Prototyp Tunichtgut

Erotik des Zufälligen: Matthias Zschokke flaniert durch Berlin

08. Juni 2006 Dieser Roman des Schweizer Schriftstellers Matthias Zschokke übt einen subtilen Zwang zur Langsamkeit aus. Wer seine poetischen Räume in Windeseile durchschreiten will, wird bereits auf den ersten Seiten gebremst. Eine Schule der Verzögerung, des Verweilens, des Sinnierens. Sein Held, "Maurice mit Huhn", ist ein moderner Taugenichts, der in seinem Büro in einem armseligen Berliner Stadtteil sitzt und meistens nichts zu tun hat. Mit dem Fahrrad fährt er jeden Tag von der Wohnung am Bahnhof Zoo in sein Kommunikationskontor, das er im Alleingang führt. Er erledigt Schreibarbeiten für Einwanderer, die Hilfe brauchen. Allerdings immer weniger. Ob sie sich seine Unterstützung nicht mehr leisten können, ob sie ihm die Arbeit nicht mehr zutrauen - es kümmert ihn nicht.

Was er wirklich mit Ausdauer verfolgt, ist die Anstrengung, keine Panik aufkommen zu lassen über das nutzlose Dahinkriechen der Tage. Ab und zu schreibt er Briefe an Hamid, den ehemaligen Geschäftspartner. Dessen Kaviarfirma hat sich zu einem Imperium entwickelt und ihn so reich gemacht, daß er seine Frau, eine Berliner Schauspielerin, verlassen und den Sohn in einem teuren Schweizer Internat unterbringen konnte.

Schließlich hat er sich nach Genf abgesetzt. Von da aus betreibt er lukrative Geschäfte und jongliert gelenkig mit Gesetz und Übertretung. Mit Maurice unterhält er eine Art Freundschaft, wenn auch eher einseitig. Maurice schreibt, Hamid telefoniert oder taucht unvermittelt in Berlin auf, um ihm einen Handel vorzuschlagen, bei dem sich steuerliche Vorteile ergaunern lassen. Maurice nimmt solche Angebote dankend entgegen. Moral ist nicht die Sache des kleinen Schwindlers und Phantasten, der die Welt mit dem ihm eigenen Blick abmißt. "Débauche", das französische Wort für "Ausschweifung", heißt sein wahres Lebensmotto. Es führt das liederliche Leben eines charmanten Flaneurs, der die Welt besichtigt, ohne sich an ihr zu beteiligen. Nützlichkeiten erscheinen ihm fremd. Auf Superlative reagiert er erschreckt, pathetische Gesten findet er fragwürdig, Leistungen verdächtig. Jede Art von Abschweifung dagegen begrüßt er mit hinreißender Begeisterung.

Der in Bern aufgewachsene Matthias Zschokke, der zuerst Schauspieler wurde und seit 1980 als Schriftsteller, Theaterautor und Filmregisseur in Berlin lebt, spielte von den literarischen Anfängen an mit diesem leisen Verweigerungston. Seine Helden waren schon immer Tunichtgute, die sich - abgestoßen von geschäftigem Treiben und überbordender Lebensgier - in ein poetisches Niemandsland absetzten. Mit dem neuen Roman "Maurice mit Huhn" hat der Schriftsteller den Prototyp seiner eigentümlichen Erzählmelodie geschaffen. Dabei orientiert er sich an zwei Schweizer Vorbildern, die in der Berner Heimat eine wichtige Rolle spielten: dem Maler Albert Anker und dem Schriftsteller Robert Walser. Beide verbanden das Provinzielle mit dem Weltstädtischen, beide camouflierten das Abgründige mit dem Naiven.

Maurice, die Figur im Zentrum, stammt aus dem gleichen Berner Dorf wie der Maler. Ankers Bild "Maurice mit Huhn" lieh dem Helden den Namen und ist die Quelle, aus der alle poetischen Beobachtungen sprudeln. Einmal beschreibt der Schriftsteller den Knaben mit dem ruhigen, leicht hypnotisierten Huhn auf dem Arm, die Beine hängend, den Kopf abwartend geneigt - wobei es jeden Augenblick zum Leben erwachen und dem Knaben mit den spitzen, starken Schnabel blutende Wunden zufügen könnte.

Was ihm mit dem Motiv des Malers gelingt, nämlich die poetische Aufladung des eigenen Textes mit versteckten Bedeutungen, mißrät ihm allerdings mit dem literarischen Vorbild. Diesem kommt er so nahe, daß er sich daran verbrennt. Anstatt eine produktive Spannung zwischen Fremdem und Eigenem zu erzeugen, entsteht ein leicht epigonaler Eindruck. In Passagen, in denen sich Maurices Onkel bei seiner Gönnerin für handgestrickte Socken bedankt oder der Held in heftige Zuneigung zu engen, beigefarbenen, über den Boden tänzelnden Stöckelschuhen entflammt, erdrückt das Original die Kopie.

Trotzdem übt Matthias Zschokkes Romankonstruktion mit ihrer manchmal verbundenen, manchmal lose assoziierten Reihung von Mikrogeschichten eine seltsame Magie aus. Gewiß, das Buch hat einen Stich ins Altmodische, nimmt aber bei genauerem Besehen durch seine unverdrossene Konsequenz und seine fröhliche Zähigkeit doch wieder für sich ein. Die Nebensächlichkeiten, Belanglosigkeiten und Beobachtungsfundstücke, die vor den Augen des Lesers mit provozierender Nachlässigkeit ausgebreitet werden, haben eine leicht anästhesierende Wirkung. Zunehmend schwindet das Gefühl für die täglichen Aufgeregtheiten und macht einer Empfänglichkeit für die schillernden Nichtigkeiten und die Erotik des Zufälligen Platz.

Hinter dem freundlichen Plauderton verstecken sich das Aufbegehren gegen den mechanisch ratternden Alltag, die Auflehnung gegen das unverbindliche Surfen durchs Leben. Damit gelingt es Matthias Zschokke für einen kurzen Augenblick, die Welt aus den Angeln zu heben und die freie Sicht auf das Poetische zu eröffnen.

PIA REINACHER

Matthias Zschokke: "Maurice mit Huhn". Roman. Ammann Verlag, Zürich 2006. 240 S., geb., 18,90 [Euro].

Buchtitel: Maurice mit Huhn
Buchautor: Zschokke, Matthias

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2006, Nr. 131 / Seite 46

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