
man rätselt über zwei Personen, pseudowissenschaftliche Versuche einer Deutung, von welchen Orten her, von welcher Zeit? Sie begegnen sich mehrmals (schon sehr verdächtig), man kannte noch keine Teppichluder und keine Besenkammern; man vermutet sie trieben es nicht nur, und dies nicht nur aufgrund gemeinsamer Interessen, oder waren da gar keine gemeinsamen Interessen? Kein Antisemitismus, keine Lyrik, keine Liebe. Wollten sie vielleicht nur spielen. Sie hörte ihm zu und er konnte reden, reden wovon er sonst nur schwieg, oder sag ich schrieb, ja schrieb, worüber er schwieg, worüber er zu schweigen hatte und sie? Die Verständnisvolle, die Liebende, soll ich sagen die Naive? Er Groß und sie Klein? Sprachen sich zu, schwiegen sich zu, schrieben sich zu. Er wie so vielen, die er vorher liebte oder auch nicht liebte, die er weiterliebte und nicht, weil er nur eine Liebte, je geliebt hatte und lieben würde, seine Mutter und dann dieses Schreiben, diese Gedichte, von denen keine Rede ist hier, und wie in all den Biografien über ihn und über andere, weil keiner Gedichte liest, und keiner Lyrikbände kauft, aber Biografien, die laufen, besonders, wenn es um Liebe geht, um Liebe und um Tod, denn beide könnten sich ja Lieben und beide

Ich habe Celan lange zugehört. Die Wucht seiner Worte mit denen er seine Zuhörer von einem Bild in das nächste treibt, ohne Pause und ohne Gnade, faszinierte mich. Er - der sein und das Opfer seines Volkes zu verkraften suchte um doch im Erkennen der Dimension zu scheitern, setzt sich in die Rolle des Erbarmungslosen um sein Publikum an sich selbst im Geiste leiden zu machen, so wie er selbst litt. Es ist nachvollziehbar, dass die Nachkriegsmenschen, nach Leid und Mord, endlich mit dem Grauen (auch und vor allem dem Selbstverschuldeten) fertig werden wollten. Schnell und effizient. Da störte der eine nur, der sein Opfer nicht in Entschädigungsanträgen oder anklagenden Briefen beschwor, sondern die Kunst, die Muse, die gerade erst kommende Leichtigkeit des Seins und die hochkreativ, in sich gekehrt-kreisende Depression der 60´er Jahre mit langzeitgefrorener Blutschuld färbte. Das nahm der Nachkriegsmensch in Deutschland sehr persönlich und estimierte deshalb kaum, dass es Celan´s gesamten Lebensuniversum nicht anders erging. Die Dimension des Leidens machte sein Schweigen rasend und so konnte er selbst in seiner hochsensiblen Beziehung zu Ingeborg Bachmann nicht aufhören, beide an ihrer beider Vergangenheit leiden zu machen.

für ihre aussichtslosen Chancen... - so sieht Amy Winehouse JEDES Liebespaar. Wie hätte es bei solchen Genies (wie Paul Celan und Ingeborg Bachmann) anders sein können? Daß die beiden trotzdem (oder tatsächlich) ein Verhältnis hatten, ist atem- beraubend - und erklärt die fehlende Distanz der Autorin ohne Not. Nur ein Narr (oder ein Neider) bleibt davon unberührt - oder glaubte im Ernst, Paul Celan habe mit diesen Briefen "an seinem Image gearbeitet". Würde man Kafka unterstellen, er habe den Literatur-Nobelpreis im Sinn gehabt? Wohl kaum - aber einem Auschwitz-Juden (wie Celan), der überlebt hat, unterstellt man "Show" - und nennt seine Geliebte, die sich um ihn sorgt, "wichtigtuerisch". Wie armselig. "Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus. Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen. Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus, wenn wir den Atem tauschen." Erst jetzt erschließt sich der Sinn dieser Zeilen.

Ich weiß nicht, was ich widerlicher finden soll: daß die Autorin hier seitenlang und gänzlich ungeniert die Werbetrommel für das von ihr mitherausgegebene Bändchen traktieren darf oder das weihevolle (und urdeutsche) Genielkultgeraune, das den gesamten Artikel durchzieht und mir allenfalls mitteilt, daß Fr. Stoll die notwendige Distanz zu ihrem Gegenstand schmerzlich vermissen läßt und im Geiste vor den beiden literarischen Turteltäubchen pro Absatz dreimal niederkniet. Vom "existenziellen Ringen um die deutsche Sprache" und "poetischer Sprachmacht" ist in den Zitaten jedenfalls wenig zu spüren; die durchweht eher der säuerliche Kitsch, dem vor allem die Bachmann auch in ihren Werken kräftig zuzuneigen pflegte. Gepaart mit der teils gruseligen Gestelztheit dieser Briefprosa ("Du wirst Dir ja denken können, dass die Zeit seit Dir für mich nicht ohne Beziehungen zu Männern vergangen ist"), ergibt sich eine für meinen Geschmack eher unverdauliche Mischung aus wichtigtuerischer, juveniler Schwärmerei (Bachmann) und unermüdlicher Arbeit am eigenen Image selbst im Privaten (Celan).

Was wir hier haben ist ein gelungener Überblick über eine bedeutende Beziehung für die deutsche Literaturgeschichte. Der autobiographische Einfluss des Autors - welcher in den letzten Jahren entweder zu autofiktionellen Selbstdarstellungen verkam oder völlig autorlosen Lesarten provozierte - scheint hier die Möglichkeit zu erhalten, durch zwei große Lyriker eine kleine Renaissance zu erlangen. Arbeiten über die Beeinflussung der Korrespondenz auf das Werk stehen noch auss, aber es wäre nicht verwunderlich sie ähnlich ergiebig zu finden, wie diejenigen über die Beziehung von Goethe und Marianne von Willemer.