14. April 2007 Ähnlichkeiten sind rein zufällig: Jean Echenoz simuliert die Biographie des Komponisten Maurice Ravel und bezieht den Leser in die Erfahrung fortschreitender Selbstentfremdung seines Romanhelden auf raffinierte Weise ein.
Von Joseph Hanimann Vertraut ist uns der Fall, wo Persönlichkeiten aus der historischen Realität in Romane eingehen. Seltener ist, dass eine Romanfigur zu einem Doppelgänger in der Wirklichkeit kommt. Genau das scheint hier passiert zu sein. Der Ravel dieses Buchs trägt zwar denselben Namen, dieselben Lebensdaten, die Physiognomie und auch denselben Fluch der Schlaflosigkeit wie der uns bekannte Komponist. Doch ist die Entsprechung offenbar rein zufällig. Der Romanheld selbst scheint nicht zu wissen, dass es ihn in der Wirklichkeit gibt. Manchmal nur verrutschen seine Konturen und lassen das Reale hinter dem Ausgedachten kurz sichtbar werden, wenn Ravel etwa gerade eine neue Einschlaftechnik ausprobiert: "sich stundenlang im Bett wälzen, auf der Suche nach der besten Stellung, nach der idealen Anpassung des Organismus namens Ravel an das Möbel namens Bett."
Beliebig wie Namen ist die Wirklichkeitsnähe dieses Dreiundfünfzigjährigen und dieser Badewanne, aus der er am Wintermorgen 1927 steigt, des kleinen Peugeot 201, der draußen vor dem Pariser Vorstadthäuschen wartet, der Gauloise, die der Mann sich gleich anstecken wird. Beliebig ist all diese Ähnlichkeit mit dem Alltag, durch den der historische Maurice Ravel sich einst bewegen mochte. Dem Autor Jean Echenoz ist hier das Kunststück eines literarischen Sonderdings gelungen. Statt die Figur vom recherchierten Material her aus der Phantasie zu füllen, zu schattieren, auszumalen, zu ergänzen, höhlt er sie aus. Das Baujahr des Ozeandampfers, mit dem Ravel anfangs 1928 nach Amerika fährt, die Umgebung seines Wohnorts Montfort-l'Amaury, die Kompositionsdetails des Bolero - all das ist offenbar wirklichkeitsgetreu. Die Allgegenwart dieser Einzelheiten bringt uns die Figur aber nicht näher, sondern rückt sie auf die Distanz einer faszinierenden Fremdheit in der Intimität, wie eine höchst realistische Bleistiftzeichnung mit viel unberührtem Weiß zwischen den Linien.
Roman eines Realitätsverlusts.
Was der Beschreibungsminiaturist Jean Echenoz mit seinem Helden teilt, ist die Skepsis gegenüber aufwallender Inspiration. Wenn nach der Ausfahrt des Überseedampfers "La France" aus Le Havre die Gäste das Deck schon verlassen haben, lässt der Autor seinen Helden dort zunächst noch eine Zeitlang stehen - vielleicht ergebe sich aus dem grüngrauen Wassergekräusel ja doch noch der Einfall einer Melodie, denkt er sich. "Er weiß zwar genau, dass das niemals so funktioniert, so geht das nicht, es gibt keine Inspiration, komponieren kann man nur vor den Tasten." Schreiben auch. Zumindest laut Echenoz. Er erzählt uns in diesem Buch die letzten zehn Lebensjahre des aus distanzierter Eleganz in pathologischen Weltverlust abdriftenden Ravel nicht als nachempfundenen Leidensweg, sondern als subtile Symptomkombinatorik. Ähnlich sind in seinen früheren Romanen schon Kunstgaleristen nach Grönland oder Konzertpianisten ins Paradies abgetaucht.
Die triumphale Amerika-Tournee des gleichgültigen Dandys mit den sechzig Hemden, zwanzig Paar Schuhen, fünfundsiebzig Krawatten in den Koffern, die schlaflosen Nächte und Anfälle von Langeweile wieder zu Hause, das routinierte Hinkomponieren des Klavierkonzerts für die linke Hand im Auftrag des kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein lassen eine schräge Komik aufkommen. Das Anekdotische rieselt in der Darstellung von Echenoz aber immerfort an den Geschehnissen ab. Nicht wie es (wohl) war, ist entscheidend, sondern wie es für uns Leser gerade ist.
Die Perspektive ist die eines verallgemeinernden "man" oder "Sie", das uns immer neu in die Figur Ravels hineinzieht: "Unter einer dicken Decke lagern Sie auf dem Liegestuhl . . ." Und in dieser erzählerisch konstruierten Inwendigkeit gleiten wir zusammen mit dem erkrankenden Romanhelden hinüber in fortschreitenden Realitätsverlust. Es beginnt in der französischen Botschaft von Madrid, wo er in seiner Sonatine nach der Exposition, den Menuettsatz auslassend, unerklärlicherweise direkt in die Coda des Finales springt.
Klinisch gelesen, beschreibt dieser Roman die wache Entfremdung eines Subjekts von der Welt. Zunächst bange, dann resigniert, schließlich nur noch gleichgültig verfolgt da einer an sich selbst, wie er Messer an der Klinge ergreift und Zigaretten mit dem glimmenden Ende den Lippen zuführt. Lebendig im eigenen Körper begraben, "sieht er zu, wie ein Fremder in ihm wohnt". Literarisch gesehen, macht der Roman uns selber zu diesem Fremden. Je weiter die Figur in ihrer Entfremdung fortschreitet, desto näher kommt sie uns. Das beschreibende "er" trocknet aus, dessen innere Leere, konturlose Langeweile, zerwühlte Schlaflosigkeit verliert alle Gesichtsröte fiebernder Melancholie und macht sich in uns breit. Ravel, diese leere Figurenformel, sind wir selbst. Weiter kann man im Roman kaum gehen. Dieses Buch ist ein literarischer Grenzfall, voll Überraschungen dazu, es zeigt, wie weit Erzählkunst reichen kann, und wurde von Hinrich Schmidt-Henkel manchmal etwas freizügig, aber klug durchdacht und stets elegant übersetzt.
- Jean Echenoz: "Ravel". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin Verlag, Berlin 2007. 110 S., geb., 18,- [Euro].
Buchtitel: Ravel
Buchautor: Echenoz, Jean
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2007, Nr. 87 / Seite Z5