19. Juli 2008 Kriminalinspektor Henning Jensen ist einsam und entsprechend schlechter Dinge. Seine Wohnung ist verwahrlost, sein Vorgesetzter ein Rassist, und kurz vor der ersehnten Frühpensionierung bekommt er es mit dem reichen, alkoholabhängigen amerikanischen Touristen Brian Ritter und dessen zehnjährigen Zwillingssöhnen zu tun. Kurz darauf stirbt Ritter auf unerklärliche Weise, und die Zwillinge setzen sich nach Mexiko ab. Weiter treten auf: ein Pathologe mit Migrationshintergrund, ein adipöser Sheriff, ein geiler Zwerg, eine mexikanische Gesundbeterin und eine schöne Blinde.
Mit dem Personal in Linus Reichlins Romandebüt "Die Sehnsucht der Atome" hätte sich ein passabler Fernsehkrimi bestreiten lassen - ein Drehbuch schreibt sich damit ja fast von selbst; ein Krimi zum Lesen aber nicht unbedingt. Zumal dann, wenn der Autor so offensichtlich mehr will, als bloß eine spannende Geschichte zu erzählen. Reichlin, der Schweizer Kolumnist und Ben-Witter-Preisträger, wollte mehr: eine Handlung, in der unbedingt Naturwissenschaft vorkommen soll. Aber nicht um die üblichen Hilfswissenschaften der Krimiwelt - Ballistik, Pathologie oder Giftchemie - soll es gehen, sondern um Physik, sogar Quantenphysik. Inspektor Jensen will seinen Vorruhestand dazu nutzen, das berühmte Doppelspaltexperiment durchzuführen, welches zeigt, dass Elementarteilchen sich, je nach Versuchsanordnung, mal als Welle, mal als Teilchen verhalten. Nun ist das mit der Naturwissenschaft in literarischen Zusammenhängen so eine Sache. Es gibt das "Science in Fiction" des schriftstellernden Biochemikers Carl Djerassi, der dort allerdings die Regel beherzigt, nicht über soziale Zusammenhänge zu schreiben, die man nicht aus eigener Anschauung kennt. Eine andere Funktion hat die Wissenschaft in der Science-Fiction, wo die bekannten Naturzusammenhänge ja gerade im Wege sind - weshalb Autoren dieses Genres kurzerhand andere erfinden, um neue dramatische Räume zu erschließen. Geben denn die bekannten Naturgesetze so wenig her? Nicht, dass wir der Beschäftigung von Schriftstellern mit naturwissenschaftlichen Inhalten nicht auch Wunderbares verdankten - man denke nur an Felix Krulls Eisenbahnfahrt mit Professor Kuckuck. Doch nicht wenige Literaten dürften eher der Haltung des Serenus Zeitblom zuneigen. Der Erzähler des "Doktor Faustus" bekundet ganz offen seine "bis zur Abneigung gehende Interesselosigkeit an den Faxen und Geheimnissen des Natürlichen, an ,Natur' überhaupt".
Die Faxen der Quantenwelt allerdings gehen weit über das hinaus, was auch vielen Naturwissenschaftlern noch geheuer ist. Denn bislang sind alle Versuche, hinter dem algebraischen Schleier der Quantentheorie eine von uns unabhängige Wirklichkeit zu entdecken, kläglich gescheitert. Sofern damit die Möglichkeit einer ausschließlich der Naturwissenschaft verpflichteten Metaphysik gefährdet ist, gibt es nicht wenige, die sich im Namen der Aufklärung wünschen, die Quantentheorie möge doch noch nicht das letzte Wort haben.
Da kann man natürlich auf die Idee kommen, dass sich gerade aus den Verrücktheiten der Quantenphysik dramatisches Kapital schlagen lässt. Was allerdings bei Linus Reichlin dabei herausgekommen ist, beschränkt sich auf gerade einmal drei Ideen, wenn man die Monologe beiseitelässt, in denen Jensen die anderen Figuren mit seinem aus populärwissenschaftlichem Schrifttum angelesenen Quantenwissen behelligt.
Die erste Idee, und vielleicht die einzige mit einem gewissen Potential, der Geschichte eine tiefere Ebene einzuziehen, handelt vom Zufall. Als Henning Jensen noch ein Kind war, tyrannisierte seine alkoholkranke Mutter die Familie. Einmal wurde es so schlimm, dass der Junge betete, die Mutter möge sterben. Als das prompt geschah, bekam der kleine Henning erst Schuldgefühle und fiel später vom Glauben ab, was er schließlich mit seinem eher von Sinnsuche als von Neugier getriebenen Interesse an der Physik zu kompensieren sucht. Nun stirbt Brian Ritter, und zwar augenscheinlich ebenfalls nach einem entsprechenden Gebet, und Jensen muss fürchten, damit zum Glauben zurückgeführt zu werden.
Die zweite Idee ist der titelgebende Vergleich von einsamen Menschen mit Atomen, von denen auch Chemiker oft sagen, sie würden gerne eine Verbindung eingehen - woran man aber auch schon erkennt, dass diese Metapher weder originell ist noch irgendwas mit Quantenphysik zu tun hat. Die dritte Idee wird in der Schlussszene zwischen Inspektor Jensen und der mexikanischen Heilerin vorgetragen. Letztere glaubt in Jensens Amateurphysik eine Parallele zu ihrem eigenen Wirken zu sehen und erzählt ihm ihren privaten Weltentstehungsmythos: Alles kommt vom Ringen zweier Engel, von denen der eine nur Unordnung, der andere nur Ordnung will. Klarer Fall für Inspektor Jensen, der sich sogleich in vergleichender Kosmologie übt und hinter den Engeln die Entropie und die starke Kernkraft verortet.
Nun, auf dem Niveau haben schon unzählige New-Age-Traktate das Wissen der Schamanen mit der modernen Physik verheiratet. Doch Jensens Sicht der Naturwissenschaft als Wegweiserin zur totalen weltanschaulichen Kohärenz ist ein Missverständnis. Die Physik will herausfinden, wie die mit naturwissenschaftlichen Mitteln beschreibbaren Aspekte der Wirklichkeit funktionieren. Ob Jensens Mutter durch das Gebet starb oder es sich um das Ergebnis von lauter Quantenzufällen handelt, ist keine sinnvolle Frage. Für die Erklärung schicksalsträchtiger Einzelerlebnisse ist die Physik schlechterdings nicht zuständig. Das ist ja vielleicht auch einer der Gründe für die beschränkte literarische Fruchtbarkeit der exakten Naturwissenschaften; daran ändern auch die Quanten nichts.
Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn Reichlin darüber wenigstens einen guten Plot konstruiert hätte. Das Handwerk dazu beherrscht er durchaus. Man möchte doch stets wissen, wie es weitergeht, und mehrdimensionale Figuren erwartet man in einem Kriminalroman ja nicht unbedingt. Aber leider endet mit Jensens Entdeckung der Weltformel auch Reichlins Lust, seine Geschichte anständig zu Ende zu erzählen. Oder war es ihm bei all der Quantenwichtigkeit einfach zu trivial, zum Beispiel den Todesfall aufzuklären? Oder sich eine Erklärung für die Körperbehinderung der weiblichen Hauptfigur auszudenken? Am Ende war das alles nur Staffage, um eine Handlung zu einem höheren metaphysischen Ziel voranzutreiben, die nur von diesem Ziel zusammengehalten wird, aber keine innere Logik besitzt. Ein Krimi, der mehr sein will als ein Krimi, darf daran ja ruhig scheitern. Aber ein Krimi sollte es schon sein.
- Linus Reichlin: "Die Sehnsucht der Atome". Roman. Eichborn Berlin, 2008. 359 S., geb., 19,95 [Euro].
Buchtitel: Die Sehnsucht der Atome
Buchautor: Reichlin, Linus
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.2008, Nr. 167 / Seite Z5