08. Juni 2004 Daß Christoph Hein ein guter Geschichtenerzähler ist, hat sich nicht erst seit seinem letzten Roman "Landnahme" (F.A.Z. vom 21. Februar) herumgesprochen; auch als einen klugen Essayisten kennen wir ihn aus mehreren Bänden. Die hier anzuzeigende Sammlung fällt weder unter die eine noch unter die andere Kategorie. Von den im Untertitel versprochenen "Essais" bietet er wenig, eher handelt es sich um ein Sammelsurium aus Tagesresten, Fest- und Gedenkreden, Nachrufen, Artikeln aus "Spiegel" und "Freitag", einer Seite zum Tode Stefan Heyms, gleich zwei Reden über Unseld. Was aber für den Tag und für die Stunde seinen Zweck erfüllt haben mag, liest sich nun nicht selten als Belanglosigkeit, ja als Banalität. Gegen die Ausländerfeindlichkeit und gegen die Allmacht des Marktes ficht Hein und für Toleranz und die Freiheit des Wortes, und wir würden ihm noch lieber beipflichten, wenn er das etwas weniger überraschungsfrei täte.
Dem Insel-Verlag etwa wünscht er zum hundertjährigen Bestehen, daß er "weiterhin seinen Weg findet in einem angemessenen Verhältnis von Tradition und Erneuerung", "das Alte bewahrend und mutige Neuerungen schaffend". Wer wollte das nicht? "Lesen prägt das Individuum", schreibt Hein, "Gerechtigkeit ist der Natur fremd", "Alles ist die Folge einer Folge einer Folge", "Japan ist das Land der Kirschblüten", "Menschliche Einrichtungen sind vielfältig bedroht" - wie wahr ist das alles! Stefan Heym wird nachgerühmt: "Er war stets bereit, sich einzumischen", und Heiner Müller wird gewürdigt als ein Mann "von großer Zärtlichkeit Frauen und Kindern gegenüber" (da das in einem Nachruf steht, wird es tatsächlich ironiefrei gemeint sein). Geradezu entnervend wird auf die Dauer die Marotte, alles feierlich zwei- und dreimal zu sagen, die erlesene Redundanz. Um "die Schriftstellerei, das Poetische, die Kunst des Schreibens" geht es und um "die Gesellschaft, das Publikum, den Leser"; und wie die Armut von der Poverteh kommt, so verbinden sich hier "Unduldsamkeit und Intoleranz", "Aufbau und Konstruktion", "Großzügigkeit und Generosität".
Im Gestus des Provokateurs rennt Hein manchmal Türen ein, wo es nicht einmal Wände gibt. Johann Peter Hebel, jawohl, sei sein Lieblingsautor: "Ich nenne seinen Namen, weil er noch immer fast übersehen ist, unterschätzt und abgetan" von der Literaturkritik; allein das "fast" erinnert da an den kanonischen Status dieses Klassikers.
Von der titelgebenden Rolle des Shakespeareschen Narren lassen diese bedächtigen Sonntagsreden wenig erkennen. Närrisch scheint allenfalls manche der Situation geschuldete Hyperbolik. Daß "das europäische Ausland (...) von dem prägenden Stempel Suhrkamp nicht unbeeindruckt" blieb, ist schön gesagt; daß aber dieser Vorgang "beispiellos in der europäischen Geschichte" gewesen sein soll, ließe sich immerhin bezweifeln. Zuweilen traut man seinen Augen nicht angesichts der Ressentiments, die dieser sonst so disziplinierte und distinguierte Autor sich durchgehen läßt. "Unsere Gesellschaft", schreibt er, "bewegt sich in Richtung einer absoluten Nivellierung geistiger Werte und jeder Kultur." Das ist die Lage; und sie ergibt sich aus der "alles egalisierenden Flut, die unumgänglich und notwendigerweise im Gefolge der Demokratisierung kommen mußte". Nicht nur hier möchte man Hein wünschen, daß er nicht meint, was er sagt.
Der umfangreichste Text des Bandes, eine Betrachtung über Arno Schmidt, zeigt diese Schwächen in Vergrößerung, die des Gedankens wie jene des Stils. Ausgerechnet über Arno Schmidt liest man hier, er habe die Sprache "seziert und aus dem Korsett der eingeschliffenen Gewöhnung befreit". Auf welche Situation aber reagiert diese durch Sektion aus dem Korsett des Schleifens befreite Sprache? "Die Sprache und der Sinn der Worte (...) schienen abgegriffen und wenig sinnlich zu sein." Darum also! Wo, wann und in welcher Hinsicht allerdings Sprache und Sinn so abgegriffen und unsinnlich gewesen sind, bleibt ungefragt und ungesagt. Als Hein aber bemerkt, es sei ihm unmöglich, über Schmidts poetisches Werk zu sprechen, sind zwei Drittel seines Textes schon um; und außer diversen tagespolitischen Betrachtungen hat man wenig mehr gelesen als die Gemeinplätze vom notabene "unangepaßten" Autor, der sein Land "als Pädagoge, als Mahner und Erzieher" vergebens bessern wollte und sich daraufhin "von seinen Mitbürgern enttäuscht abwendet". Gemeinsam ist diesen nie ganz falschen, aber eben auch nirgends eine neue Einsicht eröffnenden Bemerkungen vor allem das Bild vom Dichter als dem einsamen Präzeptor der verdummenden Massen.
Kompiliert worden ist dieses Nichtwerk offenbar ebenso rasch, wie es geschrieben wurde. Daß Hein sich in falschem Latein an "die lectoris, die Leser" wendet, ist dem Lektor ebenso entgangen wie das in schrägem Deutsch formulierte Lob der Sprachkunst Arno Schmidts: "Zu einem Schirm fiel ihm allerhand ein, um diesen zu beschreiben."
HEINRICH DETERING
Christoph Hein: "Aber der Narr will nicht". Essais. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 184 S., geb., 19,90 [Euro].
Buchtitel: Aber der Narr will nicht
Buchautor: Hein, Christoph
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2004, Nr. 131 / Seite 38