Von Edo Reents
12. März 2008 Wenn man behauptet, Clemens Meyer schreibe über Leute am Rand der Gesellschaft - sagt das mehr über den Autor oder mehr über den, der diese Feststellung, die in kaum einer Kritik fehlt, trifft? Sie ist ja so unwahr nicht, und doch hat sie etwas Herablassendes, weil der, der dieses Wort gebraucht, damit voraussetzt, dass er sich woanders befindet. Dankbar registriert man es, wenn sich jemand endlich einmal anderen Milieus zuwendet als denen, in denen man sich selbst bewegt, und wird doch ungnädig, sobald es jemand damit übertreibt.
So musste es sich Meyer vor anderthalb Jahren beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt gefallen lassen, dass sein Beitrag als Knastromantik und Unterschichtskasperltheater bezeichnet wurde. Street credibility, die er ja reichlich zu bieten hat, ist willkommen, solange sie nicht zu riechen anfängt. So schnell Kritiker mit dem Vorwurf sozialer Irrelevanz bei der Hand sind, so schnell fertigen sie etwas ab, wenn ein Autor sich im Detail auskennt - so genau will man es dann doch nicht wissen, wie viel Leergut Arbeitslose in ihrer Wohnung horten.
Zu nahe an der Unterschicht?
Die Selbstverständlichkeit, mit der seit geraumer Zeit von Schichten die Rede ist, überrascht und hat auch in die Literaturkritik Einzug gehalten. Die Welt fragte Meyer: Wie nah sind Sie der Unterschicht? Meyer wollte davon nichts wissen und bemühte eine Einsicht, die in der alten Bundesrepublik zum Grundkonsens gehörte: Es gibt sie nicht, die Unterschicht, es gibt Teile der Gesellschaft, die sich im sozialen Abseits befinden, aber auch hier gibt es feine Unterschiede.
Dass diese feinen Unterschiede innerhalb der weniger feinen Gesellschaft erstklassigen Stoff für Literatur abgeben, zeigen Meyers jüngste Erzählungen, unter denen sich auch die in Klagenfurt durchgefallene befindet; sie heißt Reise zum Fluss und ist unter den insgesamt fünfzehn sicher nicht die stärkste. Die Geschichten haben alle kein richtiges Ende, sie laufen einfach aus, so, wie das Leben selbst meistens auch bloß ausläuft; etwa das des alten Witwers, der auf seinem abgewirtschafteten Hof zurückgeblieben ist und sich, fast wie Werther, eine Pistole borgt, aber nicht, um sich, sondern um seinen kranken Hund zu erschießen (Der alte Mann begräbt seine Tiere).
Kunstloser, teilnehmender Stil
Um einen Hund geht es auch in der vielleicht besten Erzählung: Piet, der Dobermann-Rottweiler-Mischling, braucht dringend eine Operation, aber sein Herrchen kann sie nicht bezahlen, und so muss Rolf einen zweifelhaften Kontakt aufwärmen und gewinnt schließlich beim Pferderennen das nötige Geld; aber als er damit von der Rennbahn mehr als erleichtert nach Hause läuft, tauchen hinter ihm drei Männer auf (Von Hunden und Pferden). Was dann passiert, erzählt Meyer nicht mehr; er konzentriert sich lieber darauf, uns vorher dermaßen bei der Stange zu halten, dass wir bei dieser traurigen Geschichte mitfühlen und -zittern. Solche Wirkung ist selten geworden und verdankt sich in diesem Fall wohl dem angenehm kunstlosen Stil, der sich jede sozialpolitische oder psychologische Erörterung versagt und es auf etwas abgesehen hat, was man im achtzehnten Jahrhundert Teilnahme nannte.
Das Leben ist Drama genug
Und so ist denn die Welt des Clemens Meyer so poetisch wie versatzstückhaft - bevölkert von Arbeitslosen, Boxern, Schlägern und Trinkern, die viel in die Nacht hinausblicken, als könnte sie dort etwas erlösen, und sich ihre Existenz von Glühbirnen oder, wenn ihnen schon der Strom abgedreht wurde, von Kerzen aufhellen lassen. Weiter als bis zum Stellvertreter eines stellvertretenden Abteilungsleiters in einem Großmarkt hat es hier niemand gebracht. An Fallhöhen ist Meyer also nicht interessiert; auch das lässt kaum dramatische Wendungen zu, das Leben selber ist schon Drama genug, wie es umgekehrt voll ist von jenen bescheidenen Zufriedenheitsmomenten, die Alkohol und Zigaretten ermöglichen.
Angelockt von Versprechungen, die sehr der Welt des Schlagers verwandt und eigentlich gar nicht uneinlösbar sind, bahnt sich das Personal mit Nehmerqualitäten seinen Weg durch ein Leben, das selten mehr bereithält als einen grauen Alltag, der weitgehend frei ist von den Kicks, denen die jugendlichen Figuren in Meyers aufsehenerregendem Debütroman Als wir träumten noch hinterherjagten. Auch das deutet auf einen Reifeprozess bei dem mittlerweile dreißigjährigen Autor hin. Kleinkriminelle Elemente, die zuvor geradezu das Sujet bildeten, sind dem Handlungsgefüge nun mit einer Beiläufigkeit beigegeben, die abgeklärt wirkt.
Sozialromantischer Kraftmeier
Die Phase, in der er seine Körpertätowierungen unbekümmert herzeigte, hat Meyer offensichtlich auch schriftstellerisch hinter sich; von der sozialromantischen Kraftmeierei, die ihm nicht ganz zu Unrecht nachgesagt wird, ist ein Gefühl geblieben, das, fern von aller Selbstzufriedenheit, vielleicht noch nicht Resignation ist, aber doch schon von bemerkenswerter Einsicht in die Unwägbarkeiten und Ungerechtigkeiten des Lebens getragen ist: Der Gabelstaplerfahrer, den eine zart knospende Liebe mit einer Kollegin verbindet, kann es nicht verhindern, dass sich ein anderer aufhängt (In den Gängen); den korpulenten Lehrer bringen mehr als pädagogische Empfindungen für eine Schülerin in Schwierigkeiten (Der Dicke liebt); der Hinterhofboxer muss sich, um zu überleben, auf Bestechung einlassen (Ich bin noch da!); und den Weinvertreter plagen auf einer Dienstfahrt Erinnerungen an einen tödlichen, von ihm verschuldeten Unfall, die ihn halluzinierend durchdrehen lassen (Wagen 29).
Nur einmal gewährt er Einblick in einen Künstlerkopf (Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermann), und wenn man das liest, möchte man lieber gar nicht wissen, was in Meyer selber so vorgeht; das ist so abseitig wie ein David-Lynch-Film.
Das Herz eines Boxers
All diese Schicksale haben natürlich auch mit Politik zu tun; aber sie hätten sich wohl auch zugetragen, wenn die Privatschatulle etwas praller gefüllt gewesen wäre. Dass Meyers Prosa sich den Nachwendeverlierern oder Hartz-IV-Opfern verschrieben habe, wie es oft heißt, bedeutet also im Grunde nicht viel. In Zeiten, in denen viel vom Erstarken der Ränder die Rede ist, scheint das literarische Schmuddelkind, das man in dem Ex-Häftling einst sah, sich ein wenig zur Mitte hin zu bewegen. Damit dürfte auch die Frage, die unlängst ein Rezensent stellte - für wen Meyer seine Geschichten eigentlich schreibe -, beantwortet sein: für alle, die sich einsam und vom Leben überfordert oder ungerecht behandelt fühlen.
Der Untertitel Stories deutet darauf hin, dass Meyer der Schlackenlosigkeit und unaufgeregten Präzision amerikanischer Erzählweisen näher steht als anderen. Die Diskussion, ob das Leipziger Literaturinstitut, an dem auch er studiert hat, nicht zu weltfremdem, blutleerem Schreiben anhalte, dürfte sich mit diesem glänzenden, kraftvollen Buch erübrigt haben - schaden kann es vielleicht nicht; aber das Wesentliche beibringen offenbar auch nicht. Man muss schon auch ein Herz haben. Clemens Meyer hat es, ein besonders großes sogar: das Herz eines Boxers.
Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter. Stories. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008. 270 S., geb., 18,90 Euro.
Text: F.A.Z., 12.03.2008, Nr. 61 / Seite L5
Bildmaterial: ddp
