ist eine bürgerliche Lüge: Das alles bleiben Erzählwege, die in die Sackgasse der Lesererwartung führen. Spätestens der Schluss würde denjenigen düpieren, der sich ohne Mord und Totschlag allein gelassen fühlt. Er legte nach hundertachtzig Seiten das Buch aus der Hand und bliebe selbst als einziges Opfer zurück: betrogen um die Hoffnung, einem kunstvoll zitierten Plot bis zum blutigen Ende beizuwohnen. Das kurze Buch zum langen Gattungsabschied: Inka Pareis Berlin-Roman hat die Großstadt ins hell ausgeleuchtete Sprachlabyrinth verlegt. Spannend ist nicht das ausgeführte Hauen und Stechen seiner Figuren, sondern die aufgebaute Erwartung - der Feind lauert nicht um die Ecke, sondern hinter dem nächsten Satzpunkt. Spannend ist deshalb auch die erwartete Fortsetzung, das zweite Buch. Dieses Debut ist ein Versprechen.

Inka Parei: "Die Schattenboxerin". Roman. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 1999. 192 S., geb., 34,- DM.

Die Schattenboxerin



Buchtitel: Die Schattenboxerin
Buchautor: Parei, Inka

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999, Nr. 237 / Seite L7

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