Von Christina Hoffmann
26. Juni 2009 Kleider, die in Stil oder Größe nicht mehr passen, werden noch einmal gewaschen, sorgfältiger als sonst gefaltet und in der Altkleidersammlung entsorgt. Manchmal wünscht man sich, dass der Abschied von anderen Menschen doch genau so leicht sei. Jetzt zum Beispiel denke ich wieder an eine alte Freundin von mir, die eigentlich gar keine Freundin mehr ist. Das weiß sie aber noch nicht. Ich wäge ab, ob ich sie nicht doch anrufen sollte, aus Pflichtbewusstsein und der alten Zeiten wegen und, wer weiß, vielleicht wäre es ja doch ganz nett. Andererseits habe ich überhaupt keine Lust auf Geschichten aus ihrer sesselpupsigen und miesepetrigen BWL-Welt. Na ja, die Interessen und Lebensentwürfe mit Mitte zwanzig gehen einfach mehr auseinander als im Alter von drei Jahren, und doch kreist die Frage nach dem endgültigen Schnitt wochenlang im Kopf.
Um diese Frage geht es, kurz gesagt, im neuen Roman des Australiers Steven Carroll mit dem Titel Die Zeit, die wir uns nahmen“. Er dreht sich um die Zeitverfluggeschwindigkeit“ wie die Band Tocotronic es einmal genannt hat, wie dieses Rasen sich auf Menschen auswirkt und wie diese sich mit überlappenden Zeiten herumschlagen. Wie sie in Gedanken die Vergangenheit stets mit sich schleppen und gleichzeitig schon immer versuchen, die Zukunft mitzudenken.
Wie eben Mrs. Webster, die nicht über den mysteriösen Unfalltod ihres Mannes hinwegkommt und das gemeinsame Unternehmen langsam ausglühen lässt. Oder Rita, die immer noch die Kleider von damals trägt, als sie mit ihrem Mann Vic und ihrem Sohn Michael als Familie zusammenlebte. Oder Michael. Inzwischen hat er studiert, unterrichtet an einem College, und hat zum ersten Mal eine richtige Freundin, Madeleine, eine hübsche Krankenschwester. Trotzdem kann sich Michael nicht von dem unsicheren Jungen, der er einmal war, verabschieden: Das wird nicht das letzte Mal sein, dass er sich in ihrer Gegenwart wie ein Kind vorkommt. Und ebenso, wie sie immer ein Jahr älter sein wird, hegt er innerlich den Verdacht, dass er sich immer wie ein jüngerer Bruder vorkommen wird. Und wie ein Kind, ein mitleiderregendes, verlorenes Kind, spricht er nun mit ihr.“ Den Einwohnern des Vororts kommt Michael höchst fortschrittlich vor; seinen gleichaltrigen Nachbarn Bunny Rabbit und Pussy Cat, die lautstark die sexuelle Revolution in ihrem Schlafzimmer nachfeiern, erscheint Michael wie ein Atavismus.
Die Zeit, die wir uns nahmen“ spielt in einem Vorort von Melbourne im Jahr 1970. Entsprechend prägen Klatsch und Geheimniskrämerei jene Suburbia, die der Australier Carroll für Die Kunst des Lokomotivführens“ erfand und in Die Gabe der Geschwindigkeit“ weiter ausbaute. Der dritte Band der Trilogie erzählt aber eine in sich abgeschlossene Geschichte und funktioniert also als eigenständiger Roman, der aber auch dazu reizt, seine beiden Vorgänger zu lesen.
Die Figuren und Handlungsstränge sind durch den hundertsten Geburtstag des Ortes, der mit einem großen symbolischen Akt gefeiert werden soll, miteinander verbunden. Michaels Freund Mulligan bekommt den Auftrag, die Geschichte der Gemeinde und wichtige Bewohner in einem Wandgemälde darzustellen. Vorbereitungen, die an Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften“ denken lassen, schwingen im australischen Kleinstadtepos mit, das, nebenbei bemerkt, ganz ohne Känguruhs, Koalas und Rucksackreisende auskommt.
So liegt der schönste Reiz in Carrolls Roman im wilden Auseinanderstreben von Leitmotiv und Erzähltempo: Die Unruhe, Raserei und das irrsinnige Tempo spiegeln sich nicht in seiner Prosa. Im Gegenteil. Ganz bedächtig und kontemplativ beschreibt Carroll, wie der Fortschritt mit seiner Schnelligkeit die Bewohner des Vororts schwindlig werden lässt: Und vielleicht fing ja auch alles so an, ganz unschuldig. Eine unbedeutende Spielerei, bis dieser Drang nach Geschwindigkeit sich nicht mehr leugnen ließ und alles verschlang.“ Außerdem hat Carroll ein Händchen und auch ein Faible für feinsinnige Beobachtungen.
Doch hat der Roman leider auch einige Schwächen. Manchmal verrennt sich Carroll mit seinen Analysen und Reflexionen in Kitsch und Pathos. Mit den Zeitebenen hantiert er immer wieder ungeschickt. Und das Plädoyer für das Sein im Jetzt wäre überzeugender, wenn er nicht ganz so dick auftragen würde.
Anscheinend hält Carroll seine Leser für schwer von Begriff oder es rührt aus seinen Tagen als Englischlehrer her, dass der Roman so überaus didaktisch angelegt ist. Carpe diem“ steht unsichtbar über jeder Seite geschrieben, also ungefähr dreihundertvierundsechzigmal. Das nervt. Noch schlimmer aber: Über der Beschreibung aller denkbaren Aggregatzustände der Zeit, aller Bestimmung von Geschwindigkeiten leiden die Figuren. Irgendwie ähneln sie alle einander. Die Witwe Mrs. Webster, die verlassene Rita, der altmodische Michael, der Säufer Vic: Sie leben am heftigsten in ihren Köpfen, hängen Reflexionen nach – das Leben spüren sie oft kaum. Dabei muss das eine das andere doch nicht ausschließen.
Steven Carroll: Die Zeit, die wir uns nahmen“. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg. Liebeskind Verlag, München 2009. 364 S., geb., 22,– Euro.
Buchtitel: Die Zeit, die wir uns nahmen
Buchautor: Carroll, Steven
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Liebeskind Verlag