26. August 2007 Wenn man alles gelesen hat, alle vierhundert Seiten, die ganze Geschichte, dann fragt man sich, warum dieses Buch nicht schon vor dreißig, vor fünfzig, vor hundert Jahren geschrieben worden ist.
Es musste wohl so sein. Es mussten erst alle Moden der Moderne, alle Schreibstilkämpfe und -krämpfe des zwanzigsten Jahrhunderts über die literarische Landschaft hinwegbrausen, ehe die Luft wieder klar wurde für die großen Romane. Für die epochalen Erzählungen, in denen aufgehoben ist, was wir Geschichte, Schicksal, Schuld, Geschlecht, Individuum und Menschheit nennen. Für Bücher wie E. L. Doctorows "Der Marsch".
Doctorows Roman erzählt die Geschichte eines Feldzugs. Es ist das Jahr 1864, der Amerikanische Bürgerkrieg tritt in seine Schlussphase ein. Die Armeen des Nordens sind in die Südstaaten eingedrungen, eine von ihnen, unter dem Kommando von General William T. Sherman, hat Atlanta erobert und rückt nun quer durch den Staat Georgia zum Atlantik vor. Für die schwarzen Sklaven, die den Heerzug aus einer verlassenen Plantage heraus betrachten, gleicht er einer Wolke aus Staub, die aus der Erde aufsteigt: "Sie rückte vor, vorn so dünn wie die Schneide eines Beils und dahinter breiter werdend wie die Furche eines Pflugs. Das Geräusch, das von dieser Wolke ausging, glich keinem, das sie je im Leben gehört hatten. Es war nicht furchterregend wie eines, das dem Himmel entspringt, wie Donner oder Blitzschlag oder Sturmgeheul, sondern es teilte sich ihnen durch ihre Füße mit, eine Schwingung, als ob die Erde summe. Dann wurde das Geräusch, von einer Windböe verstärkt, momentweise zu einem rhythmischen Getrampel . . . Und dann vernahmen sie, am Rande dieses erdig stampfenden Geräuschs, endlich das Brüllen leibhaftiger Männer."
Es ist die Eröffnungsszene dieses Buchs. Begonnen hat sie mit der Flucht der Farmersfamilie Jameson, die ihr Anwesen und ihre Sklaven im Stich lässt, darunter auch Pearl, die Bastardtochter des Patriarchen, vor fünfzehn Jahren mit einer Sklavin gezeugt. Ihnen allen, dem Farmer John, seiner Frau Mattie, ihren beiden Söhnen und vor allem der täuschend weißhäutigen Pearl, werden wir im Lauf der Geschichte wiederbegegnen, aber nicht als selbständig handelnden Helden, sondern als Mitläufern, Mittätern, Mitgerissenen, als Treibgut und Kanonenfutter in der Marschsäule von Shermans Heer.
Denn die wahre Hauptperson dieses Buches ist kein Mensch, es ist der Krieg selbst: der Krieg in Gestalt eines blau uniformierten Lindwurms mit hunderttausend Füßen, der im Zwölfmeilentempo über die Ebene kriecht und alles verschlingt, was sich ihm in den Weg stellt. "Wir haben alles, was eine Zivilisation ausmacht, Ingenieure, Quartiermeister, Richter, Köche, Musiker, Ärzte, Diener und Feuerwaffen . . . Es ist ein gewaltiger Organismus, dieses Heer, mit einem kleinen Gehirn." So beschreibt es Wrede Sartorius, ein Sanitätsoffizier in Shermans Armee und eine von zwei Leitfiguren in "Der Marsch", die das Geschehen nicht nur erleiden, sondern auch beschreiben und kommentieren.
Wrede, ein Nordstaatler deutscher Herkunft, hat in Göttingen studiert und empfindet sich als Europäer. Seine distanzierte Höflichkeit macht ihn zum Außenseiter unter den Amerikanern. Er ist der Geist der Zukunft in diesem Buch, der einzige, wie es einmal heißt, der den Bürgerkrieg als Praktikum versteht. Denn Wrede Sartorius versucht aus den Erfahrungen, die er auf den Schlachtfeldern des Krieges macht, Lehren zu ziehen, er glaubt an den Fortschritt der Medizin. Als ein Soldat in sein Lazarett getragen wird, dem ein Bolzen im Gehirn steckt, nimmt er ihn als Studienobjekt in seinen Tross auf und protokolliert penibel den fortschreitenden Gedächtnisverlust des Verletzten, bis dieser in einem letzten Aufbäumen seines Willens Selbstmord begeht.
Schließlich wird Wrede, in einer der vielen überraschenden und doch perfekt eingefädelten Wendungen des Romans, zum Ärztekorps des amerikanischen Präsidenten versetzt. Als er Abraham Lincoln gegenübersteht, sieht er einen "vom Leben verzehrten Mann, dessen Augen von Schmerzen und dessen Physiognomie von Grabesnähe kündeten". Aber Wredes kalter Blick nimmt in der Erscheinung des Präsidenten zugleich die Anzeichen einer Erbkrankheit wahr, so wie er zuvor auf der Hand seiner Südstaaten-Geliebten Emily die einzelnen Hautzellen studiert hat. Beides, die Liebe wie die Karriere, geht unglücklich aus: Emily verlässt Wrede, und Lincoln wird wenige Tage nach der Begegnung von einem Attentäter erschossen. Sein einziger Gefährte, schreibt Doctorow lakonisch über Wrede, sei der eigene Verstand. Es klingt, als schriebe er über sich selbst.
Dabei hat dieses Buch viel mehr als Vernunft- und Verstandeskräfte, es besitzt Wärme und Herz. Es kriecht in die Seelen von Plünderern und Henkern, es schildert die Gewissensnöte von Lebedamen und Ex-Sklavinnen, es nimmt den nymphomanen Kavalleriekommandeur ebenso ernst wie den schnöseligen Kriegsreporter der Londoner "Times". Und mit derselben unerbittlichen Einfühlung betrachtet es auch den kleinen Kopf der großen Armee, den General William Tecumseh Sherman. Er ist die zweite Leitfigur des Romans, ein Mann, dessen Skrupel seinen Entscheidungen immer Meilen voraus sind und der immer neue Schlachten befiehlt, damit das Schlachten irgendwann einmal aufhört. Im amerikanischen Süden gilt Sherman, dessen Truppen allein in Georgia Güter im Wert von 100 Millionen Dollar vernichteten, bis heute als Strafe Gottes. Aber der Erfinder der Strategie der verbrannten Erde (von der die deutsche Wehrmacht in Russland schrecklichen Gebrauch machte) hat den Krieg zugleich gehasst, und in diesem Zwiespalt porträtiert ihn der Roman. Im Moment seines größten Triumphs, in der Hafenstadt Savannah, schlägt Doctorows Sherman eine Zeitung aus Ohio auf und liest, dass sein sechs Monate alter Sohn an Diphtherie gestorben ist. Später, am Ende seines Feldzugs durch Nordcarolina, weint er um den Sohn eines Südstaatengenerals, der im Kampf gegen die Unionsarmee sein Leben gelassen hat. Als der Bürgerkrieg endlich vorbei ist, wünscht er sich nur, noch einmal im Wald unter Fichten zu schlafen, bevor er zur Parade nach Washington muss.
Und doch, aller Einfühlung, allen fein gezeichneten Charakteren und inneren Monologen zum Trotz ist "Der Marsch", den Angela Praesent in ein geschmeidiges und nüchternes Deutsch übersetzt hat, vor allem ein Triumph der Form. Es ist ein Buch, das man neben die großen Schlachtenschilderungen des neunzehnten Jahrhunderts, neben Tolstois "Krieg und Frieden" und die Waterloo-Episode aus Stendhals "Kartause von Parma" stellen kann, ohne dass es an Strahlkraft verliert - weil es die Kunst des Erzählens bei ebendiesen Meistern gelernt hat. Wie ein allwissendes Auge, im fliegenden Wechsel zwischen Nah- und Ferneinstellung, zwischen dem Blick des Adlers, der ein langes blaues Band am Boden sieht, und der Schlammperspektive des Soldaten, der in Todesangst seine Pistole in den Bauch seines Gegners abfeuert, begleitet die Erzählung den Marsch von Shermans Armee; und so wie das Heer seine Toten am Wegrand zurücklässt, verabschiedet sich auch der Roman von vielen Figuren, an die wir uns arglos gewöhnt haben, dem Leutnant, der sich in das Mädchen Pearl verliebt, dem geschniegelten Adjutanten Shermans, der seinen General im Stillen verachtet, dem Soldaten Will, der alle fünfzig Seiten eine andere Uniform trägt, bevor er als Toter endlich in seiner Konföderiertenkluft für den Armeefotografen posieren darf. Sie bleiben zurück, die Erzählung zieht weiter, und wie unter magischem Bann, mitgerissen vom leuchtenden Strom dieser Prosa, ziehen wir mit.
Die amerikanischen Kritiker des Romans, vor allem John Updike im "New Yorker", haben die klassische Perfektion des "Marschs" gegen die erzählerischen Exzesse in Doctorows früheren Büchern ausgespielt: die historische Puppenspielerei in "Ragtime", die modernistischen Posen in "City of God", die Lust am Makabren in "Billy Bathgate". Tatsächlich ist der sechsundsiebzigjährige Edgar Lawrence Doctorow, wie viele Autoren seiner Generation, den ganzen Weg der amerikanischen Literaturmoderne mitgegangen, vom Realismus eines Upton Sinclair bis zu den wilden Montagetechniken und Verspieltheiten der Postmodernisten.
Dass er am Ende seines Marsches wieder bei den europäischen Klassikern ankommt, spricht für Doctorows literarischen Instinkt. Denn jede gewollt avantgardistische Bearbeitung hätte seinen Stoff zur Groteske verzerrt. Erst die geduldige, vom Hollywood-Stil wie vom postmodernen Wortgeklingel gleich weit entfernte konstruktive Feinarbeit, mit der Doctorow die Wirklichkeitssplitter ineinanderfügt, legt jene Geschichte frei, über die wir seit "Vom Winde verweht" und "Fackeln im Sturm"alles zu wissen glauben. In diesem Buch lernen wir, dass wir nichts wussten. Sprache, heißt es einmal in "Der Marsch", sei ein Krieg mit anderen Mitteln. E. L. Doctorow hat den Krieg mit seinem Buch gewonnen.
ANDREAS KILB
E. L. Doctorow: "Der Marsch", Roman. Deutsch von Angela Praesent. Kiepenheuer & Witsch 2007. 416 Seiten, 22,90 Euro
Buchtitel: Der Marsch
Buchautor: Doctorow, Edgar Lawrence
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.2007, Nr. 34 / Seite 28