21. November 2004 Hunter Stockton Thompson, um den Helden dieser Geschichte gleich vorzustellen, ist unter den amerikanischen Journalisten der beste Schriftsteller, und unter den Schriftstellern ist er der beste Journalist. Seinen Gegnern gilt er als gefährlicher Irrer, als Waffennarr und Drogensüchtiger, als ein verdammter Angeber, der mit seinen siebenundsechzig Jahren ein paar Jahrzehnte zu alt ist für die Posen, in denen er sich gerne fotografieren läßt: mit Zigarette im Mund, Sonnenbrille vor den Augen, einer Waffe in der Hand, und im Hintergrund darf seine blutjunge und sehr blonde Freundin schüchtern lächeln.
Seinen Anhängern gilt Thompson, der sich seit langem in die Berge von Colorado zurückgezogen hat, als letzter Westernheld und Rebell, als ein Mann, der sich vor nichts und niemandem fürchtet, noch nicht einmal vor sich selber. Seinen Präsidenten haßt Thompson mit einer solchen Intensität, daß Michael Moore daneben wie ein Kompromißler aussieht; Thompson beschimpfte ja selbst Bill Clinton als Anpasser und Karrieristen. Zudem, da sind sich seine Fans ganz sicher, sei Thompsons Stil, sein aggressives Englisch, das die drastischen und blutigen Bilder jeder Abstraktion vorzieht und dessen Rhythmus sich gern an den Drehzahlen von Motorradmotoren, dem Klicken von Revolvertrommeln oder, in dringlicheren Fällen, auch an Waffen mit noch größerer Feuerkraft orientiert, die einzig männliche Art, sich mit der Sprache gegen die Zumutungen der amerikanischen Wirklichkeit zu wehren.
Vermutlich sind beide Beschreibungen, die der Feinde wie die der Freunde, ihrem Gegenstand ganz angemessen.
In den frühen Neunzigern ließ Thompson sich eine Glatze scheren. Er sah damit, so hat es ein amerikanischer Kollege geschrieben, wie "ein Dalai Lama der Furcht und des Schreckens" aus, und die Verehrung für ihn hatte durchaus religiöse Züge, auch wenn die Zahl seine Jünger die der tibetischen Buddhisten nicht ganz erreichte. Wenn aber so ein Verehrer seinem Haus zu nahe kam, vertrieb ihn Thompson mit Revolverschüssen.
Das alles muß hier noch einmal ausgebreitet werden - nicht nur, um klarzustellen, daß Hunter S. Thompson auch als Nervensäge zu den Großen gehört; aber deshalb eben auch. Auf Anfragen deutscher Zeitungen antwortet er gern mit exorbitanten Honorarforderungen - und wenn er dann doch etwas schreibt, klingt das so: "Die Tiefe und die Einfühlsamkeit Ihrer Frage bestätigt meine Ahnung, daß die Deutschen das smarteste Volk der Welt sind."
Vor allem aber muß das Bild des Hunter S. Thompson hier in groben Strichen und grellen Farben noch einmal nachgezeichnet werden, weil Thompson sein Selbstporträt mit noch bunteren Farben ausmalen würde - und weil das eine der Ursachen dafür ist, daß er, zumal in Deutschland, eher berühmt als bekannt ist, für viele nur ein Gerücht, für manche ein Mythos und nur für sehr wenige der Name, welcher über oder unter Texten steht, die man tatsächlich gelesen hat.
Man hat schon mal gehört von seinen exzentrischen Vergnügungen, man hat vielleicht "Fear and Loathing in Las Vegas" gesehen und dann davon gehört, daß Terry Gilliams Film nicht nur auf dem gleichnamigen Buch von Thompson basiert, sondern auch, daß die Hauptrolle, die Rolle, die Johnny Depp darin spielt, ein kaum verbrämtes Porträt des Autors ist. Und zum Filmstart kam "Furcht und Schrecken in Las Vegas" mal wieder auf deutsch heraus und verkaufte sich nicht schlecht (1977 hatte es Zweitausendeins schon einmal verlegt; und 1982 erschien dort ein Sammelband seiner Schriften unter dem Titel "Seltsame Berichte aus einer seltsamen Zeit").
Aber so ein grandioses Buch wie "Better Than Sex - Confessions of a Political Junkie", in dem Thompson davon erzählt, wie er in den Beraterstab des Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton kam und was daraus dann wurde; oder "The Proud Highway. Saga of a Desperate Southern Gentleman", ein Sammelband mit allen Briefen, die Thompson zwischen 1955 und 1967 schrieb und dabei seine eigene Radikalisierung protokollierte - diese Bücher sind in Deutschland niemals erschienen. Was wohl auch daran liegt, daß sie mehr Interesse für Amerika voraussetzen, als das der durchschnittliche deutsche Antiamerikaner aufbringen mag. Und die Proamerikaner wären ohnehin überfordert von den Mengen an Schmutz, Schweiß und Blut, durch welche Thompsons Prosa watet.
Um so erstaunlicher also, daß jetzt, ohne daß sich das Thema plötzlich aufdrängte, gleich zwei von Thompsons Büchern in Deutschland erscheinen. Das eine heißt "Hell's Angels", handelt von den Hell's Angels, und natürlich ist Thompson darin der schlimmste aller Höllenengel, wie er einerseits sich so nah heranwagt an diese verschwitzten, langhaarigen, biersaufenden und marihuanarauchenden Motorradfahrer wie kein Reporter vor ihm, und in den stärksten Momenten dieses Buchs strebt auch Thompson nach der Lautstärke, mit welcher zweihundertfünfzig Harley Davidsons auf dem Pacific Coast Highway die Luft zum Zittern bringen. Und andererseits haute Thompson darin der amerikanischen Öffentlichkeit all die Lügen, Halbwahrheiten und Klischees um die Ohren, welche damals, in den frühen Sechzigern, selbst so seriöse Blätter wie "Time" und die "New York Times" schon deshalb verbreiteten, weil sich keiner ihrer Reporter traute, so einem Höllenengel näher als bis auf Schußweite zu kommen.
Die Gang bedankte sich bei Thompson für dessen Beitrag zur Wahrheitsfindung mit schlimmen Prügeln. Das Publikum war begeistert, als das Buch 1967 erschien. "Hell's Angels: The Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs" begründete Thompsons Ruhm, was man, wenn man es heute liest, zwar verstehen kann. Aber nachempfinden kann man es nur schwer: Wenn Thompson seitenweise aus Akten und Artikeln zitiert, wenn er die Hell's Angels ausführlich selber zu Wort kommen läßt, dann liest sich das wie das Plädoyer in einem Prozeß, dessen Angeklagter vor langer Zeit gestorben ist: "In einer Nation von eingeschüchterten Dummköpfen besteht ein erbärmlicher Mangel an Vogelfreien." Als Selbstbeschreibung ist der Satz aktuell geblieben.
Das andere Buch ist der Roman, der fast vierzig Jahre in Thompsons Schublade lag, Thompsons einziger Roman, der, naturgemäß, vor allem von solchen Dingen erzählt, welche der Autor selbst erlebt hat. Und trotzdem erkennt man den alten Thompson kaum, weil die Prosa so zart und sensibel ist - für Thompsons Verhältnisse jedenfalls, was in diesem Fall nicht ausschließt, daß der Held gleich im ersten Kapitel betrunken in ein Flugzeug steigt, dort so heftig randaliert, daß er fast verhaftet wird, nebenbei noch eine junge Frau sexuell belästigt, einer Massenschlägerei nur knapp entkommt und schließlich mit ein paar illusionslosen Männern in einer Bar landet, in der man genau drei Dinge bestellen kann: Bier, Rum und Hamburger.
"The Rum Diary", ums Jahr 1960 herum geschrieben und erst 1998 fertiggestellt, ist ein nahezu klassischer Roman übers Erwachsenwerden und die Angst vor dem Alter (Thompson war Anfang Zwanzig, als er das schrieb; sein Held ist Anfang Dreißig), ein Roman, dessen diszipliniertem Stil man noch anmerkt, daß der junge Hunter S. Thompson, zu seiner Übung, ganze Seiten von William Faulkner und Ernest Hemingway abgeschrieben hat, um sein Gefühl für Rhythmus und Melodie zu schulen.
Der Held heißt Paul Kemp und ist vor dem Winter und dem Überdruß aus New York nach Puerto Rico geflohen, wo er für eine englischsprachige Zeitung arbeiten soll. Er lernt eine junge Frau kennen, er verliebt sich, aber wenn er sie endlich kriegt, hat sie die Unschuld, die ihn so angezogen hat, restlos verloren. Er lernt die Kollegen kennen, hartgesottene, zynische Amerikaner, die seine moralische Integrität fast jeden Tag auf die Probe stellen. Er trinkt, er prügelt sich, er lernt die Schrecken eines puertoricanischen Gefängnisses kennen, und bloß weil ihn das alles nicht umbringt, heißt das noch lange nicht, daß es ihn stärker machte.
Er ist ein Fremder unter Fremden, so allein, wie es Balzacs Rastignac in den Salons des Pariser Adels war und Fitzgeralds Nick Carraway auf den Parties von Jay Gatsby. Er verliert sich selber im Rausch von Rum und Hitze und Sex, er taumelt durch den karibischen Karneval, der mit einem höllischen Lärm beginnt und mit einem Verbrechen endet, und wenn er sich wiederfindet, ist er, nicht nur in den Augen der Einheimischen, einer der yanquis, vor denen er geflohen ist und denen er, wenn er sie am Strand sieht, am liebsten die Hunde an den Hals hetzen würde.
"All the Sad Young Men" hieß eine frühe Kurzgeschichtensammlung von F. Scott Fitzgerald, und in einer Kritik zu Fitzgeralds Debütroman hieß es, der Autor mache jeden erdenklichen Fehler, nur einen nicht: es mangle ihm nicht an Leben, und genau das, daß es hier eher um traurige als um böse junge Männer geht und daß es ihnen aber an Leben ganz bestimmt nicht mangelt, läßt sich auch über "The Rum Diary" sagen: Das Versprechen, das dieser erste Roman formuliert, hätte man gern von Thompsons zweitem und drittem eingelöst gesehen. Und auf die Frage, warum aus ihm dann doch der berüchtigte Hunter S. Thompson geworden ist, hat dieser Autor immer wieder zu antworten versucht, in seinen Briefen, in seinen Artikeln, und es läuft immer wieder auf die Arbeitshypothese hinaus, daß für ihn nach den Morden an Kennedy, Martin Luther King und Malcolm X die Möglichkeit einer Versöhnung mit Amerika nicht mehr gegeben war. Schreiben war fortan keine Kunst mehr, sondern die nackte Notwehr.
Schade eigentlich, für den Leser wäre es ein Glück, wenn aus dem jungen Debütanten ein F. Scott Fitzgerald geworden wäre. Aber Fitzgerald schrieb vier Romane und den fünften nicht mehr fertig, und als er vierundvierzig und kein junger Mann mehr war, starb er an Traurigkeit und Alkohol. Und insofern hat Hunter S. Thompson vielleicht die bessere Option gewählt, als er beschloß, lieber ein siebenundsechzig Jahre alter drogensüchtiger, waffenwütiger, kettenrauchender Desperado zu werden und ab und zu ein Buch in seiner überdrehten Prosa zu schreiben.
An Leben mangelt es ihm jedenfalls immer noch nicht, und da man ihm übertriebenes Gesundheitsbewußtsein nicht vorwerfen kann, wird es wohl die Wut sein, was ihn so jung hat bleiben lassen.
CLAUDIUS SEIDL
Hunter S. Thompson: "Hell's Angels". Deutsch von Jochen Schwarzer. Heyne-Verlag. 446 Seiten, 9,95 Euro.
"The Rum Diary". Deutsch von Wolfgang Farkas. Blumenbar-Verlag. 286 Seiten. 18 Euro.
Buchtitel: Hell's Angels
Buchautor: Thompson, Hunter Stockton
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.11.2004, Nr. 47 / Seite 26