Von Sabine Doering
06. November 2009 Mit dem Gedächtnis der Frau Professor ist es nicht mehr gut bestellt, das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Denn wie hieß gleich noch ihre PC-Lehrerin - Weißgerber, Weißbecker oder doch Weißmüller? Der Name ist freilich egal, so sieht es auch die eifrige Computer-Schülerin, die mit den frisch erworbenen Kenntnissen ihr Tagebuch zu schreiben beginnt, ganz zeitgemäß am nagelneuen Laptop, den sie vorsichtshalber unter ihrem Bett versteckt. Frau Professor, wie sie von allen genannt wird, lebt nämlich seit kurzem in einem Seniorenstift, und dort möchte sie mit ihrer Technikbegeisterung nicht zu sehr auffallen; es reicht ja schon, dass ihr flottes Elektromobil, das auf dem Parkplatz der Einrichtung steht, Diebe anzulocken scheint.
Haben wir es also mit einer dieser mutmachenden Vorzeige-Seniorinnen zu tun, die uns suggerieren sollen, dass das Leben im Altersheim nichts anderes ist als ein langer Wellness-Urlaub, unterstützt von freundlichen Pflegekräften, die sich um die Widrigkeiten des Alltags kümmern? Nur auf den ersten flüchtigen Blick scheint Dorothea Razumovsky ein solches Altenidyll zu zeichnen, zu dessen Voraussetzungen allerdings neben einer stabilen Gesundheit vor allem die satte Pension gehört, die der Witwe des berühmten Philosophieprofessors eine materiell sorglose Existenz ermöglicht. Schnell wird indes deutlich, dass das Leben dieser Senioren-Heldin keineswegs so ungetrübt verläuft, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.
Spätes Romandebüt
Ganz freiwillig ist die alte Dame nämlich nicht ins Stift gezogen, vielmehr ist sie geradewegs dorthin geflüchtet, um sich der zunehmenden Gängelung durch das Biest und den Kerl zu entziehen. Die wenig damenhaften Ausdrücke gelten ihrer Stieftochter und deren neuem Lebensgefährten, die beide ein begehrliches Auge auf Haus und Besitz der rüstigen Witwe geworfen haben. Aus soziologischer Sicht ist die Konstellation geschickt gewählt, veranschaulicht sie trotz der wenig differenzierten Sprache doch gleich zwei aktuelle Probleme: das zunehmende Altern unserer Gesellschaft und die komplizierter werdenden Beziehungen in Patchworkfamilien. Die PC-kundige Heimbewohnerin ist freilich mehr als eine erzählerische Verkörperung demographischer Entwicklungen. Vielmehr gelingt Dorothea Razumovsky in ihrem späten Romandebüt - die Autorin wurde 1935 geboren - über weite Strecken das Porträt einer liebenswürdigen Heldin, deren offenkundige Schwächen sie zu einer plastischen Figur jenseits der Statistik machen.
Denn Frau Professor hat nicht nur einen ausgeprägten Hang zur Schadenfreude - schließlich hat sie den Computer, dem sie täglich ihre Aufzeichnungen anvertraut, dem Beinah-Schwiegersohn, also dem verachteten Kerl, schlichtweg geklaut und empfindet darüber keinerlei Reue. Zudem will sie sich von ihren neuen Nachbarn im Stift, diesen Friedhofsdeserteuren, nach Kräften abgrenzen, auch wenn sie ja eigentlich den soignierten Herrn von der Pflegestation mit seinen weißen Haaren und der knackigen Figur ganz attraktiv findet. Eine Mischung aus listiger Mutter Courage und unwürdiger, weil unangepasster Greisin entsteht so, in nonchalanter Brecht-Adaption, in den vierzig kurzen, eingängig erzählten Kapiteln des kleinen Romans.
So klingt es in der Volkshochschule
Die große letzte Liebe der Ich-Erzählerin ist aber nicht der nette Herr von nebenan, sondern ein sechzehnjähriger Teenager, den sie kennenlernt, weil er sich im Park um ihren Hund kümmert. Waldemar oder besser Wowa, wie er sich selbst nennt, ist für die allermeisten ein halbstarker Rüpel, ein Tunichtgut, der nichts Rechtes mit sich anzufangen weiß. Frau Professor aber entdeckt in dem unsicheren Jungen vor allem eine verwandte empfindsame Seele. Da Waldemar als sogenannter Spätaussiedler nach Deutschland gekommen ist, seine Kindheit also bei der Großmutter in Sibirien verbracht hat, wo es rote Kühe und endlose Weiden gibt, sieht sie dem Jungen seine Flegeleien gern nach, nun selbst zur Hobby-Soziologin werdend: Leider sind es ja tatsächlich oft diese jungen Russlanddeutschen, die unangenehm auffallen und die alle möglichen und unmöglichen Methoden entwickeln, ihr Taschengeld aufzubessern. Was ist da nur schiefgelaufen? Waren sie, als sie hier ankamen, vielleicht zu alt für die Schule und zu jung, eine brauchbare Ausbildung hinter sich zu haben?
Das klingt in der Tat lehrbuchhaft, und ähnlich steif wirken auch die Besuche der besorgten Seniorin, die sie Wowas wegen bei seinem Lehrer, dem städtischen Jugendpfleger und schließlich einem Psychiater abstattet, der ihn einmal behandelt hat, dem Jungen dann aber doch eine stabile Konstitution bescheinigt, weil er kraftvollere Bilder malt als andere jugendliche Patienten. Vermutlich sollen diese Ausflüge in die Behördenwelt das Versagen der öffentlichen Erziehungsinstanzen vorführen. Das erinnert an den Gestus der engagierten Journalistin, als die Dorothea Razumovsky lange für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen gearbeitet hat. Auch die thesenhaften Ausführungen über verschiedene jugendliche Subkulturen, insbesondere die düster gekleideten Gothics, klingen ein wenig nach gutgemeintem Volkshochschulvortrag.
Was wird aus Wowa?
Am anrührendsten und glaubwürdigsten wird Razumovskys Roman dort, wo er jenseits plakativer Gesellschaftsanalysen in kleinen Szenen die wachsende Annäherung zwischen Wowa und der standesbewussten Seniorin zeichnet. Ein äußeres Zeichen dieser zunehmenden Vertrautheit ist die Freude, die die Erzählerin an Wowas Sprache gewinnt; lustvoll beschreibt sie etwa einen vollmundigen Werbespruch als schlichte Verarsche. Über solche sprachliche Assimilation hinaus - und jenseits aller schrägen Romantik à la Harold und Maude, dem ungleichen Liebespaar aus Hal Ashbys Kultfilm - erfährt die alte Dame durch den orientierungslosen Jungen aber vor allem eine neue Aufgabe: Sollte ich zugeben, dass ich ihn liebte, bedingungslos liebte, wie einen Sohn?
Wie es mit dieser ungleichen Liebe weitergeht, erfahren wir nicht mehr, denn Wowa scheint heimlich nach Sibirien zurückgekehrt zu sein, aus Sehnsucht nach seiner fernen russischen Großmutter oder gar aus dem Wunsch, ins riskante Rauschgiftgeschäft einzusteigen. Seine deutsche Wahlgroßmutter aber verschafft sich ebenso heimlich ein Touristenvisum, lässt Hund, PC und Elektromobil im Seniorenstift zurück und macht sich gleichfalls zu einer ungewissen Reise in Russlands Weiten auf. So offen endet das Romandebüt Razumovkys. Seine faltige, vergessliche und widerspenstige Hauptfigur aber ist ein so konsequenter Gegenentwurf zu allen jungen und attraktiven Romanhelden, dass diese selbstbewusste Seniorin nun fast selbst schon wieder zum Klischee wird.
Dorothea Razumovsky: Letzte Liebe. Roman. Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2009. 152 S., geb., 18,80 €.
Buchtitel: Letzte Liebe
Buchautor: Razumovsky, Dorothea
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag