Lukas Bärfuss: Hundert Tage

Mach dein Kreuz, und fahr zur Hölle

Von Tobias Rüther

12. April 2008 Lukas Bärfuss hat einen Roman über die Schweiz geschrieben. Er spielt in Ruanda, in der Hauptstadt Kigali, in einer Botschaft, einem Garten, einem Haus. Er spielt an hundert Tagen zwischen April und Juli 1994 und noch an einigen mehr davor und danach. Er spielt im Völkermord der Hutu an den Tutsi, im Flüchtlingslager von Goma, in einem Hotelzimmer am Kivu-See, in einer Bettgeschichte zweier Menschen, die Agathe und David heißen: Sie ist Hutu, er ist Schweizer und hat sein Land mit nach Ruanda genommen, als er dort seinen Dienst als Entwicklungshelfer antrat. Seine Rechtschaffenheit hat David mitgenommen, seinen Gerechtigkeitssinn, sauber und weiß gestärkt wie ein Oberhemd, und seine Neutralität, die Vorsicht und Zurückhaltung, all die stubenreinen Werte des Westens, die im Augenblick der Gewalt nichtig werden: In den hundert Tagen, die diesem Romandebüt seinen Titel geben, sterben in Ruanda zwischen achthunderttausend und eine Million Menschen - vor den Augen von Entwicklungshelfern, UN-Soldaten, Hilfsorganisationen, vor den Kameras der Ersten Welt.

Ganz an das Ende seiner Geschichte hat der preisgekrönte Zürcher Dramatiker eine fürchterliche Szene gestellt. Sie zeigt kein Blut, auch wenn das in diesem kurzen Buch reichlich fließt. Sie zeigt David auf der Flucht aus Kigali zu den Flüchtlingslagern in Kongo: „Ich zog deshalb ein rotes Hemd mit einem großen weißen Kreuz an, und das rettete mir zwar das Leben, brachte mir aber auf der Reise auch viele Unannehmlichkeiten. Kranke und Verzweifelte baten mich um Hilfe, darunter eine alte Frau ohne Zähne, die unerträglich nach Kot stank. Sie verlangte Essen und Medikamente, und es kostete mich einige Mühe, diese lästige Person abzuschütteln. Sie war nicht die Einzige, immer wieder musste ich erklären, dass dies ein weißes Kreuz auf rotem Grund und kein rotes Kreuz auf weißem Grund war und ich also kein Helfer, nicht verpflichtet, irgendjemandes Haut zu retten außer meiner eigenen.

Ordentlichkeit, Sauberkeit, Ehrlichkeit und Fleiß

Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss

„Was ist hier passiert? Die Flüchtlinge verstehen die Zeichensysteme des Westens nicht mehr. David aber klammert sich fest daran. Mehr noch, er versteckt sich hinter Verabredungen, hinter der vernünftigen Aufgabenverteilung einer anständig geregelten Entwicklungshilfe. Er ist die Schweiz und nicht das Rote Kreuz. Aber wie kann man neutral sein, wenn um einen herum Todesschwadronen die Tutsi erschlagen und köpfen wie Kakerlaken? David ist an dieser späten Stelle des Romans längst innerlich auseinandergefallen; er weiß das auch, der Leser genauso, über seinen offenbaren Ekel sollte man deshalb hinweglesen: Denn was an dieser späten Stelle des Romans aufscheint wie an keiner zweiten, ist das Entsetzen des Autors über die Formalität des Westens. Über seine Buchstabentreue, den Glauben daran, dass seine Gabe zur Rationalität, seine Tischmanieren den weißen Mann groß gemacht haben. Lukas Bärfuss hat natürlich keinen Roman nur über die Schweiz geschrieben.Es kann ja sein, dass zur Dialektik der Aufklärung genug gesagt worden ist. Und es ist egal, dass Lukas Bärfuss, Jahrgang 1971, seine Geschichte zu fleißig recherchiert hat, wie manche seiner Kritiker behauptet haben. In einer Zeit ständig neu erscheinender historischer Familienromane wirkt ein Gegenwartsbuch wie „Hundert Tage“ einfach sehr dringend, sehr richtig und gar nicht gutgemeint.

Welche von den Fragen, die Bärfuss darin stellt, sind denn schon gelöst? Darfur ist nicht vorbei. Zimbabwe schwelt. Selbst in der aktuellen Diskussion um Tibet und die Olympischen Spiele ist der sogenannte Westen uneins darüber, wie er sich aus dem Dilemma laviert, nur nicht gegen die Tagesordnung zu verstoßen. Gegen die Tischmanieren. Davids Kollegen aus der Entwicklungshilfe sind in den ersten Tagen des Blutbads aus Ruanda geflohen, empört und enttäuscht, weil die Hutu „sich ihrer Redlichkeit nicht würdig erwiesen“ haben. Die Etiketten halten immer noch: Blaue Helme schießen nicht, weiß auf rot ist nicht rot auf weiß. In den Wochen und Monaten vor dem Genozid hatten den Kollegen aus Davids Direktion die Umgangsformen der Rebellen nicht gefallen. Und weil alles andere ein diplomatischer Affront gewesen wäre, redeten sie lieber mit den Machthabern statt mit den ungehobelten Kerlen, denn: „Sicherheit war wichtiger als Gerechtigkeit.“ Also verhandelt die Direktion mit den Hutus, die sich die Aufständischen per Völkermord vom Halse halten.Das Höllenland Ruanda, erwähnt David irgendwann, habe man einmal die „Schweiz Afrikas“ genannt. Die Mehrheit im Lande, die regierenden Hutu, liebten die Gesandten wegen ihrer Sekundärtugenden: „Ordentlichkeit. Sauberkeit. Ehrlichkeit. Und die wichtigste von allen: der Fleiß.“ Von ihrer Direktion aus organisieren die Entwicklungshelfer Schreibgeräte, Telekommunikation und Verkehrswege, „weil jede gute Tat einen Bleistift erfordert, einen Bleistift und einen Lehrer, ein Telefon und eine Straße“. Und dabei versicherten sie sich mit geschlossenen Augen ihrer Rechtschaffenheit. Aber mit dem Bleistift werden die Todeslisten geschrieben, am Telefon der Mordbefehl erteilt, auf der Teerstraße die Schwadronen zu ihren Opfern gebracht. Und den Radiosender, über den Hutu-Hassprediger ihre Leute gegen die Tutsi anstacheln, hat ein Schweizer Journalist aufgepeppt.

Seiner Redlichkeit nicht würdig

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Hundert Tage
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All das erzählt Lukas Bärfuss in seziererischer Prosa und mit einem Unterton von Spott. Den dosiert er aber vorsichtig, weil man sich so einen Spott leisten können muss und der Preis in Ruanda für alle Beteiligten von damals zu hoch wäre. Bärfuss hat kein Thesenbuch geschrieben, wir bewegen uns von den ersten Seiten an in den verdrehten Gewinden von Davids Kopf. Seine Hauptfigur lässt er mitten hineinlaufen in das Chaos der Flüchtlingslager, wo die humanitären Hilfsorganisationen um die höchsten Todeszahlen wetteifern, weil der Gewinner die meisten Fernsehbilder bekommt - und die größten Spenden. Wenn man das hier nacherzählt, liest es sich wie Journalismus. Bärfuss findet dafür Bilder. Zwischen den Zelten und im Gestank von Goma trifft David seine Agathe wieder: die elegante Hutu, die sich nach europäischen Städten sehnt, nach Ablenkung von den tristen Dingen, die David mit Feuereifer erledigt, und der er verfallen ist, mit der er schlief, sooft er nur konnte.

Ihretwegen ist David in Kigali geblieben, im Garten seines Hauses, als der ganze Westen aus dem Land floh. Doch Agathe ist da längst zur Anführerin einer Todesschwadron geworden, zur Einpeitscherin gegen die Tutsi, zur Schlächterin. In ihrem Sex, der immer heftiger wird, je desolater die Lage sich entwickelt, die Konflikte auszutragen, die David langsam in die Deprivation treiben - das strapaziert den Roman allerdings. Man hätte ihn auch ohne Körperpolitikmetaphern verstanden.Im Lager von Goma findet David Agathe im Sterben, und als es so weit ist, löst sich ihre Zunge schnalzend vom Gaumen: Das war das Geräusch, mit dem Agathe bei ihrer ersten Begegnung die ganze Verachtung für den weißen David zum Ausdruck brachte, als der sich am Brüsseler Flughafen für ihre Ehre einsetzte. „Du hast zu viele Ritterromane gelesen“, sagt sie irgendwann zu ihm, weil David einen Bussard pflegt und tote Hunde an ihn verfüttert. Um ihn herum sterben die ersten Tutsi, aber David bezahlt einen Tierfänger für Kadaver. Eines Tages kommt der Vogel mit einem Finger im Schnabel wieder. Da köpft David ihn mit einer Machete. Der Bussard hatte sich seiner Redlichkeit nicht würdig erwiesen.

„Es gibt nur ein klareres Faktum als eine frische Leiche, und das sind hundert Leichen“, sagt ein Kollege von David irgendwann, Missland, ein gescheiterter Entwicklungshelfer, der wie eine Art Major Kurtz im Dschungel von Ruanda Todespoesie von sich gibt. Die Machete buchstabiert dieses Faktum durch. In einer Welt jenseits von Gut und Böse ist sie an die Stelle von weißen und roten Kreuzen gerückt.

Buchtitel: Hundert Tage
Buchautor: Bärfuss, Lukas

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.04.2008, Nr. 86 / Seite Z7
Bildmaterial: Wallstein Verlag

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