Zum Achtzigsten des Schriftsteller Pavel Kohout

Siebenundsiebzig verweht

Von Hans-Peter Riese

19. Juli 2008 Für die Generation tschechischer Schriftsteller, die den Prager Frühling mitorganisiert und intellektuell überhöht haben, wird deren politisches Engagement ihre Werke für immer prägen. Auch wenn sie sich davon später zu lösen versuchten, gar in einer fremden Sprache schreiben, wie Milan Kundera - es bleibt das prägende Ereignis für ihre Literatur. Es waren die kommunistischen Intellektuellen, die aus der Partei heraus den Reformprozess vorangetrieben hatten, der dann auf dem berühmten Schriftstellerkongress im Jahre 1967 offen zum Ausbruch kam. Pavel Kohout war da bereits ein berühmter Autor zahlreicher Theaterstücke, Romane und Gedichte, geradezu ein Kultautor für die Jugend der fünfziger Jahre, linientreu, aber phantasievoll, ideologisch gefestigt, trotzdem immer auch mit seinen Texten am Puls der Zeit.

Das Leben eines privilegierten kommunistischen Autors setzte er dann ganz bewusst aufs Spiel, als er auf dem Kongress den offenen Brief von Alexander Solschenizyn verlas. Sein internationaler Ruhm wurde allerdings von da an fast ausschließlich von seiner politischen Rolle im Jahre 1968 bestimmt. Mit Günter Grass lieferte er sich einen öffentlichen Briefwechsel, in dem er die Rolle des überzeugten Intellektuellen spielte, der an die Reformierbarkeit des Sozialismus glaubte. Als das Experiment endgültig unter den sowjetischen Panzerketten zermalmt war, wurde er ausgebürgert; er durfte sein Land nicht mehr betreten. Sein Protokoll einer politischen Intellektuellenexistenz in dieser Zeit erschien im Westen unter dem ironischen Titel „Tagebuch eines Konterrevolutionärs“. Wenn man diese Bilanz eines damals erst Vierzigjährigen erneut liest, wird einem noch einmal bewusst, dass darin der Lebensentwurf einer Schriftstellergeneration begraben wurde.

Unwiderruflich politisch

Pavel Kohout hat die folgenden vierzig Jahre damit verbracht, seine Überzeugungen nicht zu widerrufen oder zu verleugnen, sie aber literarisch zu verarbeiten und zu korrigieren. Er ist kein unpolitischer Autor geworden, aber er wurde von der Geschichte aus der Politik entlassen. Unglaublich produktiv, hat er mehr als fünfundzwanzig Theaterstücke verfasst, dazu zahlreiche Romane sowie Drehbücher für das Fernsehen und nebenbei auch noch inszeniert. Der Vergangenheit aber ist er nie wirklich entkommen. Das Etikett „politischer Autor“ klebte unsichtbar auch auf seinen unpolitischen Büchern und je deutlicher der Prager Frühling zur Geschichte wurde, desto stärker musste Kohout gegen dieses Image anschreiben.

Zum Thema

Seine wichtigsten und erfolgreichsten Theaterstücke, allen voran die Zirkussatire „August, August, August“, wurden weltweit gespielt. Und neben Vaclav Havel ist Pavel Kohout der erfolgreichste Theaterautor seines Landes. Sein naiver August, der die Lipizzaner des Zirkusdirektors vorführen möchte und von diesem den Tigern vorgeworfen wird, ist zweifellos eine subtile Parabel auf seine Generation. Aber Kohout selber war alles andere als naiv. Im Gegenteil, er war ein erfahrener Organisator. Das weltweite Aufsehen, das die „Charta 77“ hervorrief, ist im wesentlichen sein Verdienst.

Teil der Geschichte

Als Schriftsteller war er mit seinen Theaterstücken immer erfolgreicher und wohl auch bedeutender als mit seinen Romanen. Die Figur des Ferdinand Vanek ist neben dem August zu einer seiner gelungensten Erfindungen geworden, ein böhmischer Schweijk, mit den Erfahrungen eines zerborstenen Lebenstraums, aber immer noch mit denselben volkspsychologischen Gesetzmäßigkeiten konfrontiert, die offenbar alle Regime überleben. Eine politische Funktion, wie sie seine Kollegen Vaclav Havel und Jiri Grusa innehatten, hat Kohout nicht übernommen. Auch als Emigrant hat er stets darauf geachtet, ausschließlich von seiner Literatur zu leben. Seine Rückkehr in die tschechische Literatur wurde zunächst von seinen frühen Werken ebenso überschattet wie von der Unlust der Tschechen, sich überhaupt noch mit dem Prager Frühling zu befassen. Aber mittlerweile erscheinen auch seine „gesammelten Schriften“; sein komplexes Werk wird inzwischen als ein Teil der Tschechischen Literaturgeschichte gelesen.

Dennoch ist gerade die Biographie Pavel Kohouts paradigmatisch für jene Generation tschechischer Schriftsteller, die nach dem Krieg an den Sozialismus geglaubt hatten - eine Generation, die ihr schriftstellerisches Werk aus diesem Glauben heraus gestaltete und dann daran scheiterte, nachdem dieser Sozialismus sich als nicht reformierbar erwies. Dass das ein Lebens- und Generationsthema war und ist, hat kaum ein anderer Autor so gestaltet wie Kohout, nicht frei von jener Tragik, die dem kulturellen Leben dieses Landes offenbar einbeschrieben ist. An diesem Sonntag feiert Pavel Kohout in seiner Heimatstadt Prag seinen achtzigsten Geburtstag als freier Schriftsteller.



Bildmaterial: Cinetext/Pisarek

 
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