Imke Elliesen-Kliefoht: Bergauf beschleunigen. Gespräche über Gelingen und Erfolg

Glück ist etwas Existentielles, Erfolg nicht

Von Richard Kämmerlings

30. Oktober 2009 Den Paragone gibt es nicht mehr. Was einst als edler Wettstreit der Künste die Gemüter erregte, ist zu einem Gemetzel mit ungleichen Waffen geworden: Wenn ein Schriftsteller sagt, er hat Erfolg, heißt das in der Regel, dass er vom Schreiben gerade so leben kann. Ein erfolgreicher Maler hingegen ist ein gemachter Mann, wenn nicht gleich ein Millionär. Für einen Komponisten zeitgenössischer E-Musik ist es schon ein Erfolg, wenn sein Werk überhaupt irgendwo aufgeführt oder gar im Rundfunk gesendet wird.

Ein hochinteressanter Interviewband bietet nun Gelegenheit, sich detailliert und tiefgründig mit den Fragen nach dem Verhältnis von Erfolg und künstlerischem Gelingen, von äußerer Anerkennung und innerer Notwendigkeit auseinanderzusetzen. Die Berliner Publizistin Imke Elliesen-Kliefoth hat mit siebzehn führenden Protagonisten aus Literatur, Musik, Bildender Kunst und Kritik Gespräche geführt, in denen die spezifischen Bedingungen gegenwärtiger Kunstproduktion und -rezeption – und vor allem die gravierenden Unterschiede zwischen den Sparten – anschaulich werden. Eine große Leistung der Interviewerin, da dies eine annähernd gleiche Vertrautheit mit den Mechanismen der Musikszene sowie des Buch- und Kunstmarkts voraussetzt.

Mosaik des Betriebs

Allein in den vier Schriftstellergesprächen – mit Jenny Erpenbeck, Reinhard Jirgl, Ulrich Peltzer und Peter Weber – entsteht ein sehr präzises (und ernüchterndes) Bild des Literaturbetriebs. Grandios wie etwa Jirgl in hypergenauer, philosophischer Diktion die Lage beschreibt: „Die Tatsache, nicht durch eigenverdientes Geld, sondern allein durch Subventionen finanziell überstehen zu können, stimmt mich von dieser Seite her nicht betrüblich, ist doch allgemein bekannt, dass jeder, der nicht die Lizenz zum Gelddrucken besitzt, seine Arbeitskraft in fremde Dienste stellen muss.“ Kühl und illusionslos seziert er die „Hybris der Personengestaltung“ in der Öffentlichkeit und liefert zugleich eine Theorie künstlerischen Gelingens – ähnlich wie Peltzer, der eine Romanpoetik in nuce entwickelt und das Verhältnis von Kritik und Buchmarkt beleuchtet. Kritikerlob und Preise hätten nur insofern eine Bedeutung, als man sie „für seine narzisstische Libido braucht“. Ansonsten gelte: „Literarischer Erfolg ist, wenn man von einem Buch 100 000 Stück verkauft.“

Dieser Band ist eine Fundgrube. Die Komponistin Adriana Hölszky beschreibt ihren kompromisslosen Weg in die erste Reihe („Glück ist etwas Existentielles, und Erfolg ist nicht existentiell“), Dieter Schnebel liest der Musikkritik die Leviten, der Avantgarde-Schlagzeuger Michael Wertmüller nennt Literatur von Jirgl, Gaddis und Sorokin als Inspirationsquellen. Pipilotti Rist, eine der renommiertesten Videokünstlerinnen, und die bildende Künstlerin Amelie von Wulffen reflektieren über die Geschlechterdifferenz beim Erfolg mit dem provokativen Fazit, dass einer Frau „malerische Genialität nicht zugetraut“ werde und die deutsche Malerei „einfach komplett männlich“ sei.

Underground und Mainstream

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Bergauf beschleunigen
von Imke Elliesen-Kliefoht
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Der Maler Albert Oehlen erkundet die Übergänge zwischen Underground und Mainstream im Vergleich mit Pop: „Es hat etwas mit Jugend zu tun, mit Identifikation, in bestimmten Plattenläden Mini-Label-Platten zu kaufen oder sich in Dreckskellern unter schlechtesten Bedingungen eine unbekannte Dilettantenkombo anzuhören. Aber es hat wenig damit zu tun, beurteilen zu können, wie gut die Musik ist, die da gespielt wird. Das findet man mit Schrecken 15 Jahre später heraus.“ Die Erkenntniskraft des Bandes ergibt sich nicht zuletzt durch die enge Vernetzung. Immer wieder zitiert Elliesen-Kliefoth Aussagen anderer Interviewpartner. In abschließenden Gesprächen mit Diedrich Diederichsen und Thomas Wagner, lange Jahre Kunstkritiker dieser Zeitung, wird vieles noch einmal auf den Begriff gebracht.

Am Ende hat die intensive Begleitung so vieler Künstlerschicksale einen paradoxen Effekt: So deprimierend und anstößig die äußeren Bedingungen auch sein mögen, es bleibt die ansteckende Gewissheit, dass der Kern der Kunst unkorrumpierbar ist. Kunst, so sagt es Ulrich Peltzer einmal stellvertretend für fast alle, sei ohne existentielles Risiko nicht zu haben. Daran können sich auch die Hörer, Leser oder Betrachter ein Beispiel nehmen.

Imke Elliesen-Kliefoth: „Bergauf beschleunigen“. Gespräche über Gelingen und Erfolg. Ammann Verlag, Zürich 2009. 496 S., br., 22,95 €.



Buchtitel: Bergauf beschleunigen
Buchautor: Imke Elliesen-Kliefoht

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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