Erlesenes Paradies: Amos Oz sucht sein Israel

28. November 2004 Naftali Herz Mussman machte seinem Rufnamen alle Ehre. In seinen gütigen Augen waren alle Menschen "in einer immerwährenden Komödie gefangen, eine nicht sehr feine Komödie, die in der Regel nicht gut endete". Einzig Bosheit oder willkürliche Schlechtigkeit stießen bei ihm auf keinerlei Nachsicht, hatte er das Rezept, wie man einander auf Erden wenn schon nicht immer lieben, so doch wenigstens ertragen sollte, doch gefunden: "Hölle wie Paradies kann man in jedem Zimmer finden. Hinter jeder Tür. Unter jeder Ehebettdecke. Das ist so: Ein wenig Bosheit - und der Mensch bereitet den Menschen die Hölle. Ein wenig Mitgefühl, ein wenig Großzügigkeit - und der Mensch bereitet dem Menschen das Paradies."

Was für Menschen sind das eigentlich, die in Israel leben, fragt sich mancher unwillkürlich angesichts der Schreckensnachrichten, die uns von dort erreichen. Wer sich dem Bann des Landes und seiner Einwohner gerade nicht reisend aussetzen kann oder möchte, der sollte unbedingt dieses Buch aufschlagen. Denn von niemandem läßt sich mehr lernen als von dem Schriftsteller Amos Oz - über die schwierige Geburt des Staates Israel, über das Funktionieren und Versagen von Familien, über das, was Menschen zusammenhält, und die Abgründe, die sie trennen. Vor allem aber handelt sein großer Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" von enttäuschter Liebe - zwischen Kulturen, zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern. Sein Buch schildert den Versuch eines einzelnen, all diese Gräben zu überwinden, für sich und für andere.

Oz, der 1939 als Amos Klausner in Jerusalem zur Welt kam, erzählt von seiner Kindheit im Viertel Kerem Avraham, von den Klausners, den Mussmans, ihren Nachbarn und Freunden. Das ist der große, lebenspralle Rahmen, den er seinem stillen Familienporträt von Vater, Mutter, Kind gegeben hat. Es ist nicht so sehr die Politik, die Düsternis in die Kellerwohnung der Klausners bringt, als die unausgesprochene Distanz: Die Eltern, obschon sie einander zugetan sind, verkümmern Seite an Seite; 1952 nimmt sich die Mutter das Leben. Der Knabe, der das Leid der Eltern spürt, versucht, es durch vorbildliches Verhalten zu lindern; der erwachsene Mann, der den Ursachen für die gesteigerte Traurigkeit seiner Mutter nachgehen will, schreibt ein Buch, um endlich zu verstehen, "warum die Heirat zweier Menschen, die einander Gutes wollen, in einer Tragödie endete". Der Verlust, so entdeckt er, wird durch Verständnis nicht leichter zu ertragen, uns Lesern aber erteilt seine forschende Erinnerung unvergeßliche Lektionen in der Schule der Menschlichkeit.

Mit zugewandtem, humorvollen Ton beschwört Oz die Atmosphäre seiner Kindheit, breitet Episoden und Anekdoten aus, von Großmutter Schlomit und Tante Sonia, von der Schildkröte Mimi, Großvater Mussman oder dem früh bewunderten Samuel Agnon. "Keiner", sagt seine wilde, kluge Mutter, "keiner weiß irgend etwas vom anderen." Aber nach dem, was wir am Schluß dennoch zu wissen meinen, kann man süchtig werden.

FELICITAS VON LOVENBERG

Amos Oz: "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis". Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 765 Seiten, gebunden, 26,80 Euro

Buchtitel: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
Buchautor: Oz, Amos

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.11.2004, Nr. 48 / Seite B10

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