Jetzt zeig' ich's dir aber, du Schurke!

30. November 2007 Eine Vogelscheuche erwacht nach einem Blitzschlag zum Leben. Ein junger Diener muss seinem Herrn, mit dem er unterwegs ist, die Welt erklären, während der sich in romantischen Täuschungen verliert. Und dieser anfangs bis zum Fatalismus unromantische Diener trägt den Namen Jack.

Drei literarische Folien, mindestens, liegen Philip Pullmans Roman "Die Abenteuer des Baron von Krähenschreck" zugrunde. Ludwig Tiecks "Vogelscheuche", der "Don Quichote" und Diderots "Jacques, le Fataliste" sind dabei nur die auffälligsten; denn natürlich haben auch das Pinocchio-Motiv der zum Leben erwachten Puppe und der "Zauberer von Oz" ihre Spuren hinterlassen. Nur dass Pullman mit all diesem spielt, ohne dass dieses Spiel erkältend auf den Zauber seiner Geschichte wirkte. Er schickt sein wunderliches Paar durch eine Welt, die aus den Fugen ist - am Anfang teilt sich das als ferner Donner hinter den Kulissen mit, irgendwann stehen die Vogelscheuche und ihr Diener dann mitten in der Schlacht, die Kugeln reißen ihr Stückchen aus dem belebten Rübenkopf, und in ihrer Mischung aus großem Mut und großer Dummheit bis hin zur Vernarrtheit muss man ihr die notwendige Flucht als "Rückzug" verkaufen.

Soldaten also treiben ihr Unwesen, rauben die Bevölkerung aus und schießen einander tot, gelenkt oder wenigstens beeinflusst von einer durchtriebenen Sippe, die sich ein Stück Land unter den Nagel reißen will, um dort irgend etwas Giftiges zu produzieren. Und so stellt sich im Verlauf der langen Reise für die Vogelscheuche und Jack heraus, dass es ihre Aufgabe ist, in dem umstrittenen Tal für Ordnung zu sorgen - übrigens auch im eigenen Interesse.

So irrlichtert das Buch dahin, halb zweckfrei zaubernd, halb moralisch fundiert, und es spricht für Pullmans Stilgefühl, dass keine Seite das Übergewicht erhält. Konstant ist nur, dass die Reisenden auf jeder ihrer gefährlichen Stationen bei weitem mehr Glück als Verstand haben (zumal das erbsenhafte Hirn der Vogelscheuche auf halber Strecke auch noch verlorengeht); konstant ist ferner, dass man in dieser Welt voller rasanter Umschwünge fast bis zum Schluss mit nichts rechnen darf - und dass so gut wie immer nichts ist, wie es scheint, wenigstens für den Rübenkopf mit der erzromantischen Perspektive.

Nur dass an die Stelle der Windmühle hier ein Wegweiser tritt, mit dem es die Vogelscheuche aufnimmt: ",Jetzt zeig' ich's dir aber, du abgefeimter Schurke!', schrie sie und drosch mit dem abgebrochenen Arm auf den Wegweiser ein. ,Kämpfe wie ein Mann oder ergib dich!' Das Problem war nur, dass der Wegweiser sich bei jedem Treffer weiterdreht und der Vogelscheuche von der anderen Seite an den Kopf knallte. Doch die kämpfte unbeirrt und heldenhaft weiter."

Dieses Vermögen zur Verklärung bringt dann sprechende Besen und eine reizende Harke hervor, in die sich die schnell entflammte Vogelscheuche (in diesem Fall eine gefährliche Disposition) verliebt: "Ich bete den Boden an, den sie harkt", ruft sie eines Abends aus, nur um sich dann wenig später einen Korb zu holen: "Sie ist schon verlobt! Sie wird einen Besen heiraten!" Und dann wird es auch schon Zeit zu gehen.

Nur dass die Vogelscheuche schon längst dabei ist, den scheinbar so staubtrockenen Jack auf ihre Seite der Wahrnehmung zu ziehen. Denn das macht den Zauber der belebten Strohpuppe auf Jack aus: In ihrer Suggestionskraft bringt sie ihn dazu, so lange an das Wunderbare zu glauben, bis der Skeptiker aus Vogelstimmen Botschaften hört und aus dem Rascheln der Harke ein Seufzen. Jack also hält unverbrüchlich zur Vogelscheuche, so unvernünftig und anstrengend die sich auch verhält: "Er hat Charakter!", betont er Kritikern gegenüber, und wo das nicht reicht, da zieht er eben gemeinsam mit dem Freund weiter oder verdingt sich als Bauchredner, damit niemand Anstoß an der sprechenden Puppe nimmt.

Am Ende knüpft Pullman alle losen Fäden in einer großartigen Gerichtsszene zusammen (auch wenn ihm dabei ein Fehler unterläuft: Aus dem von der Harke begünstigten Besen ist plötzlich ein Rechen geworden), das vergiftete Tal blüht auf, und aus dem vertrockneten Brunnen sprudelt feinstes Mineralwasser. Wer da von erzählerischer Willkür spricht, von völliger Unwahrscheinlichkeit, der hat dieses Kabinettstück von einem Kinderbuch jedenfalls nicht verdient.

TILMAN SPRECKELSEN

Philip Pullman: "Die Abenteuer des Baron von Krähenschreck". Aus dem Englischen übersetzt von Wolfram Ströle. Mit Illustrationen von Einar Turkowski. Carlsen Verlag, Hamburg 2007. 203 S., geb., 16,90 [Euro]. Ab 10 J.



Buchtitel: Die Abenteuer des Baron von Krähenschreck
Buchautor: Pullman, Philip

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2007, Nr. 279 / Seite L11

 
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