31. Dezember 2004 So grausam die Natur ist, sie bleibt unschuldig - ein schwer erträglicher Gedanke. Selbst wenn eine nicht vorhersehbare und nicht zu vermeidende Naturkatastrophe unendlich leidvoll über uns hereinbricht, suchen wir daher nach dem Künstlichen, Menschengemachten daran, als könnten wir es am allerwenigsten aushalten, daß es Opfer ohne Täter, Leiden ohne Schuld gibt. Denn da, wo ein Schuldiger auszumachen wäre - und sei es die ganze Menschheit -, ließen sich auch ein Erdbeben und eine Flutwelle dem Begreifen unterordnen. An der reinen Natur aber zerbricht unser Verstand wie an einem Riff: Vorhanden wie nichts Gutes, das Meer, aber ohne weiteres in der Lage, jeglichen Glauben an das Gute und Böse und die Unterschiede dazwischen im Handstreich zu ertränken, nichts weiter als unparteiisch vorhanden, grausig anwesend bis zur Unsichtbarkeit.
Dieser Satz findet sich in der Geschichte Wie! aus Brigitte Kronauers kleinem Zyklus von Naturerzählungen, die in diesem Herbst, etwas im Schatten ihres neuen Romans Verlangen nach Musik und Gebirge, erschienen sind. Zu Unrecht, denn es sind keineswegs Nebenprodukte - obwohl manche Motive des Romans, eben etwa die Reflexion über das Meer, aufgenommen werden -, sondern fünfzehn Varianten einer Versuchsanordnung. Aber wie? beginnt die genannte Erzählung, und damit ist gemeint: Wie verhält man sich? In der Erzählung, die eine satirische Typologie des Badestrandpersonals unternimmt, ist gemeint: gegenüber dem Meer, sozusagen am Ziel, nämlich des Urlaubswunsches: ,Wie schultert man das Meer?' fragt jener Männerkörper in neuer Badehose mutig im Ausfallschritt. Er weiß es auch nicht, federt nach der Regel in den Knien und mustert entschieden den Horizontstrich, sonst nichts.
Doch stellt sich die Wie-Frage für das Verhalten gegenüber der Natur allgemein, gerade weil sie weder ein Allgemeines noch ein Besonderes ist und sich so Begriff und (Einzel-)Bild gleichermaßen entzieht. Mit der idealistischen Ästhetik ist so das Malen und Dichten zur Antwort auf die W-Frage geworden, die sich nicht nur auf Meere, Wüsten und Gebirge, sondern schon auf Blumen und Bernhardiner bezieht. Doch der schöne oder erhabene Gleichklang von Naturansicht und Stimmung, den ein Eichendorff oder ein Caspar David Friedrich herstellte, ist der Gegenwart versagt. Wenn in Die Tiere Jean Paul samt Pudel durch den Zoo Hagenbeck flaniert, markiert das gerade die moderne Distanz zu jeder Naturemphase. Eine in die Defensive gedrängte Natur biete keinen Anlaß zu Euphorien, schreibt sie im Nachwort mit Blick auf die fortschreitende Umweltzerstörung.
Die erzählerische Konsequenz dieses Befunds ist aber nicht die Beschwörung von gefährdeten Arten oder Landschaften, sondern eine poetische Wucherung der Bedeutungen, die bereits voraussetzt, daß wir den romantischen Bezug zur Natur unwiederbringlich verloren haben. So wird diese einerseits ins Grausam-Monströse gesteigert, andererseits als Metaphernmaschine der Literatur dienstbar gemacht. Der Wanderer der ersten Geschichte, einmal ein Hornochse, dann ein Lackaffe, schließlich ein Mondkalb, besucht eine alte, offenbar demente Frau, früher wohl seine Amme, und kraxelt auf der Suche nach Kindheitserinnerungen durch das Gebirg'. Ob er nun am Ende Opfer der Natur, der Sprache oder seiner eigenen Wahrnehmungstäuschung wird, bleibt in dieser wunderbar enigmatischen Geschichte unentscheidbar.
Imitatio naturae bedeutet heute, mit literarischen Mitteln jenes Unverfügbare, jenen Restzauber zu erzeugen, der sich aus der Natur trotz der Entschlüsselung des Gencodes nicht vertreiben läßt. Im Schreiben muß die Wirklichkeit so wieder zum Rätsel und Mysterium werden. In diesem Sinne reanimiert Kronauer auch die Schauergeschichte wie in Dri Chinisin, in der die ironische Beschreibung einer Kindergartenhorde umschlägt in ein Horrorfilmszenario, in dem kleine Quälgeister in einer Prozession über den Friedhof ziehen. Daß Kinder (und auch Alte in Wirre Witwen, wissender Witwer) dem Beobachter so fremd wie Tiere bleiben, ist eine überraschende Pointe dieses umgekehrten Behaviorismus: Aus dem sichtbaren Verhalten läßt sich gar nichts schließen. Das Problem des unzugänglichen Fremdbewußtseins, das der Philosoph Thomas Nagel in die Frage kleidete, wie es sei, eine Fledermaus zu sein, nimmt Kronauer als Lizenz zum bösen Blick, der das Humane ausklammert.
Nicht in jeder Geschichte muß dieser Blick auf Tiere oder Pflanzen geworfen werden. Vielmehr wird alles so betrachtet, als wäre es Natur. Wie man das Meer nie zwingen kann, steht auch die Diva der Titelgeschichte, die einer zunehmend entrückten Journaille von ihren sieben Liebhabern erzählt, über allen Gesetzen des Anstands und Regeln des guten Geschmacks. Die schöne Frau erhob sich, verließ uns sogleich lächelnd und grußlos, als wären wir eine Häuserreihe, ein Bücherregal, ein Trupp ehemaliger Liebhaber, schüttelte uns ab, um schleunigst nach draußen zu gelangen, in den flackernden Oktober, ins Freie. So viel Natur und so viel Kunst zugleich war für drei Euro noch nie zu haben.
Brigitte Kronauer: Die Tricks der Diva. Geschichten. Reclam Verlag, Stuttgart 2004. 112 S., br., 3,- [Euro].
Buchtitel: Die Tricks der Diva
Buchautor: Kronauer, Brigitte
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004, Nr. 306 / Seite 50
Bildmaterial: reclam Verlag