08. April 2007 Ein schönes Frühstück mit der Familie, Schokoladeneier fürs Kind, aber selbst die werden wohl die Großeltern besorgt haben: Ostern ist nichts Besonderes für Veronika Peters, ein Sonntag im Frühling ohne feierliches Tamtam oder spirituellen Gehalt. "Ganz profan", sagt die Vierzigjährige.
Dabei hat sie sich jahrelang mitten in der Osternacht selbst aus dem Bett gerissen, um in die Kirche zu gehen. War Teil einer Messe, die im Dunkeln begann, bis die Flamme auf dem Altar sich ausbreitete von Kerze zu Kerze in den Händen der Nonnen. Scheinbar endlose Lesungen, sieben Stück, vielleicht sogar zwölf, die ehemalige Benediktinerin erinnert sich nicht mehr genau, ein heilsgeschichtlicher Bogen von der Schöpfung bis zur Auferstehung. Die Gesänge, die leise begonnen hatten, steigerten sich, "und dann explodierte die ganze Liturgie". Der Höhepunkt des klösterlichen Kirchenjahres, großer Aufbruch, Fest der Hoffnung. Der Befreiungsgedanke des Christentums hatte Peters von Anfang an fasziniert. Mittlerweile schimmerte die Dämmerung, dramaturgisch geschickt geplant, durch die Kirchenfenster herein.
Veronika Peters bezeichnet sich nach wie vor als religiös. Aber in ihrem Bericht über fast ein Dutzend Klosterjahre ist kaum von Gott die Rede. "Es ist kein frommes Buch. Es ist aber auch kein Kirchenhasserbuch", sagt Peters, die nicht erwartet hatte, sich mit dieser Haltung Freunde zu machen. Die einen hätten ein tiefempfundenes Glaubensbekenntnis vermissen können, andere eine wütende Abrechnung mit der Institution Kirche. Stattdessen ist "Was in zwei Koffer passt" (Goldmann, 18 Euro) auf den Bestsellerlisten nach oben geschnellt. Offenbar trifft Peters' Form der Spiritualität ziemlich genau den Nerv der Zeit: Fragen statt Antworten auf einer hartnäckigen Suche nach Sinn.
Veronika Peters raucht. Anstelle eines Eherings, wie sie ihn als Nonne trug, rankt sich ein tätowierter Schnörkel um den Ringfinger ihrer rechten Hand. Sie singt nur noch mit ihrer Tochter, Kinderlieder. Ihr Leben zwischen den Spielplätzen und Straßencafés im Umfeld des Berliner Kollwitzplatzes hat nichts mit ihrem einstigen Alltag hinter Klostermauern zu tun. Peters macht nicht den Eindruck, als würde ihr etwas fehlen. Ganz im Gegenteil. Sie sagt, sie sei zufriedener denn je. Zu ihrem eigenen Erstaunen habe sie nicht einmal Lust umzuziehen.
Warum nur wollte ausgerechnet sie mit 21 Jahren ins Kloster?
"Es muss etwas mit deiner Kindheit zu tun haben", sagt eine Freundin bei der Einkleidung der jungen Frau zur Novizin, weil sie nicht fassen kann, dass die andere partout nach Habit und Schleier strebt. Tatsächlich scheint deren Familie, "in der sehr viel schiefgelaufen ist", die perfekte Spielwiese für Küchenpsychologen. Der cholerische Vater, ein Alkoholiker, lässt der Tochter "keine Luft zum Leben", mit 15 Jahren bricht sie aus und den Kontakt zu den Eltern ab. Veronika Peters weiß, dass die frühe Selbständigkeit sie anfällig machte für die Sehnsucht nach stabiler Gemeinschaft. Als sie ihren VW Käfer mit den zwei Koffern darin vor der Klosterpforte parkte, hatte sie immerhin schon mit linken politischen Idealen, mit der Hausbesetzerszene und dem Buddhismus geflirtet. Und die Klostertherapie hat der gebeutelten Seele auch keineswegs geschadet: "Ich denke im Nachhinein, dass diese lange Zeit der Auseinandersetzung, des Nachdenkens, auch mit der Begleitung, die man dort teilweise hat, dass das auch eine Zeit des inneren Gesundens war." Aber das, ergänzt Peters sofort, sei eine Begleiterscheinung gewesen - mehr nicht.
"Kannst du es mir erklären?", fragt die Freundin in dem Buch. Veronika Peters schreibt: "Nein." Auch im Gespräch braucht sie ein Bündel an Antworten, von denen keine alleine trägt. Der Reiz des Gemeinschaftsgedankens. Die Suche nach einer alternativen Lebensform. Vor allem aber etwas, das sie "Rest- oder Dauerhunger" nennt: "Es muss irgendwie mehr geben, etwas, das mich oder meine Grenzen übersteigt." Der Preis dafür ist hoch. Niemand geht ins Kloster, wie Peters gerne sagt, weil er keine Lust habe auf Sex. Aber schmerzlicher Verzicht ist ein Katalysator für Erfahrungen einer anderen Dimension. "Man wäre doch dumm, wenn man etwas lässt um des Lassens willen. Man will damit ein Ziel erreichen."
Es scheint ihr Spaß zu machen, ein Nonnenklischee nach dem anderen abzuräumen, und das macht das Buch auf reizvolle Art unterhaltsam. "Wenn du erzählst, du hast Jahre deines Lebens im Kloster verbracht, brauchst du in der Regel eine halbe Stunde, bis die Leute denken, du bist ja doch ganz okay." Wer weiß schon, dass Nonnen in Klausur Karneval feiern, angetan mit Federboas und Schminke? Dass eine Äbtissinnen-Wahl mit politischem Gekungel einhergeht, dass die Schwestern bei befreundeten Mönchen Urlaub machen, dass sich viele durchaus kluge, schöne, beruflich erfolgreiche Frauen für diesen erstaunlichen Weg entscheiden? Veronika Peters bleibt ein Fremdkörper in dem Kosmos, den sie beschreibt. Sie gilt als eigensinnig und stachelig, jedes Mal, wenn die Kommunität über eine weitere Etappe ihrer Aufnahme berät, ist das Ergebnis bis zuletzt unsicher. Es ist bewegend, wie viel Zuspruch sie trotz allem erhält. "Aber nicht verbiegen lassen, ja?" sagt eine Ältere schon zur Begrüßung. Die Nonnen spüren offenbar vor ihrer Mitschwester, dass deren Persönlichkeit und das Klosterleben langfristig nicht zueinander passen. Peters benutzt für sich heute das buddhistische Konzept eines monastischen Daseins auf Zeit. Sie sagt: "Ich habe im Kloster Leute erlebt, von denen ich dachte, da stimmt es. Die waren in ihrem Leben und in ihrer Existenz zu Hause, das war für die der richtige Entwurf. Das ist sehr eindrucksvoll. Aber das ist einfach nicht für jeden so."
Aus dem Gefühl, nicht richtig anzukommen, wird die Gewissheit, dass zu wenige Gründe für eine Lebensform sprechen, die man noch nach Jahren als Experiment empfindet. Zu diesem Zeitpunkt führt Schwester Veronika erfolgreich die Klosterbuchhandlung und hat dort den Schriftsteller Christoph Peters kennen gelernt. Ein abrupter Abschied, das Paar geht nach Berlin. Man heiratet, bekommt ein Kind, aber da ist das Buch längst aus. Selbst wenn die Liebe ihr nicht auf die Sprünge geholfen hätte: Sie wäre trotzdem gegangen, sagt Peters.
Was bleibt?
Freundschaften mit einer Handvoll Klosterfrauen, die sehr wohlwollend auf Peters' Veröffentlichung reagiert haben. Die Selbstverständlichkeit, auch Menschen in hohem Alter als enge Vertraute zu betrachten. Gelassenheit beim Gedanken an den Kontostand, weil man weiß, mit wie wenig man durchkommt. Aber keine konfessionelle Heimat. Veronika Peters sagt, dass sie nach wie vor auf der Suche sei. Ihre Religiosität sei letztlich eine Form der Offenheit. Sie würden viel diskutieren zu Hause über die Frage, was sich hinter der Wirklichkeit befinde. Die Tochter ist getauft, katholisch, aber das hat vor allem ihr Mann entschieden. Der komme vom Niederrhein und sei in diesen Dingen souveräner, wie Veronika Peters sagt. Sie selbst sträubt sich dagegen, Glaubenssätze zu formulieren, sie hasst Kitsch, findet Pathos peinlich und Generalaussagen unlauter. Gewissheiten gibt es für sie sowieso nicht.
Dass sie sich schwerer tut als andere mit Antworten auf existentielle Fragen und frommem Vokabular, hat sie erst kürzlich wieder gemerkt. "Mama, wo ist denn eigentlich dein Papa?" hatte ihre Tochter gefragt. Angesichts eines Opas, der auf dem Friedhof vergraben liegt, murmelte Peters etwas von "Himmel", woraufhin die Dreieinhalbjährige wissen wollte, wo sich dieser Himmel denn befinde. Peters verwies das Kind an den Vater, ein Armutszeugnis, findet sie selbst. Fünf Minuten später kam das Mädchen strahlend den Flur zurückgerannt: "Mama, ich weiß jetzt, wo dein Papa ist! Hinter dem Blau!"
In Peters' Buch taucht Gott vor allem zwischen den Zeilen auf. Wenn es besonders feierlich wird und groß, zitiert die Autorin uralte Kirchentexte. In den gregorianischen Gesängen, die die Liturgie der Benediktiner prägen, hat sie stets die spirituelle Wucht der Psalmen gespürt. Sonst ist gelegentlich die Rede davon, wie beeindruckende Klosterpersönlichkeiten Kraft aus dem Rückhalt der Gemeinschaft ziehen. Immer wieder treten Frauen auf, ganz gleich welchen Alters, deren Souveränität und Gelassenheit, deren innere Weite die Neue in ihren Bann schlagen. "Das ist für mich auch heute ein Kriterium für gute oder gesunde Religiosität", sagt Peters, "dass sie die Leute nicht enger, sondern weiter macht."
Damit ist sie wieder bei Ostern. Der Karfreitag war ihr eine Qual; nicht umsonst verbannte Peters das Holzkreuz, das sie an ihrem ersten Klostermorgen an der Zellenwand entdeckte, in eine Schublade. Am liebsten hätte sie die Kreuzigung insgesamt - "das spricht jetzt nicht für meine religiöse Reife" - einfach aus der Liturgie gestrichen. Warum opfert bloß jemand seinen Sohn? Sie habe den Sinn des Sterbens am Kreuz nie begriffen, obwohl kluge Freunde zu vermitteln suchten, das habe mit Hingabe zu tun und das Kreuz sei das eigentliche Symbol der Befreiung. "Das hört sich schön an, aber ich habe das nicht verinnerlichen können", sagt Peters. Für sie verkörperte die Osternacht das, was sie an Religion interessierte, das Ausweiten und Überschreiten von Grenzen. Welcher Schritt könnte da radikaler sein als die Auferstehung von den Toten?
Veronika Peters erzählt von der Nonne, die in ihrem Buch Paula heißt. Eine schrullige Alte mit übergroßen Gummistiefeln und Weisheit, Schalk und Lebenslust von mindestens demselben Ausmaß. Eine Sympathieträgerin, Peters freut sich, dass ihre Leser Paula lieben. So habe sie ihrer besten Freundin ein Denkmal gesetzt, und das habe diese verdient. Von Paula stammt das einzige Rezept, das ihr für das Streben nach innerer Weite einfällt. "Egal, was du tust: Sieh zu, dass du eins mit dir selber bist." Ist das profan?
Buchtitel: Was in zwei Koffer passt
Buchautor: Peters, Veronika
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.04.2007, Nr. 14 / Seite 57