19. Mai 2008 Literarischer Erfolg mag sich an vielem messen lassen, vielleicht auch daran, ob ein Schriftsteller es sich leisten kann, eine Sekretärin zu beschäftigen, die mitdenkt, korrigiert und kommentiert. Ein derart mit Erfolg gesegneter Künstler ist der Kriminalschriftsteller Kloster. Tag für Tag diktiert er Luciana B. seine Sätze. Dass sie ihm so leicht von der Zunge gehen, liegt auch daran, dass ihn während der Arbeit keine erotischen Begierden plagen - das hatte er bei der Bewerbung vorsorglich zu verhindern gewusst. Nur einmal, ein einziges Mal, irritiert ihn der schlanke, lange Hals der Frau, und als er dem Impuls nachgibt, ist alles zu spät: Luciana kündigt umgehend. Und ein paar Tage später flattert Kloster eine Anzeige wegen sexueller Belästigung ins Haus.
Vielleicht hätte Luciana besser nicht geklagt. Auf jeden Fall wird es fortan ziemlich ungemütlich in ihrem Leben - um nicht zu sagen, es steht ab sofort unter dem Zeichen rabenschwarzen Unglücks: Ihr Freund ertrinkt im Meer, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt; die Eltern sterben an Pilzvergiftung; und die Großeltern kommen um beim Brand ihres Altenheims. Wurden sie Opfer eines finsteren Serienkillers? Oder bloß einer Verkettung unglücklicher Umstände?
Seit seinem vor drei Jahren auf Deutsch erschienenen Roman "Die Pythagoras-Morde" hat sich der argentinische Schriftsteller Guillermo Martínez als Konstruktionskünstler einen Namen gemacht. Schon in dem Debüt ließ er mehrere Menschen das Zeitliche segnen, ohne sich über Sinn und Unsinn des Ablebens nennenswert Gedanken zu machen. Martínez interessiert sich für den Tod ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten, die sich bei ihm immer im Zusammenhang mit dem Gesetz der Serie verknüpfen, oder besser: dem, was ein Gesetz der Serie sein könnte. Denn vielleicht gibt es ja gar kein solches Gesetz, vielleicht folgt das Ableben ja schlichter Schicksalslaune.
Eine schwierige Frage ist das, an der sich nun auch die Protagonisten des neuen Romans ausgesprochen mühsam abzuarbeiten haben. Hat also Kloster, mörderischen Gedanken bislang nur auf dem Papier nachhängend, das Medium gewechselt, die Wirklichkeit zur Bühne seiner Phantasien erhoben? Einen Anlass hätte er schließlich, denn Luciana hat ihm mehr als genug Ärger gemacht. Andererseits: Muss einer, der sich von Berufs wegen möglichst raffinierte Verbrechen ausdenkt, diese gleich auch in die Tat umsetzen wollen? Am Ende, so viel darf man verraten, läuft beides aufs Gleiche hinaus, stellt sich die Frage nach zufälligen oder sorgfältig geplanten Todesfällen nicht mehr - das Opfer, gefangen im dunklen Nebel zwischen Wahn und Verdacht, hat es längst mit ganz anderen Kräften zu tun.
Indem er die Frage nach den Todesursachen offenlässt, erweist sich Guillermo Martínez auch in diesem Roman als kunstvoller Erzähler. Der Roman läuft zügig an und erklimmt rasch einen Spannungsbogen, den er lange Zeit zu halten versteht. Wer darum will, kann den Roman als Krimi lesen und bis zum Ende auf die Auflösung gespannt sein. Doch Martínez wollte mehr, als nur einen spannenden Kriminalroman schreiben. Auf entsprechende Ambitionen deutet schon das Personal hin: Neben Kloster tritt nämlich noch ein weiterer Schriftsteller auf, der, unglücklich in den Fall hineingezogen, Lucianas Geschichte aus der Rückschau erzählt. Wenn aber Schriftsteller als Erzählfiguren ins Spiel kommen, ist die Erörterung erzähltechnischer Verfahren meist nicht weit. Nur zu gern gehen die Figuren möglichen Analogien zwischen fiktionalen und realen Ereignissen nach.
Es ist noch nicht allzu lange her, da hätte man solche im Roman aufgeworfenen Fragen zur Funktion und den Mechanismen literarischen Erzählens euphorisch gefeiert. "Metafiktion", "selbstreferentielle Literatur", "mise en abyme" - Begriffe wie diese hätte man hervorgeholt. Schaut her, hätte man gesagt, die Literatur zeigt uns die Kontingenz der Welt, sie zeigt uns, dass alles nur konstruiert ist und es Wahrheiten jenseits von Texten nicht gibt. Hispanisten hätten auf Borges, nicht nur in Argentinien als Urvater solchen Erzählens gehandelt, und auf Nachfolger wie Ricardo Piglia oder den jungen Pablo de Santis hingewiesen, welche die argentinische Identität und Geschichte im Spiegel vielfacher Brechungen zu erfassen suchten und darum auf mehrdeutige, doppelt lesbare Erzählverfahren zurückgriffen. Mag sein.
Trotzdem ist man des Jubelns selbst in literaturwissenschaftlichen Seminaren müde geworden, denn durch Anwendung noch auf die entlegensten Fälle wurde der Topos von den ambivalenten Strukturen gerade der lateinamerikanischen Erzähltraditionen weder komplexer noch relevanter. Für den Roman von Guillermo Martínez bedeutet dies, dass man die Erörterung der verschiedenen Wahrnehmungs- und Wirklichkeitsebenen nicht unbedingt als bereichernd empfinden muss. Es wirkt vielmehr wie die fragwürdige Neuauflage eines in die Jahre gekommenen Themas. Genau darum kann man die entsprechenden Passagen aber auch getrost ignorieren und das Buch als spannenden Krimi lesen. Da wird man dann bedauern, dass die Titelheldin Luciana B. den Unterschied zwischen Wahn und Wirklichkeit partout nicht begreifen will. Denn wäre sie dazu imstande gewesen, hätte sie wohl noch einige weitere, durchaus lesenswerte Romane tippen, vielleicht sogar verbessern können.
KERSTEN KNIPP
Guillermo Martínez: "Der langsame Tod der Luciana B." Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Angelica Ammar. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008. 199 S., geb., 17,95 [Euro].
Buchtitel: Der langsame Tod der Luciana B.
Buchautor: Martínez, Guillermo
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2008, Nr. 115 / Seite 34