Die Sonne war Zeuge

12. Juni 2004 Die Autoroute du Soleil, von Paris nach Lyon führend, verheißt für Urlauber wie für Romanleser die Passage in eine mythische Welt. Auf dieser schnurgeraden Autobahn entfaltet der poetische Komplex des Südens seine ganze Kraft, und selbst die Rastplätze erscheinen noch wie Tempel eines geheimnisvollen Sonnenkults. Auch Tim Krabbés Roman "Das goldene Ei" von 1984 - in den Niederlanden längst ein Klassiker und nun beim Verlag Reclam Leipzig endlich in deutscher Übersetzung erschienen - steuert das Zentralgestirn schon auf der ersten Seite an. Hier brennt dieselbe Sonne, die auch den gnadenlosen Existentialismus eines Albert Camus oder den glamourösen Weltschmerz eines Patrick Modiano ausleuchtet.

Doch auf den Sehnsuchtsorten des Südens liegt beim Nordwesteuropäer Krabbé von Anfang ein Schatten, und die Sonne seines Romans schwebt im luftleeren Raum: "Gleichmäßig wie Raumschiffe bewegten sich die Kabinen mit Touristen auf der langen, breiten Straße nach Süden. Der Abend begann die hügeligen Landschaften an der Autoroute du Soleil violett zu färben, das Band der Autos lichtete sich." Mit diesen lakonischen Sätzen beginnt ein Buch, das zwar aufgrund seiner Kürze und seiner hypnotisierenden Erzählweise durchaus als ideale Urlaubslektüre taugen würde, dessen lähmende Grundstimmung dem Leser aber jede Ferienleichtigkeit austreibt.

Denn was das nur vom üblichen Beifahrergezänk getrübte Glück des holländischen Urlauberpärchens Rex und Saskia im Sommer 1975 auf einer Tankstelle zerstört, entstammt dem Albtraumbuch der urbanen Legenden. Saskia verschwindet beim Kaffeeholen ohne jede Spur - und Rex bleibt nur ein verschwiegenes Polaroidbild der "Total"-Station, ohne Hintergedanken fürs heimische Fotoalbum geschossen. Schon die minutiöse Schilderung der endlosen Minuten des Wartens, welche die Welt des jungen Wissenschaftsjournalisten für immer verwandeln, offenbart Tim Krabbés größte Stärke: die Zeitlupenaufnahme jener toten Punkte des Lebens, die trotz äußerer Ereignislosigkeit wie magische Momente wirken.

Als Rex acht Jahre später mit seiner neuen Freundin Lieneke tatsächlich in den sagenhaften Steinbuchten des Mittelmeers urlaubt, beschreibt Krabbé erneut solch einen Umschlagpunkt: Während eines Badmintonspiels beschließt Rex insgeheim, die mondäne Lieneke im Falle eines Siegs zu heiraten - und beschwört mit diesem Gedankenexperiment die Erinnerung an die verschwundene Saskia wieder herauf. Nach der Heimkehr nach Amsterdam schaltet Rex eine teure Anzeigenkampagne. Was mit dem veröffentlichten Foto aus einem Pariser Straßencafé als zweckfreie "Hommage" an die Vermißte beginnt, bringt ihn schließlich mit jenem südfranzösischen Chemielehrer in Kontakt, der die Auflösung zu seinem Lebensrätsel besitzt.

Die im Rückblick skizzierte Lebensgeschichte dieses Doppelgängers, der ganz wie Rex akribisch Notizbuch führt und seine Innenwelt vollständig gegen die Umgebung abkapselt, bildet den unheimlichsten Teil des Romans. Raymond Lermone, ein gewinnender Familienvater, plant über mehrere Jahre hinweg ein grauenhaftes Verbrechen - dem, gleichsam ein abartiger Gottesdienst am Gedanken, als einziges Motiv die Vorstellung eines Verbrechens zugrunde liegt. Als Lermone am Ende mit Rex auf dem Beifahrersitz auf der Autobahn nach Süden unterwegs ist, um ihn an den Tatort zurückzubringen und ihn dort - Preis für die Offenbarung - das Schicksal seiner Freundin nacherleben zu lassen, vergleicht Rex die Kekspackung seines Fahrers mit jenem Lunchpaket, das dieser ihm für die letzte Fahrt ins Handschuhfach gestellt hat: "Wie krank mußte das Gehirn sein, das imstande war, so ein Lunchpaket für eine solche Reise zusammenzustellen? Und wie krank war sein eigenes Gehirn, daß sich eine leichte, aber nicht auszuräumende Verärgerung darüber einschlich, daß Lermone diese Waffeln hatte und er nicht?"

Krabbés Roman handelt eben trotz seiner geradewegs auf die Breitwand im Kopf des Lesers geworfenen Bilder vor allem von der unsichtbaren Macht der Gedanken - und das macht vielleicht den wahren Grund für das Scheitern der Hollywood-Fassung namens "The Vanishing" aus, die im Jahr 1993 (nach einer beklemmenden niederländischen Verfilmung von 1988) trotz Starbesetzung mit Sandra Bullock, Jeff Bridges und Kiefer Sutherland floppte. Der unhandliche Titel "Das goldene Ei" greift einen Traum von Saskia auf, der vom Dasein in einer in völliger Einsamkeit durchs Nichts schwebenden Kugel handelt. Diese undurchdringliche Schwärze bildet bei Tim Krabbé den Gegenpol zum Licht des Südens. In Deutschland ist sein Werk noch zu entdecken - ein düsterer Roman, der zur Sonne strebt, um im Dunkel zu enden.

Tim Krabbé: "Das goldene Ei". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Susanne George. Reclam Verlag, Leipzig 2004. 141 S., geb., 14,90 [Euro].



Buchtitel: Das goldene Ei
Buchautor: Krabbé, Tim

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2004, Nr. 134 / Seite 48

 
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