26. Mai 2009 Ein alleinreisender Herr mittleren Alters; ein Kurort im Pinzgau, dessen Glanz verblasst ist; ein Hotel, dessen Grand im Namenszug der Nachttopf unterm Bett Hohn spottet. August 1924. Hugo von Hofmannsthal ist fünfzig, berühmt, und er steckt in der Krise, der tiefsten wohl, seit er 1902 seinen verzweifelten Hilferuf, den Brief des Lord Chandos, in die Welt schickte. Die Familie, Ehefrau Gerty und die Kinder, hat er im Sommerhaus in Altaussee gelassen, hofft er doch, hier in Bad Fusch am Großglockner in Ruhe arbeiten zu können. Aber er kommt nicht voran, nicht mit dem Turm, nicht mit dem Timon und nicht mit dem Andreas-Roman. Anstatt wie erhofft in der Vertrautheit eines Ortes, den er aus fernen Kindertagen kennt, und im Alleinsein Trost und Zuversicht zu finden, ist er zutiefst verunsichert. Beim ersten Spaziergang findet er sich kaum zurecht. Die alte Ordnung hat der Krieg hinweggerafft, und nun, Jahre später, kündet alles vom Verfall: die Bänke, auf denen keine Kurgäste mehr sitzen; das heruntergekommene Hotel; die aus vergessenen und liegengelassenen Bänden bestehende Hausbibliothek: die Gäste selbst, die sich zum Abendessen nicht mehr umziehen.
Ein Mann in der Mitte eines Lebens, das ihm nicht behagt, und der sich selbst im Wege steht: Hugo von Hofmannsthal ist ein typischer Kappacher-Held - und noch mehr. Denn der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher, Jahrgang 1938, hat mit dem Fliegenpalast, den wir von heute an im Feuilleton dieser Zeitung vorabdrucken, einen Künstlerroman geschrieben, der ganz nah an Hofmannsthal bleibt, aber dabei weit über seinen bekannten Protagonisten hinausweist: Es ist die Schilderung der Lebens- und Sinnkrise eines Schriftstellers, die keine Rücksicht auf Ruhm und Erfolg nimmt. Hofmannsthal tritt uns hier weder als Denkmal noch als Kollege, nicht als Idol oder als Freund entgegen, sondern einfach als einer, der sich wund denkt. Eine Charakterstudie voller Mitgefühl, aber ohne Mitleid.
Alle Zurückgekehrte
H., wie Kappacher ihn nennt, will allein sein und grübeln und sucht doch nach einer Seele, die ihn versteht. Er vertreibt sich die Zeit mit Spaziergängen und Lektüren, erfindet sich Gesprächs- und Briefpartner und missdeutet die ehrerbietigen Interessensgesten seiner Umgebung. Sie liefern ihm Stichworte, deren erstaunliche Schönheit ihm selbst verborgen bleibt, etwa wenn Krakauer, ein junger Arzt, ihm zuruft: Wir müssen unbedingt über Ihre ,Briefe des Zurückgekehrten' reden . . . und er nach kurzem Zögern eine Antwort gibt, auf die niemand gewartet hat. ,Wir sind ja alle Zurückgekehrte, nicht wahr?', sagte H. ,Eben bin ich von einer Wanderung zurückgekehrt, werde demnächst in mein Aussee zurückkehren, und Anfang November werde ich voraussichtlich nach Wien zurückkehren. Als ich hier ankam, in den ersten zwei, drei Tagen, hab' ich mich überall als ein Zurückgekehrter gefühlt, auf allen Wegen.'
Die Rückkehr ins Schreiben indes gelingt nicht, nicht jetzt, nicht hier. Natürlich, Hofmannsthal hat noch fünf Jahre zu leben und wird auch wieder schreiben - ob das dann eine Erlösung von sich selbst ist, wird man nach diesem Roman bezweifeln. Kurz blitzt ein Ausweg auf (Schluss! Es hat keinen Sinn! Das Stück, den ,Timon', sein lassen und einfach Ferien machen, so gut es geht), doch diese Fluchtrhetorik nimmt H. sich selbst nicht ab. Er wälzt den Traum eines Another Go, mit Henry James gesprochen, die Hoffnung auf einen neuen Anlauf. Aber die Ablenkung durch die Selbstzweifel ist zu groß. Er kaut an seinem Zerwürfnis mit Rudolf Borchardt, schreibt Briefe an verblasste Bekanntschaften (Alma Mahler!), sucht Inspiration in Erinnerungen und Büchern, einen Eckermann, ein Gegenüber, jemanden oder etwas, das ihn packt und schüttelt und die Gedanken auf eine Bahn setzt, die endlich irgendwohin führt und nicht nur im Kreis.
Wie Walter Kappacher diese Gedanken, Assoziationen und Übersprungshandlungen zu Ketten und Sätzen verwebt, in die sich jemand immerfort verheddert, ohne dass der Leser, dem das alles klar und stark vor Augen steht, je in Mitleidenschaft gezogen würde, ist großartig, ebenso wie seine Beschreibungen von Bad Fusch und Umgebung - präzise, sinnliche Eindrücke verdichten sich zu einer Stimmung und schaffen so jene Konzentration, um die H. vergeblich ringt. Walter Kappacher gibt Hugo von Hofmannsthal eine Stimme, einen Ton, als er selbst keinen hat - ein faszinierendes literarisches Solo.
Buchtitel: Der Fliegenpalast
Buchautor: Kappacher, Walter
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2008, Nr. 290 / Seite 33
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv