Das Grundproblem der deutschen Literatur in den Jahren seit 1945 ist die Interesselosigkeit an der eigenen Tradition. Als die junge Generation aus dem Krieg zurückkehrte und mit dem Schreiben begann, hat sie die Gelegenheit genutzt, radikal neu zu beginnen. Man kann ihr das nicht vorwerfen, jede Generation hätte so gehandelt und die Möglichkeit genutzt, den Kampf gegen die Väter und Großväter, gegen die ewigen Platzhirsche, Nobelpreisträger, Alleswisser, den nie zu gewinnenden Kampf einfach ausfallen zu lassen und zu behaupten, da sei gar kein Gegner mehr. Keine Möglichkeit zum Anlehnen oder Ablehnen. Oder wie es damals hieß: "Sie, die draußen waren, in den Jahren des Krieges und der Nazi-Diktatur, sie sprechen nicht mehr unsere Sprache."
Die Schriftsteller, die man aus dem Land geworfen hatte, deren Bücher verbrannt worden waren, die wenigen von ihnen, die das Exil überlebt hatten, wurden ein zweites Mal getötet, als der Krieg zu Ende war. Sie hatten gewartet da draußen, gehofft auf das neue Land, die neue Zeit nach dem Krieg, und jetzt mussten sie erkennen, dass sie umsonst gewartet hatten. Es gab kein Zurück. Der Riss ist nicht zu kitten. Ein Land hat seine Kultur, hat seinen Geist über seine Grenzen hinaus und in die Welt getrieben. Das heilt nicht mehr. Man kann nur immer wieder versuchen, eine Tradition lebendig zu halten, die mit aller Macht getötet werden sollte. Lebendig halten, in Bewegung halten, erfahrbar machen, das Gespräch beginnen und immer wieder neu erzählen.Das hat jetzt der Schriftsteller Michael Lentz gemacht.

In seinem Roman "Pazifik Exil" erzählt er die Geschichte einiger aus Europa vertriebener Künstler, die es nach Amerika, bis nach Los Angeles geschafft hatten. Hierhin, wo Elend und Glanz so eng beieinander lagen. Die Prachtvillen von Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, die Armut von seinem Bruder Heinrich. Lentz, 1964 in Düren geboren, Boxer, Lautpoet, Bachmannpreisgewinner, der in seinen besten Geschichten wie "muttersterben" und "Liebeserklärung" mit radikaler Sprachkraft, Wut und Traurigkeit gegen den Verlust, gegen den Abschied für immer angeschrieben und immer wieder bewusst und ausdrücklich an die Tradition der Avantgarden angeknüpft hatte und Vorbildern gefolgt war, erzählt also vom Leben Brechts und dem Ehepaar Feuchtwanger, den Werfels, Schönbergs, Nelly und Heinrich sowie Katia und Thomas Manns. Er hat dafür radikal subjektiv und rücksichtslos Tagebuchaufzeichnungen, Journale, Briefe der Exilanten benutzt. Aber nur als Ausgangspunkt, als ein Katapult für die eigene Geschichte. Traumwandlerisch bewegt er sich durch den Stoff der Erinnerung, der Aufzeichnungen und der eigenen Phantasie.
Die Vorstellung, Hitler anzurufen
Niemals weiß der Leser, was ist Wirklichkeit und was zum Beispiel Originalton Thomas Mann und wann dichtet Lentz frei vor sich hin und in die Geschichte der Alten hinein. Am Anfang ist das ein Rätselspiel, aber bald schon gibt man es auf. Zu gut ist der Imitationskünstler Lentz, als dass man ihm regelmäßig auf die Schliche kommen könnte. Es bringt auch nichts. Man muss sich einlassen auf diese neu erlebte, neu erzählte Geschichte. Es ist ja ein Roman, ist seine Geschichte, die Geschichte des Exils, wie Michael Lentz sie sieht.Die Kapitel des Buches sind nur lose miteinander verknüpft. In jedem Abschnitt hat ein anderer Protagonist das Wort. Es gibt viele, oft seitenlange innere Monologe, äußere Monologe, vor allem von Alma Mahler-Werfel, einige Passagen sind erdachte Aufzeichnungen, dann wieder Gespräche, Streitgespräche zwischen den Emigranten. Es beginnt mit der Machtergreifung Hitlers, von der Marta Feuchtwanger in einer Almhütte erfährt und von Fremden zum glücklichen Umtrunk geladen wird.
Es geht weiter über die Pyrenäen, auf den Ozeandampfer hinauf, hinüber nach Kalifornien bis zum Kriegsende und weiter bis ins Vergessen hinein. In die Stille.Michael Lentz beschreibt das Leben und Wirken der Emigranten, wie es wahrscheinlich wirklich war - ein Leben zwischen Größenwahn und Einsamkeit, zwischen Allmachtsphantasien und Machtlosigkeit. Gleich zu Beginn, beim schweren Marsch über die Pyrenäen, den er fast nicht überleben wird, denkt Heinrich Mann, wie Michael Lentz ihn sieht: "Die Vorstellung, den Hitler anzurufen und ihn auf der Stelle von der Notwendigkeit zu überzeugen, den ganzen Wahnsinn abzublasen, abzudanken, verfolgte mich, die natürlich eine allergrößte Naivität war, allerdings langsam, aber sicher zur Zwangsvorstellung geriet.
Der Machtkampf zwischen Brecht und Thomas Mann als ewiger Witz
Eine andere Vorstellung war, mich einfach in den Zug zu setzen, nach Berlin zu fahren und das frühere Leben fortzuführen."Heinrich Mann scheint Lentz sehr nahe zu stehen. Die ihm gewidmeten Kapitel sind die liebevollsten, die lebendigsten und sonderbarsten, wie er da so sitzt, im Abteil, und einsam Frauenbrüste malt und verzweifelt seine Phantasie um Varianten bemüht, damit nicht alle aussehen wie die von Nelly. Und als er beinahe stirbt, nach den Strapazen in den Bergen, nur kurz sagt: "Dann ist eben Ende." Das ganze Elend mit Nelly, der Erfolglosigkeit drüben in Amerika, wo der kleine Bruder über ihm thront - das ist unglaublich schön und traurig und wahr. Auch die Kapitel, die den Frauen gewidmet sind. Marta und Alma sind herrlich. Alma groß und unerträglich in ihrer Nervensägenhaftigkeit, ihrem wüsten Antisemitismus und in ihrer Hitler-Bewunderung. Marta in ihrer Mütterlichkeit, die die Regenten im Schattenkabinett des Geistes immer wieder in die Wirklichkeit zurückführt: "Die Tür geht auf, Marta betritt das Zimmer. Schweinebraten, Rotkraut, Kartoffelklöße. Kein Zweifel."
Viele schöne Bilder gelingen Lentz, und immer wieder sieht man sie so sitzen, die vertriebenen Künstler unter Palmen, jeder nur an sich denkend, nur sich selber schätzend und jetzt in dieser kleinen Künstlergruppe gefangen, ohne Gemeinsamkeiten, bis auf die eine, geflohen zu sein und zu warten auf die neue Zeit.Doch trotz alldem fehlt dem Buch etwas. Es fehlt ihm etwas Zwingendes, etwas Vorantreibendes. Es ist nicht wirklich ein Roman. Es sind Passagen einer Erinnerung. Und da gibt es neben den wunderschönen auch schwache. Das Thomas-Mann-Kapitel ist so voller Klischees von "Münchens Leuchten" und "wo-ich-bin-ist-Deutschland", dass es leblos bleibt. Der Machtkampf zwischen Brecht und Thomas Mann wird als ewiger Witz durchs ganze Buch getragen, und viele Passagen sind einfach langatmig und verplaudert. Das Buch ist eine Verbeugung, ein Buch voller Liebe und Verehrung und ein wenig Spott. Es ist eine Liane über den Graben, der uns für immer von dieser Zeit und diesen Dichtern trennt. Als Roman trägt sie leider nicht.
Literatur
Michael Lentz: Pazifik Exil. S. Fischer Verlag, 460 S., geb., 19,90 Euro
Buchtitel: Pazifik Exil
Buchautor: Michael Lentz
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.08.2007, Nr. 34 / Seite 25
Bildmaterial: AFP