Walter Kappacher: „Selina oder Das andere Leben“

Erschrecken unter Sternen

Von Paul Ingendaay

08. Oktober 2005 Stellen wir uns, obwohl es nicht leichtfällt, einen warmen Frühlingstag vor, einen bequemen Stuhl im Freien, dazu ein Buch auf dem Schoß, das wir aber noch nicht lesen, weil die Gedanken bei diesem Frühlingstag sind und schon genug daran haben, sich die Möglichkeit des Lesens vorzustellen. Eine beglückende Möglichkeit, bei der die Zeit keine Rolle spielt. Eine gewisse Trägheit wird spürbar, auch sie ein Aggregatzustand des Glücks. Draußen summt etwas, hinten am Gebüsch schimmert es gelb. Man bleibt einfach sitzen, einen Finger zwischen den Seiten, und schreibt das Buch, das man erst noch lesen wird, gewissermaßen im Geist schon hin, als könnte die eigene Phantasie dem Verfasser, dessen Namen auf dem Umschlag steht, vorauseilen und vorgreifen.

Solch eine Eintracht mit dem Buch - oder der Welt - hinterläßt Walter Kappachers neuer Roman „Selina oder Das andere Leben“. Da hat einer die Uhren der gewöhnlichen literarischen Zeit angehalten und neu gestellt. Er gibt uns keine Handlung im üblichen Sinn, sondern zeigt in aller Ruhe das Bewußtsein eines Mannes, der durch drei Sommermonate treibt, meist allein mit sich selbst, ein Österreicher in der Toskana, ein bißchen auf der Flucht vor einer schlechten Beziehung, auch auf der Suche nach einem Roman, den er vielleicht schreiben möchte und am Ende doch nicht schreibt. Ein anderer Mann, ein älterer Deutscher, hat diesem Stefan das Wohnrecht überlassen, froh, daß sich jemand um das Gut kümmert; die Nichte des Deutschen kommt, Selina, und für Minuten oder Stunden scheinen Möglichkeiten auf, die sich nicht erfüllen. Anderweitig, im Dorf, gelingt Stefan ein kurze Liebesaffäre, und der Leser freut sich mit ihm. Stefan lebt mit sich selbst, richtet sich ein, nimmt wahr, was mit ihm und um ihn herum geschieht, während die Wochen verstreichen. Das ist klein und beglückend groß, wie unser überaus dehnbares Menschenbewußtsein. Diesen Roman, „Selina“, füllt es vollständig aus.

Ein phänomenaler Beobachter

Schauplätze haben ihre Tücken, und das Gespenst des bundesrepublikanischen Toskana-Romans müßte sich drohend erheben. Es haben schon zu viele gebildete, empfindsame Menschen bei Weißwein, Basilikum und dem Blick über die Oliventerrassen an Literatur gedacht. Bei Walter Kappacher erhebt sich kein Gespenst. Der Mann ist ein phänomenaler Beobachter und kennt sich aus. Der Schauplatz: ein heruntergekommenes Bauernhaus und die Kleinstädte der Umgebung, Gello Biscardo, Arezzo, dazu die wuchernde Vegetation, krabbelnde Ameisen, schlechte Fahrrinnen, Regengüsse, die Geräusche der Tiere bei Nacht, darüber ein enormer Sternenhimmel, der am Ende des Romans auf den einsamen Mann herunterschaut, als wollte er ihn in sein großes Nichts hineinziehen. Da wird Stefan, der Lehrer im Freijahr, für einige tief verschreckende Augenblicke zu einem Ausgestoßenen des Universums, wie es Wakefield in Hawthornes Erzählung für Jahrzehnte war. Dann kehrt er aus dem Schrecken zurück, intakt, aber ohne das Empfundene vergessen zu können.

Man muß weit zurückgehen, nicht um Kappachers stilistischen Vorbildern, sondern um vergleichbaren ästhetischen Effekten zu begegnen. Stifter im „Nachsommer“ dehnt die Zeit, um sie andererseits zu sammeln und neu zu verteilen; Henry James schreibt seine langen Sätze, um im Bewußtsein des Lesers Platz für das Aufnehmen langer Sätze zu schaffen. Die Handlung darf nicht voranjagen, sondern muß gedrosselt werden, sonst bleibt das Wichtigste auf der Strecke. In einer Zeit, in der es wenig Natur und noch weniger Naturgewissen gibt, stellt Kappacher seinen Menschen noch einmal in eine natürliche Umgebung, eine halbwegs gezähmte, aber ungemein fordernde, insistierende Pflanzen- und Tierwelt, und das alles ohne Schmock oder Öko-Verträumtheit. Dieser Schriftsteller kann das Schwierigste, und das macht „Selina“ zu einem Ausnahmewerk.

Liebe, Tod und Unsterblichkeit

Buchshop
Selina oder Das andere Leben
von Kappacher, Walter
Kaufen bei
amazon.deLibri.de

Walter Kappacher, geboren 1938, lebt in Obertrum bei Salzburg. Mit fünfzehn verließ er die Schule, arbeitete als Automechaniker, später in der Reisebranche und stieg dann aus, vielleicht ja so wie Rosina, die Heldin seiner beeindruckenden Sekretärinnen-Novelle von 1978. Seitdem hat er eine stattliche Reihe Bücher geschrieben. Mit einer gewissen Regelmäßigkeit erscheint irgendwo ein enthusiastischer Artikel über ihn, und ähnlich regelmäßig macht eine literarische Auszeichnung auf ihn aufmerksam wie 2004 der Hermann-Lenz-Preis, bei dem Peter Handke auf seinen Landsmann die Laudatio hielt. Und dann schließt sich das Wasser wieder, und die Kappacher-Leser, so scheint es, haben ihren Autor abermals für sich. Es wäre nicht recht zu begreifen, wenn es ihm mit diesem Roman ebenso erginge.

„Selina“ handele von Liebe, Tod und Unsterblichkeit, heißt es im Klappentext, den Themen Jean Pauls, der ein „Selina“Fragment hinterließ. Das ist sogar richtig. Aber was die wirklich hohe Kunst dieses Romans ausmacht, ist, daß Walter Kappacher Liebe, Tod und Unsterblichkeit meinen kann, indem er von Grillen, Hummeln, Käuzchen und Fledermäusen spricht, von der grüngelben Natter, vom reparierten Ziegeldach und dem Rieseln des Regens in den Eschenblättern.

Walter Kappacher: „Selina oder Das andere Leben“. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2005. 255 S., geb., 19,90 Euro.



Buchtitel: Selina oder Das andere Leben
Buchautor: Kappacher, Walter

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2005, Nr. 234 / Seite 50
Bildmaterial: Deuticke

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben