Von Peter Thomas
19. Oktober 2001 Der träumende Protagonist stolpert aus einer Geschichte in die nächste wie Calvinos lesender Held in "Wenn ein Reisender in einer Winternacht". Vielleicht klingt der Titel von Walter Moers neuem Roman "Wilde Reise durch die Nacht" ja deshalb so ähnlich wie das transtextuelle Verwirrspiel des italienischen Autors.
Ein Spiel mit dem Intertext ist jedenfalls nicht nur der Titel, sondern auch das Buch selbst geworden. Moers bedient sich aus dem Motivfundus der antiken Klassiker so freigiebig wie aus der Welt der modernen Mythen. Der Erfinder von "Käpt'n Blaubär" und "Das kleine Arschloch" hat für das neue Buch die Welt des Fantasiekontinents Zamonien verlassen und erkundet mit schräger Fabulierkunst und eigenwilligem Humor ein neues Universum.
Der Traum als Bilderbuch
Die Ankerpunkte der Geschichte sind Zeichnungen und Stiche von Gustave Doré. Moers zeigt den Künstler nicht als jungen Mann, sondern beschreibt einen Helden von zwölf Jahren auf seinem erträumten Parforceritt durch die Literaturgeschichte.
21 Blätter aus Dorés umfangreichem grafischen Werk bilden den optischen Rahmen dieser Geschichte: Szenen aus Coleridges "Rime of the Ancient Mariner" und Ariosts "Orlando Furioso". Bilder aus Erzählungen von Poe, Milton, Cervantes, Rabelais und anderen deutet Walter Moers nach Herzenslust um, biegt Handlungsstränge in wilde Kurven und gibt den Träumen des künftigen Vielzeichners ein Gerüst aus kunstvoll ersonnenen Querverbindungen.
Mit den Geschichten, die den echten Doré später zu seinen Bilderfolgen inspirieren sollen, haben die Streifzüge Moers daher kaum etwas zu tun. Die treue Mähre Pancho ist noch leicht als Kreuzung von Sancho Pansa und der mageren Rosinante zu erkennen. Aber wenn der antike Sonnenwagen am Firmament plötzlich von Dante gesteuert wird, der damit den Seelenabfall im Feuer des Gestirns entsorgt, setzt der sanfte Rhythmus der literarischen Neckerei aus, wird das Spiel zur grotesken Achterbahnfahrt zwischen scharfkantigen Brocken der Literatur- und Kunstgeschichte.
Vom Zahn der Zeit
Es mag nicht jedermanns Geschmack sein, wenn Moers der göttlichen Komödie einen Gevatter Tod zuweist, der gerade von Terry Pratchetts Scheibenwelt seinen Wohnsitz auf den irdischen Mond verlegt zu haben scheint. Lässt man sich aber auf die Begegnungen mit Figuren wie dem dämlichen Steinriesen (Verkörperungen der freien Künste) oder dem schlimmsten aller Ungeheuer (die Zeit, deren sprichwörtlicher Zahn gerade furchtbar schmerzt) ein, liest sich "Wilde Reise durch die Nacht" als kurzweilige Tour durch ein literarisches Spiegelkabinett. Gerade diese liebevolle Zeichnung einzelner Charaktere mit ihren kleinen und großen Schwächen machen das Buch lesenswert - seien es der eitle Tod, die großmäuligen Ungeheuer oder die zickigen Amazonen.
Den enzyklopädischen Anspruch seiner voluminösen Blaubären-Saga hatte Walter Moers ja schon mit seinem zweiten Zamonien-Roman "Ensel und Krete" hinter sich gelassen. Dennoch knüpft der neue Roman konzeptionell an die Märchen-Parodie mit Motiven aus Beat-Literatur und Fantasy an: Durch seine fiktive Biographie des Hildegunst von Mythenmetz zelebrierte Moers schon in seinem letzten Roman das ironische Spiel zur Schriftstellerei auf mehreren fiktionalen Ebenen.
Dramatisches Leichtgewicht
An ein Märchen erinnert "Wilde Reise durch die Nacht" aber auch durch die ziemlich eindimensionale Handlung: Dem Helden wird vom Tod eine Reihe von Aufgaben gestellt, die er auch brav löst. Alle zeitlichen und räumlichen Sprünge täuschen dabei nicht darüber hinweg, dass sich die Handlung des Buches auf 200 großzügig bedruckten Seiten ohne viele Ecken und Kanten zum Ende entwickelt.
Wo Moers in seiner Lebensgeschichte des Käpt'n Blaubär seine skurrilen Figuren noch in ein dichtes Netz aus Haupt- und Nebensträngen der Romanhandlung bettete, schafft er das in seinem neusten Roman nicht mehr. Das Buch unterhält, macht Spaß und lädt zum Rätselraten ein. Eine eigene Welt von der Qualität Zamoniens zu erschaffen, das leistet der Roman mit seinem silberblauen Umschlag aber nicht. Woran das liegt? Vielleicht tragen die Zeichnungen Gustave Dorés einfach zu viel eigenen Charakter in sich, als dass sich die Bilder einer Neudichtung unterordnen würden.
Walter Moers: Wilde Reise durch die Nacht, Roman, gebunden, 206 S., Frankfurt am Main, Eichborn 2001, DM 39,90 / EUR 19,90
Buchtitel: Wilde Reise durch die Nacht
Buchautor: Walter Moers
Text: @pths
Bildmaterial: Eichborn Verlag