Rezension

Christus kommt mit dem Hovercraft

Von Patrick Bahners

06. Oktober 2004 Ein Stuntman ist ein Stellvertreter. Niemand kennt sein Gesicht. Sein Dasein illustriert die Ungerechtigkeit der Weltordnung, die mit ihrer Harmonie zusammenfällt. Trickreich und kompliziert sind die Dinge hinter den Kulissen eingerichtet, damit die Oberfläche einfache Verhältnisse spiegelt. Man sieht nur die im Lichte, und zwar gerade deshalb, weil die, die wir zu sehen meinen, oft gar nicht die sind, die im Lichte stehen. Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte der Klassenkämpfe zwischen den besonnten Existenzen und den Schattenkindern. Der Schöpfer kann die Sichtbarkeit nicht gleichmäßig verteilen, denn dann sähe man ja gar nichts mehr. Und hat der Stuntman nicht aus freien Stücken seinen Beruf gewählt? Tröstet ihn nicht die beseligende Erfahrung, daß ihm das Feuer nichts anhaben kann? Aber wenn einer verbrennt, dann wird er es sein.

Auch da, wo die Welt am unwirklichsten ist, wo sie nichts als Illusionen produzieren will, hätte sie keinen Bestand ohne die Bereitschaft zum Opfergang. "Verlangen nach Musik und Gebirge", Brigitte Kronauers neuer Roman, führt die Illusionsmechanik unserer Phantasie vor und präsentiert uns nebenbei die moralischen Betriebskosten dieser Himmels- und Höllenmaschine. Wir folgen mit den Augen und Ohren der Erzählerin einer kleinen Gesellschaft von Touristen und Müßiggängern, die das belgische Seebad Ostende durchstreifen, das besser Weltende heißen sollte, da es scheinbar nichts gibt, das wirklich des Sehens würdig wäre. Das auf Stelzen ins Meer hineingebaute Restaurant ist geschlossen, wird gerade renoviert. Die hungrig Abziehenden lassen sich sagen, daß ein solches Projekt nicht zu stemmen ist, ohne daß der eine oder andere Arbeiter zu Tode kommt. Landgewinnung: Inbegriff einer Zivilisation, die seit je Kollateralschäden in Kauf nimmt, auch wo der Kolonialismus nur Raum für harmlose Vergnügungen schaffen will.

Vor vier Jahren, in ihrem gefeierten Roman "Teufelsbrück", hatte Brigitte Kronauer an den Wunderwerken der Ingenieure von Kaprun eine Bilanz der Produktion von Erhabenheitseffekten aufgemacht: Der Roman für den unterscheidenden, sich der eigenen Individualität versichernden Leser ist nicht anders kalkuliert als eine für den touristischen Massenandrang hergerichtete Kulissenwelt. Es gehörte zum romantischen Witz des Kunstromans "Teufelsbrück", daß das Herzählen der vom Sublimen geforderten Menschenopfer den wohligen Schauer des vom Steinsturz verschont bleibenden Spaziergängers im Moment der Analyse wiederherstellte. Schon die frühen Romane Brigitte Kronauers sind mit einer mathematischen Präzision gearbeitet, die es rechtfertigt, von Ingenieurskunst zu sprechen.

Gottfried Benn beschreibt in seinem Rundfunkvortrag über die Frage, ob die Dichtung das Leben bessern könne, die Ingenieure als Männer, die Drähte über die Erde ziehen. In der Ruhmeshalle dieser heroischen Routiniers hat auch Brigitte Kronauer ihren Platz. Sie zieht Drähte von Verweisungen über die Weltkugel unseres Gedächtnisses. So rufen die Erörterungen über die Schrecken der belgischen Kongoherrschaft, die das Denkmal Leopolds II. auf der Strandpromenade weniger zu leugnen als zu feiern scheint, ebenso wie die Betrachtungen über die Indifferenz des Meeres die Gestalt Joseph Conrads auf. Eingeschoben wird der vollständige Text eines von der Erzählerin verfaßten Opernlibrettos, einer Bearbeitung von Conrads Novelle "A Smile of Fortune". Man möchte sich übrigens wünschen, daß diese maliziös funkelnden Verse, die das larmoyante Pathos von Conrads Ich-Erzähler im objektiven Raum der Komödienbühne verschwinden lassen, tatsächlich einen Komponisten anlocken. Sollte Wolfgang Rihm nicht ein paar Nachmittage erübrigen können, um diese poetische Perle aus der Umklammerung durch die Auster der Romanprosa zu befreien? Das Buch weckt jedenfalls wahrhaftig das Verlangen nach Musik.

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Verlangen nach Musik und Gebirge
von Kronauer, Brigitte
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Den kryptischen Titel könnte man für die Markierung einer auf die Spitze getriebenen Intertextualität halten, für den frechen Selbstbezug einer ihrer Mittel vollkommen sicheren Autorin, die sich von Gipfel zu Gipfel ihrer Werklandschaft selber zuwinkt. "Verlangen nach Musik und Gebirge" würde man dann übersetzen als "Verlangen nach ,Teufelsbrück'", nach der großen Passion, deren gewaltige Crescendi und jähe Abstürze Inhalt und Form jenes Romans ausmachen, den man vielleicht am besten als Tondichtung charakterisiert, zumal sein Text als mündlicher, an eine einzelne Zuhörerin gerichteter Vortrag daherkommt.

Der neue Roman zeigt nun die Kehrseite, eine Welt, in der die große Leidenschaft abwesend ist, in der man von ihr zumindest nicht spricht. Denkbar prosaisch ist der Hintergrund des unwirtlichen Badeorts, virtuos verstreut Brigitte Kronauer wie Kaugummipapiere und Coladosen die kleinen Häßlichkeiten. Einen Geistesblitzkrieg führt die Erzählerin, mit unsichtbaren Kritzeleien bedeckt sie die Seelenbunker, hinter denen sich die anderen Ichs verschanzen, so daß man sich momentweise fragt, ob das in diesem Graffitostil dekorierte Romangebäude am Ende wird schön erscheinen können. Aber das Thema ist der romantische Urgedanke: die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Statt der Herzensergießung an die ins Vertrauen gezogene Fremde haben wir es diesmal mit dem Selbstgespräch einer spröden Person zu tun, die für ihre Mitwelt unsichtbar zu sein glaubt und dann den Blick eines Unbekannten doch auf sich beziehen möchte. Die Ich-Erzählerin redet als Man-Erzählerin, berichtet über ihre Entschlüsse und Unschlüssigkeiten mit dem Pronomen für alle Welt. Dagegen war Caesar ja noch unbescheiden, als er in der dritten Person mit Bestimmtheit wenigstens von seinen Taten sprach.

Oder soll man umgekehrt einen auktorialen Standpunkt als höchste Form des Caesarenwahns charakterisieren, der für die eigene Zeitverschwendung fortwährend die gesamte Menschheit in Haftung nimmt? Man ist ausgezogen, man hat Land gesehen, man sah sich getäuscht, man kennt die Folgen: Sprechen so nicht auch die Imperialisten vom Schlage eines Leopolds II. nach dem Gezeitenwechsel, wenn es die Immobilienhaie aufs Trockene gespült hat? Die Erzählerin wird auf ihren Namen angesprochen, heißt sie doch fast wie der amerikanische Präsident. Diesen Ersatzkönig, der zum Zeitpunkt der Handlung im Sommer 2002 eine Demokratie aus dem Wüstensand stampfen will, kennt die Romanwelt unter dem Namen Fash; durch zwei Buchstaben hebt sich die Erzählerin ab, Frau Fesch. Das Wortspiel ist eine Art Dreisatz. Dreht man den Schlüssel um, kann man postulieren, daß Frau Fesch in unserer Welt Frau Bosch heißen könnte - nach dem flämischen Maler, dessen groteske Figuren den gefallenen Zustand der Menschheit realistisch schildern, realistisch auch deswegen, weil der Meister sich als frommer Christ unter den jämmerlichen und lächerlichen Sündern immer mitgemeint hat.

Mitgegangen, mitgefangen: Das ist, der Pose der Distanz zum Trotz, die Grundstruktur des Berichts der Erzählerin. Jeder kennt das, ja man darf eben sagen: man kennt das aus den Ferien. Der Zeitvertreib als metaphysisches Problem gibt dem Roman seine Form. In "Teufelsbrück" erzeugte die große Passion einen teleologischen Sog, eins führte zum anderen, und aller Zeitverbrauch drängte auf die Auflösung der Spannung hin. In Abwesenheit der Passion wird das Leben zum großen Warten. Die Erzählerin zerstreut sich, indem sie ihren Beruf zum Hobby macht und dem kuriosen Völkchen, das ihr Umgang geworden ist, Abenteuer andichtet.

Der Romantitel stammt, wie das Motto enthüllt, von Nietzsche, aus dem Abschnitt Nr. 119 im zweiten Buch der "Morgenröte", dessen Fazit lautet: "Was sind denn unsere Erlebnisse? Viel mehr Das, was wir hineinlegen, als Das, was darin liegt! Oder muss es gar heissen: an sich liegt Nichts darin? Erleben ist ein Erdichten?" Die Erzählerin erdichtet die Erlebnisse ihrer Urlaubsbekanntschaften. Schon auf der Zugfahrt ist ihr Roy aufgefallen, der mit seiner Großmutter reist und sich hoffnungslos in die schöne Italienerin Sonia verliebt, die "Taglilie" oder lateinisch Hemerocallis. Wie Frau Fesch Sonia bei dem botanischen Namen nennt, auf den sie, welterobernde Klassifikatorin vom Schlage Linnés, das verträumte Kind getauft hat, so läßt sie Roy als Stuntman auftreten. Roy ist aber gar kein Stuntman, weiß auch nicht, daß er Stuntman sein soll, hat lediglich, als Frau Fesch im Zug auf ihn stieß, seiner Großmutter gerade aus einer italienischen Illustrierten die Memoiren eines solchen professionellen Schmerzensmanns übersetzt.

Dieser komische Auftakt - man hört, daß es eine Übersetzung sein muß, bevor man weiß, wovon die Rede ist - gibt den Ton des Romans an: Jedes Wort ist richtig und klingt doch merkwürdig, minimal verrückt. Am Ende, als Roy vergeblich die Retterrolle gespielt hat und sinnlos zusammengeschlagen worden ist, erfüllt sich das ihm von Frau Fesch zugeschriebene Schicksal, jedenfalls im Bericht von Frau Fesch. Er kann nicht länger "von sich ablenken", wie er das getan hatte, weil er sich seines Hinkens schämte, "ist vielmehr ein eigenwilliger, ebenbürtiger Ersatz geworden", der Stuntman als Held, fast unwiderstehlich als geschlagener Krieger, der die Waffen streckt. Ihm selbst dämmert naturgemäß immer noch nichts von seinem Glück. ",Bahnhof', murmelt Roy, ,ich verstehe Bahnhof'." Und damit ist der Roman wieder an dem Ort angekommen, von dem er seinen Ausgang nahm.

Versteht der Leser mehr? Gibt es, im Lichte von Nietzsches Ausführungen über das unvermeidlich Täuschende der Kommentare, die wir den Sinneseindrücken beilegen, überhaupt etwas zu verstehen? Die Erzählerin läßt die Figuren unter Masken agieren, die sie ihnen niemals abnimmt. Wieder liegt alle Kunst Brigitte Kronauers darin, wie das Äußerste an spielender und anspielender Konstruktion zusammenfällt mit einer Evidenz des Wiedererkennens, die "ich" rufen möchte, wo "man" steht.

Der Roman liest sich als Protokoll eines sinnesphysiologischen Experiments in moralistischer Tradition. Bewiesen wird die weltschöpferische Kraft der Reizbarkeit. Wer kennt die irritierende Erfahrung nicht, daß wir die Mitmenschen nach dem ersten Eindruck charakterisieren, wenn sie uns zu nahe treten, und daß diese Charaktere dann aus unserem Lebensroman nicht mehr verschwinden wollen? Das Trauma der Übermacht einer Gesellschaft, die dem Individuum fremd gegenübertritt und ihn doch als zugehörig mit Beschlag belegt, hat der Maler James Ensor, der sein Leben lang aus Ostende, der Touristenstadt, nicht fortgekommen ist, in seiner Maskenmotivik verarbeitet. Brigitte Kronauers Roman setzt Ensor ein Denkmal mit Ensors Mitteln - durchaus nicht nur im übertragenen Sinne, hat Ensor doch auch in Prosa gemalt, nicht weniger grell und schroff, durch Beschreibung beschwörend, durch Übertreibung enthüllend.

Ob es Gott geben könne oder einmal gegeben habe, ist die von Nietzsche mit der These vom Tod Gottes beantwortete Frage, die Frau Fesch der unüberschreitbare Gegensatz von Meer und Land vor Augen stellt. Als "schönste aller Geschichten des großen Balzac" rühmte Ensor einmal die Legende "Jesus Christus in Flandern", die vom letzten Erdenbesuch des Heilands berichtet, als er just bei Ostende an Land ging. König Leopold hat Balzac wohl nicht gelesen, muß seine Statue doch "stellvertretend für den ganzen korrupten Kontinent unbedingt das Meer bestarren, als käme von dort die Erlösung". Frau Fesch starrt in dieselbe Richtung. Von England wird der Mann kommen, der die Conrad-Oper komponieren soll. Das goldene Haar von Balzacs Christus "fiel in Locken auf seine Schultern". Was Frau Fesch zuerst einfällt, wenn sie an ihren Geliebten denkt, das sind die goldenen Locken eines Barockengels. Er kommt mit dem Hovercraft, auf dem Wasser wandelnd, und sie rennt ihm entgegen - ob als törichte oder als kluge Jungfrau, bleibt am Ende offen. Der Geliebte, herbeigesehnt mit einer Macht, die alles andere auf der Welt bizarr erscheinen läßt, ist der Stellvertreter des Gottes, den das gleichgültige Meer gleichmütig passieren ließ.

Brigitte Kronauer: „Verlangen nach Musik und Gebirge“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2004. 389 S., geb., 22,- [Euro].



Buchtitel: Verlangen nach Musik und Gebirge
Buchautor: Kronauer, Brigitte

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004, Nr. 233 / Seite L5
Bildmaterial: Klett-Cotta

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