05. August 2007 Nach eigener Auskunft ist Martin Mosebach, Jahrgang 1951 und Büchnerpreisträger dieses Jahres, ein Reaktionär. Ihm sind die Päpste seit Paul VI., der es wagte, die lateinische Messe in die Volkssprachen zu überführen, zu progressiv und viel zu lasch. Aus ästhetisch-religiösen Gründen ist es für Mosebach indiskutabel, dass das Hochamt nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert wird, wie er in seinem Essay "Häresie der Formlosigkeit" (2002) darlegt. Ein großer Triumph muss es deshalb für Mosebach sein, dass Papst Benedikt XVI. vor kurzem den alten Ritus wieder zugelassen hat. Aber was eigentlich ist ein Reaktionär?
In seinem Essayband "Schöne Literatur" (2006) erzählt Mosebach, wie sein Idol, der auch von Ernst Jünger und Botho Strauß hochverehrte kolumbianische Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila, den "höchsten Ehrentitel" des "Reaktionärs" zu vergeben hat - diesen Titel reklamiert Mosebach für sich. Ein Reaktionär ist die "Gegenfigur" des Demokraten. Er ist kein Konservativer - denn ein Konservativer sei nichts anderes als ein von der Demokratie misshandelter Liberaler, zitiert Mosebach seinen Lieblingsaphoristiker. Allenfalls könnte er Royalist sein, wie Mosebach das in seinem Nachruf auf Peter Hacks angedeutet hat. Damit sich Mosebach-Leser aber nicht gleich politisch-korrekt erregen, hat der Dichter eine konziliante, fast liberale Definition des Reaktionärs eingefügt: "Die höchste Weisheit des Reaktionärs bestünde darin, selbst für den Demokraten noch einen Platz zu finden."
Schmetterlingszartheit
Die Demokraten unter Mosebachs Lesern können dankbar sein, dass für sie auch in einer Mosebach-Welt noch ein Plätzchen zu finden sein wird, und greifen ganz entspannt zur Lektüre des neuen Mosebach-Romans mit dem unverdächtigen, wenn auch leicht betulichen Titel "Der Mond und das Mädchen". Der Roman, eher eine längere Novelle, spielt in Frankfurt am Main, in der Jetztzeit. Hans und Ina, frisch verheiratet, wollen gleich nach dem Studium und der Hochzeit in die Stadt ziehen, wo Hans seine erste Stellung in einer Bank antritt, weshalb die Hochzeitsreise ausfällt. Hans sucht die Wohnung. Schwiegermutter und Tochter reisen währenddessen "in den Süden". Und während Hans ungezählte Frankfurter Wohnungen besichtigt, denkt er an die "Schmetterlingszartheit" und "Elfenleichtigkeit" seiner Frau, an die "Silbrigkeit in Stimme und Haar" und daran, seine Frau mit der neuen Wohnung zu überraschen: "eine köstliche Vorstellung".
Martin Mosebachs Sprache ist meistens Retro und häufig Kitsch; sie will an Thomas Mann und Heimito von Doderer erinnern, die in ihrer Zeit aber authentische Avantgardisten der Betulichkeit waren. Heute, im Falle Mosebachs, muss man wohl von einer Art postmoderner Wortsammeltechnik reden - wo, außer in der Prosa Mosebachs, wird denn heute "angelegentlich" ein Bier getrunken und - gleich zweimal hintereinander - "angelegentlich" telefoniert.
Hans entscheidet sich für eine recht schäbige Wohnung, die er mit seiner Frau einzuwohnen hofft. Als Ina ankommt, nimmt sie sich zusammen und redet sich ein, dass man aus der Wohnung etwas machen könne. In der drückenden Sommerhitze gesellt sich Hans gerne zu einem Grüppchen von Hausbewohnern und Nachbarn, die sich im Hof zum Picheln treffen. Man tratscht über die Hausbewohner und politisiert drauflos. Wenn der Held des Romans etwas trinkt, dann weiß der allseits gut informierte Erzähler: "Wenn Hans früher einmal solch eine Flasche Schnaps mit einem Freund oder soldatischen Kameraden geleert hatte, blieben die Folgen nicht aus. Man lallte und schwankte und kam auf ungewöhnliche Gedanken, um das Mindeste zu sagen." Gedient ist gedient. Die Folgen bleiben nicht aus.
Ina findet im Schlafzimmer der Wohnung eine tote Taube, das Dingsymbol der Novelle. Ina wird von einem tiefen Ekel ergriffen, dessen atmosphärische Ausläufer den weiteren Text verdunkeln sollen. Aber die Taube ist nicht nur ein Fremdkörper in der Wohnung, sie bleibt ein Fremdkörper im Text - ihr Tod hat keine Folgen; sie verwest und stinkt vor sich hin.
Aprikosenhaftes Glühen
Mosebachs Prosa hat das recht häufig: einen strengen Geruch. Einmal räsoniert Hans: "Was machten denn die Völker Asiens oder Afrikas, die über all diese Flaschen und Crèmes und über frischgestärkte Wäsche nicht verfügten und dennoch wunderschön aussahen? Das war das Geheimnis der Zivilisation. Der Mensch hatte offenbar allein die Wahl, sich entweder niemals zu waschen oder, wenn er diese Regel auch nur einmal durchbrach, sich von da ab immer und täglich zu waschen."
Ob die Völker Asiens den Europäern nicht womöglich erst das Waschen beigebracht haben, müssen die Historiker der Hygiene klären - die junge Ehe wird derweil auf die, Mosebach würde sagen: pikante Probe gestellt. Ina und Hans lernen ihre Nachbarn kennen, eine junge Schauspielerin und einen älteren Akademiker. Zwischen Hans und der jungen Frau entspinnt sich eine Beziehung, die Hans' Treue herausfordert. Nach einer durchzechten Nacht übernachtet Hans im Ehebett der Nachbarn und schläft mit der Schauspielerin neben dem ruhenden Ehemann - wie sich später herausstellt, gehört eine solche Konstellation zu einer Übereinkunft des Ehepaars. Neben einer grell spiritistischen Szene ist das auch schon alles an merkwürdigen Begebenheiten und der ganze Spannungsbogen, den der Roman zu bieten hat. Wenn von Hans' Schwiegermutter die Rede ist, setzt Mosebach auf den ranzigen Charme des Schwiegermutterwitzes.
Eine Frau sitzt "im Klappstuhl, als seien ihre Beine von einem Rudel edler Windspiele umgeben"; der allwissende Erzähler merkt an: "Das Meer der Erfahrungen war uferlos. Wer sich darin treiben läßt, begegnet immer neuen Meeresfrüchten, mit bizarren Formen und von schlüpfrig schimmernder Leiblichkeit"; das Sonnenlicht zeigt sich als "aprikosenhaftes Glühen"; eine Frau hat ein "kindlichzartes Doppelkinn, Magerkeit und lieblicher Speck schlossen sich bei ihr nicht aus"; der Ehering ist ein "schicksalsträchtiges Ringlein" und so weiter.
Lieblicher Leib
Ob einem dieser Stil gefällt oder nicht, ist eine Frage des Geschmacks, den man hat oder nicht. Dass aber Mosebachs Art zu schreiben so beliebt ist und so hochgeschätzt wird: das scheint ein Retrophänomen in der Literaturwelt zu sein. Natürlich, das strenge Adorno-Prinzip vom Fortschritt in Material und Form liegt längst, ausgeleiert und abgenutzt, im Secondhandladen der klassischen Moderne herum. Aber wenn man Mosebach liest, trauert man doch der früheren Kategoriensicherheit nach. Der Reaktionär, sagt der heilige Dávila, kämpfe gegen die Entzauberung der Welt. Aber wer oder was ist denn verzaubert, wenn Mosebach verscharrte Wörter und vergessene Stilformen exhumiert, welche dann doch nur wie Untote durch die Sprache geistern?
In seinem Essayband konstatiert Mosebach nüchtern: in der deutschen Hochsprache seien viele einst starke, betonte Silben zu schwachen, beinahe tonlosen verflacht. Wer nicht künstlich hochartikuliert spreche, neige in der deutschen Sprache dazu, Klangloses zu nuscheln. Die Klangreize dieser Sprache "müssen aus der unmelodiösen, tonlosen Sprechweise der gebildeten Deutschen gleichsam ausgegraben werden". Mosebach bedauert, zu Recht, dass Germanien einst nur unzureichend romanisiert wurde. Warum schreibt er aber nicht Latein? Oder lernt Französisch bei Samuel Beckett? "Wie in der Malerei der Vergangenheit, als man die Modelle zunächst nackt zeichnete und dann erst mit Farbe anzog, lohnt sich auch bei der Sprache zu entdecken, welch lieblicher Leib in ihr verborgen ist." Ja, so war das wohl in der alten, verzauberten Zeit, als die Sprache noch eine Frau war und ihr Gebieter, der Dichter, ein Mann.
"Der Mond und das Mädchen" entwickelt ein altväterliches Männerbild und ein weichliches, kitschiges Frauenideal. Den "lieblichen Leib" der deutschen Sprache kleidet Mosebach gerne in pinkfarbenen Tüll. Das will der Autor als Poesie verstanden wissen. Das Reaktionäre als Programm bleibt bei Mosebach ein uninspirierter Griff in das Magazin der Literaturgeschichte.
MARIUS MELLER
Martin Mosebach: "Der Mond und das Mädchen". Roman. Hanser-Verlag, 192 Seiten, 17,90 Euro.
Buchtitel: Der Mond und das Mädchen
Buchautor: Mosebach, Martin
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007, Nr. 31 / Seite 28