Gegen die Dummheit der Welt

Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze hätten fast geheiratet; jetzt erscheinen ihre Briefe

12. September 2004 Auf einer Tagung der Gruppe 47 lernten sie sich kennen: Ingeborg Bachmann, die berühmte Frau in der Schriftstellerrunde, und der Komponist Hans Werner Henze. 1952 war das, beide waren 26 Jahre alt. Sie mochten sich wohl auf Anhieb. Schon die ersten Briefe zeugen von Respekt und Zuneigung. "Ich fühle mich Ihnen sehr verbunden und küsse Ihnen - über die Alpen hinweg - die Hand", schreibt Henze Bachmann kurz nach der ersten Begegnung. Er wohnt damals schon in Italien, sie noch in Deutschland. Im Sommer 1953 folgt sie seiner Einladung, ihn in Ischia zu besuchen. Kurz bevor sie kommt, scheint er dann doch ein wenig nervös: "Da Sie die liebe wunderbare Bachmann sind", schreibt er ihr, "werden wir leicht sehr gute Agreements finden hinsichtlich der Gestaltung des Tages. Viel Alleinsein ist nötig. Wenig Bücher mitnehmen, sich nichts besonderes vornehmen, abwarten, abwarten, der große Plan lauert." Nach dem Sommer ist das "Sie" einem herzlichen "Du" gewichen, die beiden arbeiten jetzt auch zusammen. Bachmann schreibt einen Monolog zu Henzes Ballettpantomime "Der Idiot"; Opernlibretti werden folgen, Henze vertont auch Bachmann-Gedichte.

Arbeit und Angst

Jetzt erscheint der Briefwechsel zwischen Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann als Buch: "Briefe einer Freundschaft" dokumentiert, wie diese beiden so unterschiedlichen Künstler sich gegenseitig Halt gaben, wie sie sich Mut machten, sich stritten und wieder versöhnten. Es ist die Geschichte einer Freundschaft, die um ein Haar beendet gewesen wäre, als plötzlich von Ehe die Rede war, und die dann als große Freundschaft viele Jahre überdauerte, bis zu Bachmanns Tod 1973.

Bachmann, die große Leidende, scheint in Henze jemanden gefunden zu haben, der ihr mit einer gewissen Leichtigkeit begegnete. In einem Brief vom 15. Januar 1954 hat er ihr Gedicht "Die gestundete Zeit" mit Anmerkungen versehen. "Es kommen härtere Tage", beginnt es. "Noch härter?" hat er dahinter geschrieben. "Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont", heißt es weiter. "Na das möcht ich mal sehen", ist Henzes trockener Kommentar.

Buchshop
Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze - Briefe einer Freundschaft
von Bachmann, Ingeborg
Kaufen bei
amazon.deLibri.de

Etwas später ist die Stimmung zwischen den beiden nicht mehr so heiter. Henze hatte offenbar in betrunkenem Zustand davon gesprochen, Bachmann heiraten zu wollen; sie hatte das ernst genommen und gleich ihre Papiere besorgt, woraufhin er wohl einen Schreck bekam und von der ganzen Sache nichts mehr wissen wollte. Eine Weile sprach er nicht mehr mit ihr, so peinlich war ihm die Geschichte. In einem Brief versuchte er eine Entschuldigung: "Die ganze Sache kann mit wenigen spärlichen Worten erklärt werden: Als ich sah, daß Du diese Unterlagen von der Botschaft geholt hattest und die Dinge Form annahmen, merkte ich, daß ich nicht in der Lage sein würde, mich in diese Ehe zu stürzen." Weiter: "Theoretisch glaube ich immer noch, daß es gut wäre, durch eine Ehe geschützt zu sein und vielleicht auch die Ehefrau ein wenig zu schützen. Aber ich bringe niemandem Glück, und so muß ich eben zur Hölle."

Ein gutes Jahr später ist dann doch wieder von Hochzeit die Rede. Vor allem Henze scheint sich davon ein Gefühl der Sicherheit zu versprechen, der Unverwundbarkeit - zusammen gegen den Rest der Welt. "Für mich ist der Gedanke an eine gemeinsame Zukunft mein ganzer Lebensinhalt", schreibt er Bachmann im November 1955. "Oh, ich glaube, daß unser Leben wunderschön werden wird. Ich habe mich erkundigt: Wenn wir ein Abonnement fürs San Carlo nehmen, brauchst du mindestens fünf Abendkleider! Und für die Konzertsaison mindestens drei Kostüme . . . Ich will Dich sehr elegant haben und werde einen Haufen Geld dafür ausgeben. Auch unsere Wohnung will ich wahnsinnig gemütlich und schön, mit einem Dienstboten oder zwei (einem jungen und einer Haushälterin, das ist vielleicht die beste Lösung), mit einem weißgekleideten Diener. Alles sehr schön." Wenige Tage später schon der nächste Brief: "Jedenfalls, wenn Du sagst, zu allem bereit zu sein, kann ich Dir folgendes versprechen, und das meine ich aufrichtig: Ruhe, Frieden und die Möglichkeit, Dich völlig, ohne irgendwelche anderen Verpflichtungen, Deiner schöpferischen Arbeit zu widmen. Und vielleicht ein schöneres Leben, als Du es je hattest. Das wäre ein Pakt gegen die bedrohlich dumme Welt, gegen die Angst und um einer keuschen und reinen Idee vom Künstlerleben Ausdruck zu verleihen. (. . .) Du hast bis Weihnachten Zeit, darüber nachzudenken. (. . .) Alles zusammen wird sehr schön werden, und Du wirst eine hochelegante Dame sein, ausgeruht, gepflegt und angesehen. Das Leben wird einen gewissen Sinn bekommen, weil man einen Pakt gegen die Angst manifestieren kann. So in einem Brief geschrieben, klingt es dumm, aber ich weiß nicht, wie ich mich besser ausdrücken soll."

Freundschaft und Flirt

Zuletzt wird nicht geheiratet. Die beiden bleiben Freunde, gleichberechtigte. "Du mein Freund", nennt er sie, und Bachmann schreibt: "Du weißt, daß ich ein ,Mann' bin in den Dingen der Freundschaft und nicht weibisch, wie die meisten Männer, die nicht mehr wissen, was die Freundschaft ist." Daß Henze schwul ist, dürfte das Platonische ihrer Beziehung erleichtert haben. Anwandlungen von Eifersucht scheint es zwischen den beiden trotzdem gegeben zu haben: "Ich dachte auch über deinen Gast nach", schreibt Henze einmal, "ich weiß nicht, ob es sehr geschmackvoll war, als er Dich in meiner Gegenwart streichelte und Dir ins Ohr flüsterte, aber was macht das schon, sicher, ich habe nie in Deiner Gegenwart mit jemandem geflirtet."

Und Bachmann versichert Henze an anderer Stelle: "Ich liebe Dich noch, aber ich werde das immer tun, aber es ist eine andere Liebe, eine, die Zweifelssorge nicht kennt, rein und brüderlich - und da gibt es etwas anderes, das zerstört und zerstörerisch ist, alles oder nichts in sich dazu angetan, mich einmal wissen zu lassen, was ich wert bin und was ich nicht wert bin, und ich bin es, Hans, ich allein, die die Dinge so auf die Spitze treibt, denn die Männer sind Feiglinge."

Männer kommen und gehen, auf beiden Seiten - die Verbindung Bachmann-Henze überdauert sie alle. Sie ist "die wichtigste menschliche Beziehung, die ich habe, und das soll sie auch bleiben", schreibt Bachmann; und Henze: "Meine geliebte Ingeborg, nie habe ich einen teureren und schöneren menschlichen Kontakt gehabt als den zu Dir." Henze nennt sie zärtlich "Sweetie", "Carissima", "Täubchen", "Pastellmädchen", "Ingelililili" oder "Bachmanita" - Bachmann antwortet stets mit einem spröden "Mein lieber Hans". Überhaupt sind Henzes Briefe schillernder und lebendiger als die der Schriftstellerin. Und lustiger. Einmal, sie überlegt da gerade, nach München zu gehen, schreibt er ihr: "Auch Lyriker können und müssen scheißen. Also scheiß auf München, ganz klar und präzis." Selbst Traurigkeit, eigentlich ja ihr Spezialgebiet, liest sich bei ihm poetischer: "Mir fehlt ein wenig der Mut in diesen Tagen, muß ich zugeben. Ich weiß nicht einmal, was ich Dir schreiben soll. Alles ist eingeschlossen in der Angst und im Warten." Wie schade, daß er nicht auch Bücher geschrieben hat.

Als Bachmann sich einmal beklagt, daß sie nichts Schickes anzuziehen hat, telegrafiert Henze: "Abendkleid unvermeidlich schon bestellt"; sie revanchiert sich später mit einer Krawatte von Dior. Ansonsten geht es in den Briefen um die gemeinsame Arbeit an den Opern "Der Prinz von Homburg" und "Der junge Lord", um Reisen, Geldsorgen, um private und um Schaffenskrisen. 1958 lernt Ingeborg Bachmann Max Frisch kennen und zieht zu ihm nach Zürich. Henze schreibt: "Vor ein paar Tagen träumte ich, daß eine Gruppe Intellektueller das erste Treffen Bachmann-Frisch-Henze beobachteten, aber sie waren maßlos enttäuscht, weil Herr Frisch mich sofort mochte, wie man daran sehen konnte, daß er mir auf die Schulter klopfte."

Unglück und Ungeheuer

Eine Begegnung der drei im wahren Leben hat Max Frisch in "Montauk" beschrieben, eine gemeinsame Frankreich-Reise, bei der es um seine Beziehung zu Bachmann schon nicht mehr so gut bestellt war: "Wanderung im Schlick weit auseinander. Schwierig für den lieben Freund, so denke ich, mit einem hundstraurigen Paar", heißt es da. 1963 die Trennung. In einem Brief an Henze nennt Bachmann sie die "größte Niederlage meines Leben"; sie hat da gerade einen Selbstmordversuch hinter sich. Henze wird ihr später schreiben, daß es ein Fehler gewesen sei, Frisch zuliebe ihr eigenes Werk zurückgestellt zu haben: "Frisch hätte Dir nie irgendeine Schmach antun können, wenn Du ihn zugunsten Deines eigenen Künstlerseins ignoriert hättest. Im übrigen ist es nie eine Schmach, von einem Schwein beleidigt worden zu sein. Und ein Schwein geliebt zu haben, das ist auch keine Schmach."

Immer wieder ermahnt Henze die Freundin, fleißig zu sein: "Leider hast du noch immer nicht begriffen, wie schön es ist zu arbeiten, und wie Nichtarbeiten viel mehr ermüdet als arbeiten", schreibt er einmal - "ich weiß es, ich Glücklicher, und das ist auch der Grund, warum ich mich nie beklage, obwohl es bezüglich meiner menschlichen und damit privaten Situation viel zu sagen gäbe: was selbst die Steine zum weinen bringt, aber wen kümmert das, wenn nicht mich selbst? Schreib, arbeite, dance, and all that sort of things . . ."

Ingeborg Bachmann kam 1973 bei einem Wohnungsbrand ums Leben; sie war mit brennender Zigarette eingeschlafen. Henze lebt, 78jährig, in der Nähe von Rom. "Ich glaube nicht an Gerechtigkeit im Leben und an schöne Prinzen. Es gibt viele und verschiedene Wege, in die Hölle zu fahren", hatte sie ihm 1954 geschrieben, nachdem er seine Heiratsabsicht zurückgenommen hatte. Sie hat diesen Brief nie abgeschickt. Vielleicht war sie doch tiefer verletzt darüber, als Frau zurückgewiesen worden zu sein, als sie zugeben mochte. "Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann", beginnt eine ihrer bekanntesten Erzählungen, "Undine geht" von 1961. "Wir liebten einander. Wir waren vom gleichen Geist."

JOHANNA ADORJÁN

Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze: "Briefe einer Freundschaft". 538 Seiten, 19,90 Euro. Verlag Piper.

Buchtitel: Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze - Briefe einer Freundschaft
Buchautor: Bachmann, Ingeborg

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.09.2004, Nr. 37 / Seite 28

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben