Funkes „Tintenherz“

Zaubern mit Worten

Von Monika Osberghaus

Die Hauptperson der Geschichte, das Mädchen Meggie, wird auf Seite 221 von einer Woge der Erleichterung ergriffen. „Es ist vorbei, dachte sie. Es ist wirklich vorbei.“ Der Leser aber wird sich mit wohligem Schaudern vergewissern, daß er noch fast zwei Drittel des Buches vor sich hat und daß daher vorerst nichts so schnell vorbei sein kann - zum Glück, wird er denken. Denn es handelt sich um das neue Buch von Cornelia Funke. Heute kommt mit ihm endlich eine neue, eine dritte Farbe auf die Tische der Kinderbuchabteilungen. Immer nur „Harry Potter“ und die „Wilden Hühner“, das wurde ja schon langweilig in diesem Sommer. „Tintenherz“ ist tiefrot, dick und geheimnisvoll, und auch wenn es aus derselben Feder stammt wie die allseits beliebten „Wilden Hühner“, ist es eine geradezu altmodisch eigenwillige Geschichte. Weder locker-leichter Serienstoff noch eine Nachahmung der Zauberlehrling-Story, wie wir sie jetzt häufig sehen.

Mit „Tintenherz“ ist ein weiterer, ganz singulärer Schmöker da. Die Erleichterung auf Seite 221 ist nur ein kurzes Luftschnappen in der Wirklichkeit - Meggie wird in einem Café frühstücken, wird sich waschen, wird schlafen können -, aber dann geht es weiter hinab, hinab, hinab den Erzählfluß hinunter, die Strömung ist stark. Von Romanen, in denen man versinkt, sprechen wir, wenn eine Geschichte besonders spannend ist. Niemand kennt das besser als die zwölf Jahre alte Meggie. Sie ist eine solche Büchernärrin, daß man fast befürchten muß, die „Stiftung Lesen“ wird mehr Sympathie für sie aufbringen als normale kindliche Leser, die ihre Begeisterung für raschelnde Seiten und das Gefühl beim Glattstreichen der Seiten nicht teilen können.

Ein Leben auf der Flucht

Cornelia Funke übertreibt es zu Beginn ein wenig mit der Bibliophilie ihrer Figuren. Aber da sie von Anfang an eine leise flüsternde Angst-Ahnung zwischen die Zeilen legt, wird niemand das Buch zuschlagen, nur weil darin ein paar Leute ein Riesengetue um Bücher machen. Das furchtsame Flüstern wird in demselben unmerklich langsamen Tempo zu einer lauten Stimme anschwellen, in dem beim Leser das Verständnis für die Bücherliebhaber wächst. Das merkt er aber gar nicht, weil er eben bald in der Geschichte versinkt. Allerdings geht es hier eher um das Auftauchen. Jeder, der gerne liest, hat wohl schon einmal mit dem Gedanken gespielt, nicht nur daß er in die Geschichten hineingehen könnte - diese Phantasie ist ebenfalls sehr beliebt und selbst schon ein Motiv großer Geschichten geworden -, sondern auch, daß seine Lieblingsfiguren plötzlich leibhaftig da sein könnten. Cornelia Funke hat dieses alte Gedankenspiel zur Grundlage von „Tintenherz“ gemacht. Ihre Variation des Themas ist meisterhaft durchdacht, finster und bezwingend.

Es sind gewiß niemandes Lieblingsfiguren, die Meggies Vater Mo aus dem Buch mit dem Titel „Tintenherz“ herausgelesen hat, damals, als er noch laut zu lesen wagte. Cockerell heißt einer, der schnell zur Flinte greift, Basta ist ein Meister darin, andere mit seinem Messer zu verunzieren, und der Böseste und Kälteste ist Capricorn, ihr Herrscher. Sie alle standen plötzlich drohend im Zimmer, während Mo seiner Frau aus dem Buch über sie vorlas und die kleine Meggie ein Bilderbuch betrachtete. Seitdem sind sie hinter Mo her, wollen zurückgelesen werden oder wenigstens das Buch erwischen, das ihre Heimat ist. Seitdem ist Teresa verschwunden, Meggies Mutter. Mo ahnt: Statt der brutalen Gestalten ist nun sie in „Tintenherz“ gelandet. Deshalb kann er es nicht hergeben, versucht verzweifelt, sie wieder daraus hervorzulesen, immer auf der Hut vor den Männern Capricorns, die den Zauberer einfangen wollen, der sie nur mit seiner Stimme in eine so seltsame Wirklichkeit holte. „Zauberzunge“ nennen sie ihn. Neun Jahre lang geht das schon so, ein Leben voller Vermissen, ein Leben auf der Flucht. Und Meggie weiß von nichts.

Wer hat die Macht?

So geht es los. Zusammen mit Meggie erkennen wir nach und nach die Lage. Nun, da sie selbst bedroht ist, muß sie die Wahrheit wissen. Sie ist ihr ohnehin schon auf der Spur; seit Staubfinger aufgetaucht ist, eine ebenfalls aus „Tintenherz“ hervor-gelesene Figur, kann Mo ihr nichts mehr vormachen. Auch Staubfinger sehnt sich zurück in sein Buch. In unserer Welt fühlt er sich unbehaust, ein müder Gaukler mit unbrauchbaren Fertigkeiten. Bald kommt noch Meggies Großtante Elinor dazu, eine fanatische Büchersammlerin, die nur zu ihren Sammelschätzen nett ist. Zähneknirschend macht sie sich mit Meggie auf den Weg, um den entführten Mo zurückzuholen.

Mit weit ausholender Geste zieht Cornelia Funke all diese Personen - und noch einige mehr - zusammen, schart sie um das Buch „Tintenherz“ und um die Frage nach der Macht. Wer hat Macht über den Verlauf einer Geschichte, die Entwicklung eines Charakters? Kann man die eigene Geschichte vorbestimmen, sollte man sich das wünschen? „Weißt du etwa, wie deine Geschichte ausgeht?“ fragt Staubfinger einmal die ratlose Meggie, und sie merkt, sie will es gar nicht wissen. Aber die Macht der Wörter spürt sie genau, und als sie feststellt, daß auch sie Dinge und Wesen aus den Büchern durch Vorlesen zum Leben erwecken kann wie ihr Vater, erfüllt sie das mit Kraft und Genugtuung.

Spaß, Spannung, Turbulenzen

Meggie macht ihre neue Macht aber auch Angst. Es ist erstaunlich, wieviel Traurigkeit, sogar Melancholie, in einer so dynamischen Geschichte stecken können. In ihren Regungen sind die Erwachsenen und Kinder gleich, jedenfalls die auf der „guten“ Seite: Jeder von ihnen ist mal unsicher, mal vernünftig, mal konfus und mal entschieden. Angst und Sehnsucht fragen nicht nach dem Alter, und aus welchem Holz ein Mensch geschnitzt ist, das weiß man im Moment großer Bedrängnis - und nicht nach einem Blick auf das Geburtsdatum.

Schon in ihrem letzten Kinderroman, „Herr der Diebe“, gab Cornelia Funke ihren Figuren die Möglichkeit, am Rad der eigenen Geschichte zu drehen. Ganz wörtlich: drehen - denn man konnte sich auf einem alten Karussell jünger oder älter fahren lassen. Nun übernimmt ein Buch die Aufgabe, das Geschehen ins Phantastische zu kippen. Wie in „Herr der Diebe“ verzichtet Cornelia Funke auch in ihrem neuen Werk mit bewundernswerter Gelassenheit darauf, das Wesentliche ihrer Geschichte an diesem über-realistischen Kipp-Punkt aufzuhängen und sich auf ihrer guten Idee auszuruhen. Daß Menschen und Dinge aus den bedruckten Seiten fallen, ist zwar aufregend, aber viel faszinierender sind die Gedankengänge, die dadurch ausgelöst werden. So gibt Cornelia Funke den Kindern, was sie von Büchern wollen: Spaß, Spannung, Turbulenzen und tiefe Gefühle. Zusätzlich zeigt sie neue Wege, zumindest die Eingänge, zu einem Bereich, in dem es Spaß macht, konzentriert zu denken. Ein Buch, das Kindern dies bietet, ist mehr als befriedigend, was ja schon viel wäre. Es ist eine freundliche, beglückende Herausforderung.

Großes Gedankengepäck

Zaubern mit Wörtern - das ist es, was Meggie sich zu lernen vornimmt, als alles gut ausgegangen ist und sie wieder über die nächsten zwei Tage hinausdenken kann. Zuvor haben wir mit ihr ein grandioses Finale erlebt. Die Zitate am Kopf jedes Kapitels wurden immer unheilvoller, drängender, wie ein langsam anschwellender Trommelwirbel. Zitate aus Titeln übrigens, die man als Leseliste für die Zeit nach „Tintenherz“ nutzen kann und die auch andeuten, daß es durchaus noch Dunkleres für Kinder gibt. Ein gutes Leben birgt Gefahren, und gute Bücher erzählen auch von angsterregenden Dingen, das muß Meggie bei ihrer vergeblichen Suche nach Büchern, aus denen sie nichts Böses heraus-lesen kann, feststellen. Auch in diesem Sinne gehören die federnden, sicheren Schritte, mit denen Cornelia Funke ihre Figuren in aller Ruhe durch die Nacht auf den vom Feuer erleuchteten Schluß zuführt, zum Besten, was man in Kinderbüchern finden kann.

Kann Frau Funke mit Wörtern zaubern? Jedenfalls kann man „Tintenherz“ getrost vorlesen, es kommt nichts dabei heraus. Letztlich ist es in der Machart entschieden konventionell. Manche Wendungen werden allzu häufig bemüht - da „mustern“ sich alle Leute immerzu, da „fließt“ das Licht, und der Regen „trommelt mit nassen Fingern“ gegen die Fensterscheiben. Derlei trägt mit dazu bei, daß man das Buch zwar in einer Nacht durchliest, danach aber nicht mehr lange an die Geschichte denkt. Die Leidenschaft für Literatur aber und das große Gedankengepäck, mit denen dieser Schmöker daherkommt, die bleiben im Sinn.

Cornelia Funke: „Tintenherz“. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2003. 576 S., geb., 19,90 [Euro]. Ab 10 J.



Buchtitel: Tintenherz
Buchautor: Funke, Cornelia

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2003, Nr. 213 / Seite 34
Bildmaterial: Verlag

 
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