Von Thomas Poiss
20. Juni 2009 Nicht auszudenken, welch ein deutscher Dichter Michael Hamburger geworden wäre, hätte die Geschichte einen humanen Verlauf genommen. So aber floh der 1924 als Sohn eines Berliner Arztes Geborene mit der Familie schon 1933 vor dem Rassenwahn nach Edinburgh und begann bald auf Englisch zu schreiben. Zunächst übersetzte er Hölderlin, später andere deutsche Dichter von Celan bis Jandl und W. G. Sebald, und schuf einen singulären Ton aus dem Besten zweier Kulturen. Hamburgers letzte Gedichtbände, die kurz vor seinem Tod 2007 erschienen sind, liegen nun zusammen mit einigen Gedichten aus dem Nachlass in einer zweisprachigen Ausgabe vor.
Die drängende Zeit hat so in einem Band Genres zusammengeführt, die Hamburger sonst trennte: Baumgedichte, Traumgedichte, Todesgedichte, Satiren und auch eines seiner Langgedichte, das viele Themen kompositorisch vereint: Domestic / Häusliches“. Es geht darin um Hamburgers altes Haus in Suffolk, das auch in Sebalds Ringen des Saturn“ aufscheint, um den Kampf gegen feuchte Wände und die Verwilderung des Gartens, um politische Geschichte und Privates. Ein Wellblechschuppen, der im Krieg als Lazarett diente, erinnert an Hamburgers Militärzeit; eine Wasserpumpe von 1770 reicht in die tiefere Vergangenheit – ein Sturm zerstört den seltenen Maulbeerbaum, der einst Hamburger und seine Frau, die Lyrikerin Anne Beresford, zum Pachten des Anwesens veranlasst hatte.
Ungeschützt und unbehaust
Der Kampf gegen Verfall und Natur geht allmählich verloren, es bleibt Das unhörbare Pulsen im Gebäude / Ein Pochen, ungeschützt und unbehaust“. Naturgemäß nehmen viele Gedichte Abschied: Terminal Turn / Letzte Abfertigung“ etwa gilt einer späten Reise nach Österreich, wo Hamburger nach 1945 stationiert war: Wien und Kärnten sind ihm auch ohne Landkarte vertraut, aber die Beschwerden der Flugreise überdecken diese Erfahrung. Der Dichter schreibt leise Hymnen auf das Licht, Morgenlicht, Winterlicht über der Landschaft, doch wird es entpersönlicht: Irgendwo scheint ein Licht, nicht für sie, nicht für uns.“ Hamburgers Übersetzer sind oft seinem Ton nahegekommen, doch manches wirkt greller oder unbestimmter, während Hamburger unprätentiös Wort an Wort fügt. Nur eines bringt ihn in Wut: der Homo Rapiens“ der Thatcher- und Bush-Ära, der Tod durch Elektronik“: Zeit? Eine Währung / Von Mikrochips gemünzt.“
Sein Garten ist für Hamburger jedoch nicht die heile Gegenwelt. Er kennt die Härte der Natur und bewundert Mut und Kunst der Schwalben, die ohne Zögern durch den Spalt einer Glasscheibe fliegen, um in einer Scheune zu nisten. Je länger man in diesem Buch liest, um so mehr verschmelzen die Einzelgedichte zum Sprachbild, auch der Traum, in dem nach sechundsechzig Jahren der sterbende Vater dem Sohn Als Psychopompos, nicht als Kinderarzt“ erscheint und den Weg weist aus dem Todesland“ in den wirklichen Tod. Der, der diesen Weg nun gelassen geht, sieht freudig Die geschwungene Unterseite dieser Blaumeise, die kleine Welle gelben Gefieders“ und verschwindet selbst im Bild: So langsam ist am Ende unser Kreisen – / Man kann das Auf vom Ab nicht unterscheiden, / Das Dauernde nicht von der Veränderung.“ Was bleibt, ist der Puls dieser Gedichte.
Michael Hamburger: Letzte Gedichte“. Aus dem Englischen von Jan Wagner u.a.. Hrsg. und mit einem Nachwort von Iain Galbraith. Folio Verlag, Wien und Bozen 2009. 176 s., br., 22,50 €.
Buchtitel: Letzte Gedichte
Buchautor: Hamburger, Michael
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Folio Verlag