10. August 2008 "Es muss etwas geschehen Ich kann nicht länger warten Ruf bitte an P", stand in dem Telegramm, das der Schriftsteller Paul Celan am 2. Dezember 1960 um halb drei Uhr nachts von Paris aus an Ingeborg Bachmann nach Zürich abschickte. Paul Celan wusste nicht mehr weiter. Er hatte den Eindruck, dass man ihn vernichten wollte, traute kaum noch jemanden. In jedem Brief, den er erhielt, in jedem Zeitungsartikel, den er über sich las, vermutete er eine Anfeindung oder Verleumdung. Ingeborg Bachmann, die Freundin, mit der ihn über so viele Jahre eine leidenschaftliche und immer auch verzweifelte Beziehung verbunden hatte, eine Liebe, die zur Freundschaft geworden war, gehörte zu den wenigen Menschen, an die er sich überhaupt noch wenden konnte und wollte. Es war ein Hilferuf. Warum rief sie also nicht sofort zurück?
"Meine liebe Ingeborg", schrieb am selben Tag Pauls Ehefrau, die Malerin und Grafikerin Gisèle Celan-Lestrange, an Bachmann und bat sie, bitte für sich zu behalten, was sie ihr über Celans Zustand mitteilte. "Paul ist verzweifelt. Paul ist erschöpft, Paul geht es nicht gut. Er hat keinerlei Mut mehr. Rufen Sie ihn bitte an. Wenn Sie wüssten, wie allein Paul ist, wie unglücklich und vollkommen zerstört durch das, was ihm zustößt. Ich flehe Sie an, tun Sie alles, was Sie können, damit so schnell wie möglich etwas Positives zustande kommt. Lassen Sie ihn nicht ohne Nachricht."
Bachmann versuchte zurückzurufen, aber es gelang ihr nicht. Celan hatte sich eine Geheimnummer geben lassen, um sich vor unerwünschten Anrufen zu schützen, und er hatte, in seinem Panzerungsreflex, vergessen, ihr diese Nummer zu geben. Er solle ihr die Nummer telegrafieren oder selber anrufen, telegrafierte sie ihm am 3. Dezember. Vielleicht telefonierten sie am nächsten Morgen. Wir wissen es nicht. Denn wenn nun die lange Zeit gesperrte Korrespondenz aus dem Nachlass der beiden Schriftsteller erscheint, Briefe, über die man bisher nur spekuliert hat, weil sie, im Archiv verwahrt, niemandem zugänglich waren, dann haben wir doch nur Bruchstücke. Zwischen den Briefen, Telegrammen und Postkarten lagen immer wieder Anrufe, die als flüchtig verhallte Telefonstimmen jetzt Lücken in das Geschriebene reißen und einen vor der falschen Annahme bewahren, man wisse nun, wie es gewesen sei zwischen den beiden.
Paralleluniversum
Ingeborg Bachmann und Paul Celan hatten die Wahl, ob sie zum Hörer oder zum Stift greifen sollten, wenn sie sich einander zuwenden wollten. Und weil jedes Medium seine eigene Sprache hat, man wie in Paralleluniversen kleine Rituale oder Eigentümlichkeiten der Rede entwickelt, kann man nur vermuten, dass sich ihre Gespräche oft anders anhörten als der Klang der geschriebenen Worte. Manchmal entschuldigen sie sich in den Briefen für Dahingesagtes am Telefon. Schreibend suchen beide nach der Wahrheit, manchmal in vielen nicht abgeschickten Entwürfen. Es gibt für sie nichts Existentielleres als das Schreiben, und das ist es, was dieses Briefbuch zu einem bedeutenden Dokument macht, ein Buch, das man natürlich erst einmal voyeuristisch aufschlägt, gerade weil man weiß, dass es um eine Liebesgeschichte geht.
Was die Briefe dann aber so dramatisch macht, sind nicht die sich gegenseitig anvertrauten Liebesgeheimnisse. Der Briefwechsel ist kein Enthüllungsbuch. Er ist das historische Dokument eines verzweifelten Ringens nach "Worten unter den Trümmern", nach einer, "trotz aller Verluste, unverlorenen Sprache", wie Bachmann und Celan das in ihrer Dichtung nannten. Denn die, die sich im Mai 1948 in Wien kennenlernten, hätten, was ihre Herkunft anging, unterschiedlicher nicht sein können: die Philosophie studierende Tochter eines ehemaligen österreichischen Mitglieds der NSDAP und ein staatenloser Jude aus Czernowitz, der beide Eltern im Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt hatte. Die Differenz war da, die Briefe werden zum unablässigen Versuch, sie zu überbrücken, mit zahllosen Missverständnissen. Es sind zwei hypersensible Menschen, die hier Briefe schreiben; zwei einander zugewandte Seelen in ständiger Abwehrbereitschaft und mit einem enorm hohen Wahrheitsanspruch. Wie in Wellenbewegungen kommen sie dabei manchmal zueinander.
Leicht hatte alles angefangen: "Herrlicherweise", schrieb Ingeborg Bachmann im Mai 1948 an ihre Eltern, habe "der surrealistische Lyriker Paul Celan" sich in sie verliebt und ihr Zimmer in ein "Mohnfeld" verwandelt, denn er beliebe sie "mit dieser Blumensorte zu überschütten". Sie waren sich in der Wohnung des Malers und "Plan"-Redakteurs Edgar Jené begegnet. Da war sie 21, er sechs Jahre älter. Celan widmete ihr sein Gedicht "In Ägypten" und ging nach wenigen gemeinsam verbrachten Wochen von Wien, wo er sich nach der Flucht aus Rumänien als "displaced person" aufgehalten hatte, nach Paris. Hier beginnen die Briefe, oder vielmehr: Sie beginnen mit einem nicht abgesandten Liebesbrief von Ingeborg Bachmann mit der überschwenglichen Anrede "Lieber, lieber Paul", die sie dann variiert: "Lieber, Du", "Du Lieber", "Paul, lieber Paul". Er antwortet: "Ingeborg".
Monate liegen zwischen den Briefen. Die Wiener Wochen sind der Bezugspunkt, ein gemeinsames Leben scheint aber nicht möglich. Warum, erfährt man nicht. "Alles ist wie immer, ich habe Arbeit und Erfolg, Männer sind irgendwie um mich aber es bedeutet wenig", schreibt sie ihm und will es immer wieder mit ihm versuchen. Er meldet sich lange nicht, weist sie in Karrierefragen zurecht und kommt auf das zurück, was zwischen ihnen liegt: "Vielleicht ist es so, dass wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen möchten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Nur sage ich mir manchmal, dass mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist."
Ingeborg Bachmann hat Celan die Opferhaltung, die in diesen Worten anklingt und die zu den zentralen Themen dieses Briefwechsels gehört, später vorgeworfen - in einem nicht abgesandten Brief. Er wolle das Opfer sein, aber es liege an ihm, es nicht zu sein. Er wolle schuld sein an sich, und sie könne ihn nicht daran hindern. Dabei versucht sie es, will ihn auf die Seite des Lebens ziehen, den Unrettbaren retten. Die Ereignisse machen die Situation aber nur schlimmer: Als sie beide im Mai 1952 in Deutschland bei der Gruppe 47 eingeladen sind und dort ihre Gedichte lesen - sie flüsternd, stockend, heiser; er getragen - fällt Celans "Todesfuge" durch. Man lacht über seinen hohen Ton. Man versteht ihn nicht. Einer vergleicht ihn, so hat es Walter Jens erzählt, mit Goebbels. Etwas Verhängnisvolleres konnte Paul Celan nicht passieren. Im Anschluss wirft er Ingeborg Bachmann vor, in diesem "deutschen Urwald" nicht bei ihm gewesen zu sein. Sie versucht, ihn zu beruhigen. Er antwortet auf ihre Briefe erst mal gar nicht mehr.
Ist also alles vergeblich? Im Oktober 1957 begegnen sie sich bei einer Tagung in Köln wieder, jetzt ist plötzlich Paul Celan entflammt: War es zuvor sie, die an ihm zerrte, die nicht locker ließ, überhäuft nun er sie mit liebevollen Briefen: "Dass wir unsere Herzen damals zu Tode hetzen mussten, mit soviel Geringfügigem, Ingeborg! Wem haben wir gehorcht, sag, wem?" Die Liebesbeziehung beginnt von Neuem, sie treffen sich heimlich, Celan ist in Paris inzwischen mit Gisèle Celan-Lestrange verheiratet, mit der er einen Sohn hat. Celans Frau weiß von der Beziehung, was die Ehe belastet, und weil sie wissen will, wer diese Frau ist, mit der ihr Mann sich trifft, liest sie - was kann sie anderes tun - ihre Gedichte. Im Anhang des Buchs findet man erstmals auch die Briefe, die die Ehefrau an die Geliebte schrieb und die Ausdruck bewunderungswürdiger Größe sind: "Meine liebe Ingeborg", schrieb Gisèle, "heute abend las ich zum erstenmal in Ihren Gedichten. Sie haben mich erschüttert. Ich habe viel durch sie verstanden, und ich schäme mich der Reaktionen, die ich hatte, als Paul zu Ihnen zurückging." Wenige Monate später lernte Bachmann Max Frisch kennen, zog zu ihm nach Zürich und machte den heimlichen Treffen mit Celan ein Ende.
Hitlerei
Als er sie so dringend um einen Rückruf bat, an jenem 2. Dezember 1960, und auch Gisèle sich verzweifelt an Bachmann wandte, hatten deutsche Feuilletons in der "Welt" und in "Christ und Welt", ohne ihre Informationen richtig zu prüfen, Anschuldigungen von Ivan Golls Witwe Claire verbreitet, die Celan als Plagiator ihres Mannes darstellten. Die Anschuldigungen waren nicht haltbar, aber das Gerücht war in der Welt. Celans psychischer Zustand verschlechterte sich rapide, bald folgte ein Klinikaufenthalt dem nächsten, bei seiner Familie konnte er kaum noch leben. In seinen Briefen vertraute er Ingeborg Bachmann die Kränkungen durch Zeitgenossen und Leser immer wieder an, forderte sie und ihre Freunde auf, sich öffentlich zu ihm zu bekennen, wie schon 1959, als Günter Blöcker im "Tagesspiegel" eine für ihn nur antisemitisch zu interpretierende Rezension der "Sprachgitter" veröffentlicht hatte. Da wandte sich Celan - auch dies dokumentiert das Buch - zugleich an Max Frisch: "Hitlerei, Hitlerei, Hitlerei. Die Schirmmützen. Sehen Sie, bitte, was Herr Blöcker, erster deutscher Nachwuchs-Kritiker schreibt." Frisch widersprach ihm. Fünf Briefentwürfe brauchte er dafür. Er entgegnetete ihm mit Respekt, aber er wehrte sich: "Ihr Brief, lieber Paul Celan, fragt mich nicht, Ihr Brief gibt mir die Chance, mich zu bewähren, wenn ich auf die Kritik von Blöker so reagiere wie Sie. Das ist es, was mich aufreizt. Ob Sie zu einer Freundschaft bereit sind? Und auch dann, wenn ich nicht mit Ihnen einverstanden bin?"
Max Frischs Brief (er führte zu einem unglaublichen Krach zwischen Bachmann und Frisch) gehört, gewissermaßen als Kontrastfolie, zu den interessantesten Dokumenten dieses neu edierten Briefwechsels. Denn Frisch argumentiert mit aller Selbstverständlichkeit aus einer Distanz heraus, die Bachmann und Celan unmöglich ist. Er schlägt einen ganz anderen Ton an, der das Paradox von Distanzlosigkeit und Abwehr der beiden anderen noch schärfer konturiert. So ist es das Zusammenspiel der Stimmen, der von Celan, Bachmann, Frisch und Lestrange, das dieses Buch ungeheuer eindrucksvoll macht. Wer etwas über das existentielle Drama der Nachkriegszeit erfahren will, erfährt alles hier.
Als Ingeborg Bachmann im April 1970 die Nachricht von Paul Celans Selbstmord in der Seine erhält, arbeitete sie gerade an ihrem "Todesarten"-Zyklus, zu dem ihr erster und letzter Roman "Malina" gehört: "Kann ich Sie sprechen, einen Augenblick? fragt ein Herr, ich muss Ihnen eine Nachricht überbringen. Ich frage: Wem, wem haben Sie eine Nachricht zu geben? Er sagt: Nur der Prinzessin Kagran. Ich fahre ihn an: Sprechen Sie diesen Namen nicht aus, niemals. Sagen Sie mir nichts! Aber er zeigt mir ein vertrocknetes Blatt, und da weiß ich, dass er wahr gesprochen hat. Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluss ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben."
JULIA ENCKE
Ingeborg Bachmann / Paul Celan: "Herzzeit. Briefwechsel". Herausgegeben von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Suhrkamp-Verlag, 404 Seiten, 24,80 Euro
Buchtitel: Herzzeit - Briefwechsel
Buchautor: Bachmann, Ingeborg
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.08.2008, Nr. 32 / Seite 30