Im Leben schweben

11. Mai 2008 Der amerikanische Schriftsteller Barry Lopez ist dreiundsechzig Jahre alt und lebt in Oregon. In Deutschland ist er vor allem durch seinen mit dem National Book Award ausgezeichneten Reisebericht "Arktische Träume" (auf Deutsch 2000) bekannt geworden, 1995 erschien bei uns "In der Wüste. Am Fluss", 1996 "Der listige Coyote". Sein wunderschönes und kluges Buch über Wölfe und Menschen ist leider nicht übersetzt, wie zahlreiche andere seiner Bücher. Vor drei Jahren wurde er vom Internationalen Literaturfestival in Berlin eingeladen, was will man mehr, und doch scheint es so, als wäre er nur wenigen hierzulande bekannt - ebenso wie sein Landsmann John McPhee. Dabei sind diese beiden Schriftsteller, bei allen Unterschieden, Meister dessen, was man "faction" genannt hat, damit jene amerikanische Mischung aus Fiction und Facts bezeichnend, die in Deutschland, wo ein Geschichtchen, wie es das Leben schrieb, nach dem anderen in den Sack gestopft wird, noch so gut wie kein nennenswertes Pendant gefunden hat.

Sein hier vorzustellendes schmales Buch "Als ich aus der Welt verschwand" ist ein erzählerisches Manifest (im Duktus eines Anti-Manifestes verfasst), das aus einer Anzahl von Erfahrungsberichten besteht, geschrieben von Menschen, die sich mit dem Leben innerhalb dessen, was man westliche Welt nennen kann, nicht mehr abfinden mochten und sich dorthin aufmachten, wo sie zu finden hofften, was ihnen eine dem vagen Daseinsentwurf (und ihrem wunden Daseinsgefühl) würdige Lebensweise zu sein schien. Sie fliehen allesamt vor dem Zugriff einer Macht, deren weltweite Ambitionen auf Vorherrschaft vom vollmundigen Versprechen auf Demokratie getragen werden, hinter dem sich die rabiaten Fortschrittsphantasien einer ungezügelten Wirtschaft schlecht verbergen. Diese Gruppe von Menschen, die über den Globus verstreut leben und dennoch ihr Dasein nicht unbeobachtet zu führen scheinen, kann sich, nachdem doch schon alles, was gegen die Macht gesagt werden konnte, gesagt worden ist, erneut und letztendlich nur dadurch zur Wehr setzen, dass sie Berichte von jenen Erfahrungen schreibt, die sie bewogen haben, aus dem Machtbereich, der sich bis in die Gefühle und Gedanken ausdehnt, zu entweichen.

Das hört sich an wie ein Reigen von antiamerikanischen Aussteigergeschichten nach dem September 2001 (die Originalausgabe erschien 2004), und doch ist es nicht so, dass hier die westliche Lebensführung reflexhaft in Bausch und Bogen verdammt und ein anderes Modell stattdessen zum Nachahmen vorgestellt würde, als könnte man Gesellschaften aus dem Baukasten planen und entwickeln. Der Ausstieg aus den gewohnten Bahnen (deren Furchen tief in das hinein reichen, was man seine persönliche Fassung nennen kann) ist eine sehr viel kompliziertere Angelegenheit, wenn er denn gelingen soll - und gerade wenn man sich einige der neuen, doch häufig nur neu aufgelegten theoretischen Vorschläge anschaut, wie man aus der auf diese oder jene Weise definierten Sackgasse der westlichen Welt gelangen könnte (vehemente Medienkritik, Konsumkritik, Kapitalismuskritik), dann ahnt man angesichts der gleichsam erfolgsorientiert tautologischen, in sich geschlossenen Konstruktionen, die sie ebenso sind wie die Welt, die sie kritisieren, wie schwierig ein Ausstieg in Wirklichkeit ist - vor allem deshalb, weil er voraussetzt, dass man sich jenes Denkens und Fühlens bewusst wird, die einen wirklichen Ausstieg offensichtlich unmöglich machen können.

Die Lebensberichte der Gruppe kreisen um subversive Erlebnisse und nicht um diskursive Argumente, und häufig ist es so, dass selbst diese weitreichenden Erlebnisse, die gleichsam wie ein letzter Wassertropfen das Glas zum Überlaufen bringen, zwar so etwas wie die Ursache einer Lebensveränderung zu sein scheinen, aber doch nicht restlos verstanden werden. Insofern sind diese Geschichten auch poetische Reflexionen über das Ereignis - ein Begriff, über den der französische Philosoph Gilles Deleuze sein Leben lang nachgedacht hat. Wie bei Deleuze haben die Ereignisse in jenen Erfahrungsberichten den Charakter von Fragen, die sich nicht endgültig lösen, sondern nur immer wieder aktualisieren lassen. Die Ereignisse kommen nicht abrupt, sondern in ihnen dehnt sich etwas aus und kulminiert etwas, was einer eigenen Zeit und einem eigenen Raum anzugehören scheint - einer Zeit und einem Raum, die sich den westlichen Zeit- und Raumlogiken nicht erschließen. Man könnte dieses "etwas" als eine existentielle Potentialität beschreiben, als eine Lebensmöglichkeit, die weit über das hinausgeht, was einem immer nahelag. Und man könnte das damit korrespondierende Gefühl als eine existentielle Virtualität beschreiben, die einen aus der Fassung erlöst, in die man sich hineingelebt hat, wie jene junge Frau in Buenos Aires in ihren Beruf als Architektin, oder in die man hineingestoßen wurde, wie jener junge Mann in den Krieg, aus dem er blind und mit verbranntem Gesicht heimkehrt.

Alle diese Geschichten handeln von Aufbrüchen, wie man im Jargon der Spontanität sagen könnte, von Entfaltungen dessen, was ein geformtes Ich sein mag, zu einer Welt hin, mit der die landläufigen Ichfaltungen nicht kompatibel sind und von der Ethnologen und Reiseschriftsteller berichten, wenn sie vom Leben indigener Völker erzählen. Eine Gemeinsamkeit aller Erlebnisse, um die die Berichte in dem Buch kreisen (so jener von dem Mann, seiner Frau und ihren Kindern, die Nordamerika verlassen und nach Manaus ziehen), liegt darin, dass sie zu einem Zustand der Schwebe führen, in dem sogar die einfachen Wahrnehmungen, die schlichten Sensationen aus dem sicheren empiristischen Raster fallen und Brücken zwischen geahnten, gefühlten, imaginären und materiellen Bereichen werden, die sich ansonsten ausschließen.

Mit der aggressiven Hilflosigkeit von altbackenen sogenannten Rationalisten kann man diese Schwebe, wie sie Barry Lopez in seinen Geschichten mit jener Vorsicht beschreibt, mit der man einen verletzten Vogel in die Hand nimmt, als Reservat einer Mensch-Natur-Mystik beschreiben, in die sensible Nordamerikaner, gleichsam als späte Abbitte, die ganze westliche Welt sofort stecken wollen, wenn sie an das Los denken, das ihre Vorfahren den Indianern zugefügt haben. Tatsächlich ist diese Schwebe, die zu halten es, wie einer der Berichterstatter schreibt, der höchsten Wachsamkeit bedarf, zuerst ein Gefühl, dann ein temporärer Zustand und schließlich eine Daseinsweise, die sich radikal noch jener "Kontrollgesellschaft" (Gilles Deleuze) entzieht, von der man annehmen muss, dass die in ihr entwickelten Technologien jene Erfahrungen der Schwebe durch virtuelle und künstliche eines Tages zu ersetzen vermögen - und dann wäre das Buch von Barry Lopez, dessen Originaltitel "Resistance" lautet, als eine der letzten Markierungen zu lesen auf jenem Weg in eine Zukunft, in der das "Ich" wirklich verschwunden ist. Noch kann man bei Lopez die Hoffnung stärken, dass erst einmal das Ich "verschwinden" kann.

EBERHARD RATHGEB

Barry Lopez: "Als ich aus der Welt verschwand". Mit neun Monotypien von Alan Magee. S.-Fischer-Verlag, 222 Seiten,17,90 Euro



Buchtitel: Als ich aus der Welt verschwand
Buchautor: Lopez, Barry

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.05.2008, Nr. 19 / Seite 31

 
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